Die Opferzeugin – und die Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussage

Die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen ist grundsätzlich Aufgabe des Tatgerichts.

Die Opferzeugin – und die Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussage

Dabei ist regelmäßig davon auszugehen, dass Berufsrichter über diejenige Sachkunde bei der Anwendung aussagepsychologischer Glaubwürdigkeitskriterien verfügen, die für die Beurteilung von Aussagen auch bei schwieriger Beweislage erforderlich ist.

Dies gilt bei jugendlichen Zeugen erst recht, wenn die Berufsrichter Mitglieder der Jugendschutzkammer sind und über spezielle Sachkunde in der Bewertung der Glaubwürdigkeit von jugendlichen Zeugen verfügen1.

Die Hinzuziehung eines psychologischen Sachverständigen ist lediglich dann geboten, wenn der Sachverhalt Besonderheiten aufweist, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob die eigene Sachkunde des Tatgerichts zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit unter den konkret gegebenen Umständen ausreicht2.

Solche Besonderheiten sind nicht schon allein deshalb anzunehmen, weil Gegenstand der Aussage eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist oder der Zeuge zur Zeit des geschilderten Vorfalls in kindlichem oder jugendlichem Alter war oder zum Zeitpunkt seiner Aussage ist.

Es ist einem Tatgericht auch nicht verwehrt; vom Gutachten eines Sachverständigen abzuweichen. Es muss dann aber die maßgeblichen Überlegungen des Sachverständigen wiedergeben und seine Gegenansicht unter Auseinandersetzung mit diesen begründen3.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 12. Juli 2017 – 1 StR 408/16

  1. BGH, Urteile vom 18.08.2009 – 1 StR 155/09 Rn. 7, NStZ 2010, 51, 52; und vom 26.04.2006 – 2 StR 445/05, NStZ-RR 2006, 241 mwN; Beschluss vom 08.01.2013 – 1 StR 602/12, NStZ 2013, 672 []
  2. BGH, st. Rspr.; vgl. Beschlüsse vom 08.01.2013 – 1 StR 602/12, NStZ 2013, 672; vom 25.04.2006 – 1 StR 579/05, NStZ-RR 2006, 242, 243; und vom 12.11.1993 – 2 StR 594/93, StV 1994, 173 []
  3. BGH, Beschluss vom 29.09.2016 – 2 StR 63/16 Rn. 6, NStZ-RR 2017, 88, 89, mwN; BGH, Urteil vom 01.04.2009 – 2 StR 601/08 Rn. 11, NStZ 2009, 571, 572 []