Die Prü­fung der Schuld­fä­hig­keit – und die Bezug­nah­me auf das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Wenn sich das Land­ge­richt dar­auf beschränkt, sich der Beur­tei­lung eines Sach­ver­stän­di­gen zur Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit anzu­schlie­ßen, muss es des­sen wesent­li­che Anknüp­fungs­punk­te und Dar­le­gun­gen im Urteil so wie­der­ge­ben, wie dies zum Ver­ständ­nis des Gut­ach­tens und zur Beur­tei­lung sei­ner Schlüs­sig­keit erfor­der­lich ist1.

Die Prü­fung der Schuld­fä­hig­keit – und die Bezug­nah­me auf das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Dies gilt beson­ders in Fäl­len einer Psy­cho­se aus dem For­men­kreis der Schi­zo­phre­nie. Gera­de hier führt die Dia­gno­se einer sol­chen Erkran­kung für sich genom­men noch nicht zur Fest­stel­lung einer gene­rel­len oder zumin­dest län­ge­re Zeit­räu­me über­dau­ern­den gesi­cher­ten erheb­li­chen Beein­träch­ti­gung der Schuld­fä­hig­keit2.

Erfor­der­lich ist viel­mehr die Fest­stel­lung eines aku­ten Schubs der Erkran­kung sowie die kon­kre­ti­sie­ren­de Dar­le­gung, in wel­cher Wei­se sich die fest­ge­stell­te psy­chi­sche Stö­rung bei Bege­hung der Tat auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on und damit auf die Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat3.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­den die Urteils­grün­de im vor­lie­gen­den Fall nicht gerecht. Vor allem fehlt eine nähe­re Dar­le­gung des Ein­flus­ses des dia­gnos­ti­zier­ten Stö­rungs­bil­des auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on.

Die Urteils­grün­de tei­len zwar das Ergeb­nis der medi­zi­ni­schen Dia­gno­se des psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen mit, wonach bei dem Ange­klag­ten seit Jah­ren eine para­noi­de Schi­zo­phre­nie mit aus­ge­präg­ten und sys­te­ma­tisch aus­ge­stal­te­ten Wahn­ge­dan­ken bestehe, die epi­sodisch ver­lau­fe. Als Anknüp­fungs­punk­te für die­se Dia­gno­se wer­den Umstän­de her­an­ge­zo­gen, die in der frü­he­ren Kran­ken­ge­schich­te des Ange­klag­ten lie­gen, die nur eine begrenz­te Aus­sa­ge­kraft besit­zen. So habe der Ange­klag­te dem Sach­ver­stän­di­gen berich­tet, bereits vor vie­len Jah­ren von Frau Mer­kel und Herrn Wes­ter­wel­le kon­tak­tiert wor­den zu sein und 2003 von Franz Becken­bau­er mit einem Zigeu­ner besucht wor­den zu sein. Es sei zu Vor­fäl­len und kör­per­li­chen Über­grif­fen gekom­men. Wei­ter habe der Ange­klag­te auch geschil­dert, dass er gehört habe, wie Nach­barn im Gar­ten und in der Woh­nung, aber auch Ver­käu­fer in Geschäf­ten schlecht über ihn gere­det hät­ten. Mit­ar­bei­ter im Ede­ka-Markt hät­ten ihn als "Spe­zi vom Franz" bezeich­net. Gleich­zei­tig weist der Sach­ver­stän­di­ge aber auch dar­auf hin, dass es dem Ange­klag­ten in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der gelun­gen sei, in ver­schie­de­nen Lebens­be­rei­chen so weit­ge­hen­de Anpas­sungs­leis­tun­gen zu zei­gen, dass er "nicht völ­lig aus den gesell­schaft­li­chen Bezü­gen her­aus­ge­fal­len sei".

Ein erheb­li­cher Ein­fluss der Krank­heit auf das Han­deln des Ange­klag­ten wird aber gleich­wohl ange­nom­men, da die rea­len Kon­flik­te zwi­schen ihm und dem Geschä­dig­ten, mit den wahn­haf­ten Gedan­ken, die­ser rede schlecht über ihn und bil­li­ge des­sen Miss­hand­lung von Drit­ten, inter­agier­ten und sich so in einer erheb­li­chen inne­ren Anspan­nung des Ange­klag­ten aus­wirk­ten, was "sei­ne Steue­rungs­fä­hig­keit maß­geb­lich ein­ge­schränkt und so die aggres­si­ve Tat­hand­lung im Sin­ne eines Erre­gungs­zu­stan­des erheb­lich begüns­tigt" habe. Auch sei beim Ange­klag­ten kei­ne weit­rei­chen­de Distan­zie­rung von die­sen Wahr­neh­mun­gen zu erken­nen gewe­sen, so dass "von einem anhal­ten­den wahn­haf­ten Erle­ben aus­ge­gan­gen wer­den" müs­se. Damit wird das Vor­lie­gen eines aku­ten psy­cho­ti­schen Schubs ledig­lich abs­trakt als Mög­lich­keit in Betracht gezo­gen und durch die fest­ge­stell­ten Anpas­sungs­leis­tun­gen des Ange­klag­ten in der Ver­gan­gen­heit auch wie­der rela­ti­viert. Eine situa­ti­ons­be­zo­ge­ne Erör­te­rung der Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten unter dem Ein­fluss der psy­chi­schen Erkran­kung zum Zeit­punkt der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on wird aber nicht vor­ge­nom­men. Es fehlt damit an aus­rei­chen­den tat­säch­li­chen Grund­la­gen für die Annah­me eines aktu­el­len Schubs der Erkran­kung und eines spe­zi­fi­schen Zusam­men­hangs zwi­schen der Erkran­kung und der Tat. Die über­wie­gend abs­trak­ten Erwä­gun­gen las­sen im Hin­blick auf die kon­kre­te Tat­aus­füh­rung sowohl die Vari­an­te offen, dass der Ange­klag­te nicht von einem aku­ten Krank­heits­schub betrof­fen war oder zumin­dest nur eine Mög­lich­keit hier­für bestand.

Da der Bun­des­ge­richts­hof umge­kehrt nicht gänz­lich aus­zu­schlie­ßen ver­mag, dass der Ange­klag­te im Zustand der Schuld­un­fä­hig­keit und nicht nur im Zustand ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit han­del­te, muss über den Schuld­spruch und die straf­recht­li­chen Rechts­fol­gen der Tat ein­schließ­lich der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus ins­ge­samt neu ver­han­delt und ent­schie­den wer­den, gege­be­nen­falls unter Hin­zu­zie­hung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Sep­tem­ber 2017 – 1 StR 307/​17

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 17.06.2014 – 4 StR 171/​14, NStZ-RR 2014, 305 mwN []
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 24.04.2012 – 5 StR 150/​12, NStZ-RR 2012, 239; vom 23.08.2012 – 1 StR 389/​12, NStZ 2013, 98; und vom 29.04.2014 – 3 StR 171/​14, NStZ-RR 2014, 243 []
  3. BGH, Beschlüs­se vom 17.06.2014 – 4 StR 171/​14, NStZ-RR 2014, 305; und vom 29.05.2012 – 2 StR 139/​12, NStZ-RR 2012, 306, 307 []