Die Gefah­ren­pro­gno­se im Siche­rungs­ver­fah­ren – und die Urteilsgründe

Das Tat­ge­richt hat die der Unter­brin­gungs­an­ord­nung zugrun­de­lie­gen­den Umstän­de in den Urteils­grün­den so umfas­send dar­zu­stel­len, dass das Revi­si­ons­ge­richt in die Lage ver­setzt wird, die – außer­or­dent­lich belas­ten­de – Ent­schei­dung nachzuvollziehen.

Die Gefah­ren­pro­gno­se im Siche­rungs­ver­fah­ren – und die Urteilsgründe

Sind die Anlass­ta­ten nur als gering­fü­gig ein­zu­ord­nen, gel­ten gemäß § 63 Satz 2 StGB stren­ge­re Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen: Die beson­de­ren Umstän­de im Sin­ne die­ser Vor­schrift müs­sen die schma­le Tat­sa­chen­ba­sis in Fol­ge der anders gela­ger­ten Anlass­de­lik­te aus­glei­chen1.

Dar­an gemes­sen hält im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die vom Land­ge­richt getrof­fe­ne Pro­gno­se­ent­schei­dung recht­li­cher Nach­prü­fung nicht stand. Das Land­ge­richt hat die­se nicht auf trag­fä­hi­ge Tat­sa­chen gestützt:

Der Beschul­dig­te ist nur wegen gering­fü­gi­ger Delik­te (Erschlei­chen von Leis­tun­gen; Besitz von Betäu­bungs­mit­teln) mit Geld­stra­fen vor­ge­ahn­det. In die­ser Sache befin­det er sich seit über zwei Jah­ren in Unter­su­chungs­haft bzw. in der einst­wei­li­gen Unter­brin­gung; er ver­hält sich „unauf­fäl­lig“. Allein trug er bei einer Aus­füh­rung zum Sach­ver­stän­di­gen einen abge­bro­che­nen Besen­stiel „für Not­fäl­le“ ver­steckt bei sich. Damit bleibt offen, auf­grund wel­cher kon­kre­ten Umstän­de es wahr­schein­lich ist, dass der Beschul­dig­te die von ihm geäu­ßer­ten – für sich genom­men durch­aus mas­si­ven – „Gewalt­phan­ta­sien“ umset­zen wird. Auch bei der Anlass­tat, die nicht mehr als Ver­bre­chen (§ 252 StGB), gleich­wohl immer­hin als eine Straf­tat mit einer erhöh­ten Min­dest­stra­fe (§ 244 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a StGB) ein­zu­ord­nen ist, führ­te er die Mes­ser nur bei sich, setz­te sie aber nicht ein. Allein mit der all­ge­mein erhöh­ten Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung schi­zo­phren Erkrank­ter kann die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se nicht begrün­det wer­den2.

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Das Gutachten in Unterbringungssachen

Soweit das Land­ge­richt für sei­ne Pro­gno­se ergän­zend das Ver­hal­ten des Beschul­dig­ten in der Unter­su­chungs­haft her­an­ge­zo­gen hat, sind etwai­ge aggres­si­ve Ver­feh­lun­gen weder prä­zi­se noch im Streng­be­weis­ver­fah­ren zur tat­ge­richt­li­chen Über­zeu­gung (§ 261 StPO)3 festgestellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Novem­ber 2020 – 1 StR 420/​20

  1. st. Rspr.; BGH, Beschlüs­se vom 23.01.2019 – 2 StR 523/​18, BGHR StGB § 63 Satz 2 beson­de­re Umstän­de 1 Rn. 12; vom 18.12.2019 – 4 StR 617/​19 Rn. 9; und vom 21.02.2017 – 3 StR 535/​16 Rn. 14; Urteil vom 30.11.2017 – 3 StR 385/​17 Rn. 21[]
  2. BGH, Beschluss vom 21.02.2017 – 3 StR 535/​16 Rn. 14; Urteil vom 11.08.2011 – 4 StR 267/​11 Rn. 15[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 03.03.2020 – 1 StR 51/​20 Rn. 3[]

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