Die Geld­stra­fe und die Insol­venz­an­fech­tung

Auch die Bezah­lung einer Geld­stra­fe unter­liegt der Insol­venz­an­fech­tung, sofern deren tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Der Straf­cha­rak­ter recht­fer­tigt inso­fern kei­ne Son­der­be­hand­lung [1].

Die Geld­stra­fe und die Insol­venz­an­fech­tung

Nach der gesetz­li­chen Rege­lung in § 39 Abs. 1 Nr. 3 InsO han­delt es sich bei Geld­stra­fen um nach­ran­gig zu befrie­di­gen­de Insol­venz­for­de­run­gen. Die Kon­kurs­ord­nung hat­te Geld­stra­fen ganz vom Kon­kurs­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen (§ 63 Nr. 3 KO). Bei­den Rege­lun­gen liegt die Wer­tung zugrun­de, dass die Fol­gen straf­ba­rer Hand­lun­gen des Schuld­ners die­sen per­sön­lich tref­fen und nicht den übri­gen Insol­venz­gläu­bi­gern auf­ge­bür­det wer­den sol­len [2]. Als nach­ran­gi­ge Insol­venz­for­de­run­gen müs­sen Geld­stra­fen im Insol­venz­ver­fah­ren regel­mä­ßig nicht ange­mel­det wer­den (§ 174 Abs. 3 Satz 1 InsO). Bei der Ver­tei­lung wer­den sie nur bedient, wenn alle vor­ran­gi­gen Insol­venz­for­de­run­gen befrie­digt sind. Wegen des Straf­cha­rak­ters kann die Haf­tung des Schuld­ners für eine Geld­stra­fe aller­dings weder in einem Insol­venz­plan aus­ge­schlos­sen oder ein­ge­schränkt wer­den (§ 225 Abs. 3 InsO) noch wird sie von der Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung berührt (§ 302 Nr. 2 InsO). Dem liegt zugrun­de, dass eine Geld­stra­fe nicht der Dis­po­si­ti­on der Gläu­bi­ger unter­liegt und der Schuld­ner sich durch das Insol­venz­ver­fah­ren der Stra­fe nicht ent­zie­hen kön­nen soll [3]. Geld­stra­fen sind sonach in das Insol­venz­ver­fah­ren ein­be­zo­gen. Für sie gel­ten die all­ge­mei­nen Rege­lun­gen der Insol­venz­ord­nung, soweit kei­ne Son­der­vor­schrif­ten bestehen [4]. Die Nor­men über die Insol­venz­an­fech­tung (§§ 129 ff InsO) ent­hal­ten kei­ne Son­der­re­ge­lung. Sie sind daher auf Geld­stra­fen grund­sätz­lich anwend­bar. Anfecht­bar erlang­te Zah­lun­gen sind von der Jus­tiz­kas­se zur Insol­venz­mas­se zurück­zu­ge­wäh­ren (§ 143 Abs. 1 Satz 1 InsO). Geschieht dies, lebt die For­de­rung des Staa­tes auf Zah­lung der Geld­stra­fe nach § 144 Abs. 1 InsO wie­der auf.

Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Anfech­tung der Zah­lung der gegen den Schuld­ner ver­häng­ten Geld­stra­fe nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO lie­gen vor. Die Zah­lung war, auch wenn der Schuld­ner nicht direkt an die Jus­tiz­kas­se leis­te­te, son­dern den Geld­be­trag einer drit­ten Per­son zur Ver­fü­gung stell­te, damit die­se ihn an die Jus­tiz­kas­se über­wies, als mit­tel­ba­re Zah­lung eine Rechts­hand­lung des Schuld­ners [5]. Sie gewähr­te dem beklag­ten Land als Insol­venz­gläu­bi­ger eine Befrie­di­gung, wel­che es nicht in der Art zu bean­spru­chen hat­te. Die Inkon­gru­enz der Zah­lung folgt zum einen aus dem Umstand, dass sie erbracht wur­de, nach­dem die Staats­an­walt­schaft ein Gesuch des Schuld­ners um Zah­lungs­auf­schub abge­lehnt, ihn zur sofor­ti­gen Über­wei­sung auf­ge­for­dert und ange­kün­digt hat­te, im Fal­le nicht frist­ge­rech­ter Zah­lung müs­se er mit Zwangs­maß­nah­men bis hin zur Voll­stre­ckung der Ersatz­frei­heits­stra­fe rech­nen. Eine Befrie­di­gung unter dem Druck der unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Voll­stre­ckung einer Ersatz­frei­heits­stra­fe (§ 43 StGB), die auch im eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren mög­lich ist und kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken begeg­net [6], ist wie im Fal­le einer unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Zwangs­voll­stre­ckung [7] inkon­gru­ent. Zum ande­ren war die Zah­lung auch des­we­gen inkon­gru­ent, weil sie durch eine drit­te Per­son erfolg­te, der die erfor­der­li­chen Mit­tel zuvor vom Schuld­ner zur Ver­fü­gung gestellt wor­den waren [8]. Die Zah­lung erfolg­te nach dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens und benach­tei­lig­te die übri­gen Insol­venz­gläu­bi­ger, weil sie nach der Fest­stel­lung des Beru­fungs­ge­richts aus dem pfänd­ba­ren Ver­mö­gen des Schuld­ners erfolg­te und daher die künf­ti­ge Insol­venz­mas­se min­der­te. Auf die erfolg­te Anfech­tung des Insol­venz­ver­wal­ters ist das beklag­te Land gemäß § 143 Abs. 1 InsO zur Rück­zah­lung des erlang­ten Betrags an die Insol­venz­mas­se ver­pflich­tet.

Die Zah­lung wäre aber auch dann anfecht­bar, wenn sie zu einer kon­gru­en­ten Deckung geführt hät­te. Dann wären die Anfech­tungs­vor­aus­set­zun­gen nach § 130 Abs. 1 Nr. 2 InsO erfüllt, weil die Zah­lung nach dem Eröff­nungs­an­trag erfolg­te und die Staats­an­walt­schaft zu die­sem Zeit­punkt auf­grund eines bei ihr ein­ge­gan­ge­nen Schrei­bens des Schuld­ners Kennt­nis vom Eröff­nungs­an­trag hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Okto­ber 2010 – IX ZR 16/​10

  1. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, 2. Aufl. § 129 Rn. 142; Rin­jes, wis­tra 2008, 336, 337 f und wis­tra 2009, 16; Bitt­mann, wis­tra 2009, 15; für Geld­auf­la­gen gemäß § 153a StPO, die zur Ein­stel­lung eines Straf­ver­fah­rens gezahlt wer­den, auch BGH, Urteil vom 05.06.2008 – IX ZR 17/​07, NJW 2008, 2506 Rn. 21[]
  2. BGH, Urteil vom 05.06.2008, aaO[]
  3. Begrün­dung zu § 251 und § 268 RegE-InsO, BT-Drs. 12/​2443 S. 194 und 201[]
  4. vgl. Begrün­dung zu § 46 RegE-InsO, BT-Drs. 12/​2443 S. 123[]
  5. BGH, Urtei­le vom 16.09.1999 – IX ZR 204/​98, BGHZ 142, 284, 287; vom 08.12.2005 – IX ZR 182/​01, ZIP 2006, 290 Rn. 7; und vom 29.11.2007 – IX ZR 121/​06, BGHZ 174, 314 Rn. 14[]
  6. BVerfG NJW 2006, 3626[]
  7. dazu BGH, Urteil vom 07.12.2007 – IX ZR 157/​05, ZIP 2007, 136 Rn. 8 m.w.N.[]
  8. BGH, Urtei­le vom 08.12.2005, aaO Rn. 9; vom 10. Mai 2007 – IX ZR 146/​05, ZIP 2007, 1162 Rn. 8; und vom 16.11.2007 – IX ZR 194/​04, BGHZ 174, 228 Rn. 25; jeweils m.w.N.[]