Die Infor­ma­tio­nen der Buß­geld­be­hör­de – und das fai­re Bußgeldverfahren

Aus dem Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren kann im Buß­geld­ver­fah­ren für den Betrof­fe­nen grund­sätz­lich ein Anspruch auf Zugang zu den nicht bei der Buß­geld­ak­te befind­li­chen, aber bei der Buß­geld­be­hör­de vor­han­de­nen Infor­ma­tio­nen folgen.

Die Infor­ma­tio­nen der Buß­geld­be­hör­de – und das fai­re Bußgeldverfahren

Die gene­rel­le Ver­sa­gung des Begeh­rens des Betrof­fe­nen auf Infor­ma­ti­ons­zu­gang, wel­ches die­ser wie­der­holt im behörd­li­chen und gericht­li­chen Ver­fah­ren gel­tend gemacht hat, wird des­halb der aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG fol­gen­den Gewähr­leis­tung nicht gerecht.

Ent­ge­gen der Annah­me des Ober­lan­des­ge­richts Bam­berg1 han­delt es sich hier­bei auch nicht um eine Fra­ge der gericht­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht, son­dern der Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten des Betrof­fe­nen2. Auf die­ser Fehl­an­nah­me beruht im Fall der hier ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de auch die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Bam­berg; es ist auch nicht aus­zu­schlie­ßen, dass bereits die Ver­ur­tei­lung des Betrof­fe­nen auf dem Ver­stoß des Amts­ge­richts Schwein­furt3 gegen den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens beruht:

Da die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Betrof­fe­nen schon aus den genann­ten Grün­den Erfolg hat, kann offen­blei­ben, ob die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen des Amts­ge­richts Schwein­furt vom 23.01.2018 und des Ober­lan­des­ge­richts Bam­berg vom 13.06.2018 den Betrof­fe­ne auch in sei­nem Anspruch auf recht­li­ches Gehör nach Art. 103 Abs. 1 GG oder in ande­ren Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten verletzen. 

Im Übri­gen erweist sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de als unzu­läs­sig. Soweit sich der Betrof­fe­ne gegen den Beschluss des Amts­ge­richts Schwein­furt vom 20.07.2017 wen­det, mit dem das Gericht über sei­nen Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung gemäß § 62 OWiG über die behörd­li­che Ver­sa­gung sei­nes Ein­sichts­an­tra­ges ent­schie­den hat, ist die am 13.07.2018 beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­ge­gan­ge­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­spä­tet. Zur Fris­t­wah­rung hät­te sich der Betrof­fe­ne inner­halb der Frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG gegen den ange­grif­fe­nen Beschluss des Amts­ge­richts wen­den müs­sen. Bei der Ent­schei­dung gemäß § 62 OWiG han­delt es sich um eine vom Haupt­sa­che­ver­fah­ren unab­hän­gi­ge Ent­schei­dung über eine Maß­nah­me der Ver­wal­tungs­be­hör­de im Buß­geld­ver­fah­ren, die grund­sätz­lich unan­fecht­bar ist, § 62 Abs. 2 Satz 3 OWiG.

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Übersetzung eines Urteils in die Sprache des Angeklagten

Im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Bam­berg vom 25.06.2018 über die Anhö­rungs­rü­ge des Betrof­fe­nen stellt sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels Beschwer als unzu­läs­sig dar. Ent­schei­dun­gen über Anhö­rungs­rü­gen kön­nen nur dann mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fen wer­den, wenn sie eine eigen­stän­di­ge Beschwer ent­hal­ten4. Vor­lie­gend ist eine eigen­stän­di­ge Beschwer durch die Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge weder dar­ge­tan noch ersichtlich.

Hier­nach war vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­zu­stel­len, dass das Urteil des Amts­ge­richts Schwein­furt vom 23.01.2018 – 1 OWi 16 Js 7019/​17 jug – und der Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Bam­berg vom 13.06.2018 – 3 Ss OWi 626/​18 – den Betrof­fe­ne in sei­nem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 des Grund­ge­set­zes ver­let­zen. Bei­de Ent­schei­dun­gen waren auf­zu­he­ben (§ 93c Abs. 2 i.V.m. § 95 Abs. 2 BVerfGG) und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das Amts­ge­richt Schwein­furt zurückzuverweisen. 

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 28. April 2021 – 2 BvR 1451/​18

  1. OLG Bam­berg, Beschlüs­se vom 13.06.2018 und 25.06.2018 – 3 Ss OWi 626/​18[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.11.2020 – 2 BvR 1616/​18, Rn. 47 ff.[]
  3. AG Schwein­furt, Beschluss vom 20.07.2017 und Urteil vom 23.01.2018 – 1 OWi 16 Js 7019/​17 jug[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 20.11.2019 – 2 BvR 31/​19, 2 BvR 886/​19 43 m.w.N.[]

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Die Untersuchungshaft in der Strafzumessung