Die vom Staats­an­walt ange­ord­ne­te Durch­su­chung – und das Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot

Die Annah­me eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots ist von Ver­fas­sungs wegen zumin­dest bei schwer­wie­gen­den, bewuss­ten oder will­kür­li­chen Ver­fah­rens­ver­stö­ßen, bei denen die grund­recht­li­chen Siche­run­gen plan­mä­ßig oder sys­te­ma­tisch außer Acht gelas­sen wor­den sind, gebo­ten 1.

Die vom Staats­an­walt ange­ord­ne­te Durch­su­chung – und das Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot

Ein sol­cher schwer­wie­gen­der Ver­stoß bejah­te der Bun­des­ge­richts­hof jetzt in fol­gen­dem Fall:

Nach­dem der Ange­klag­te vor­läu­fig fest­ge­nom­men wor­den war und sich sodann in Unter­su­chungs­haft befand, stie­ßen die Ermitt­lungs­be­am­ten im Rah­men der straf­recht­li­chen Ermitt­lun­gen wegen der am sel­ben Tag began­ge­nen gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung 10 Tage spä­ter, an einem Mon­tag­vor­mit­tag, zufäl­lig auf einen wei­te­ren, auf den Ange­klag­ten zuge­las­se­nen und in des­sen Wohn­ort­nä­he abge­stell­ten Pkw, zu dem die pas­sen­den Fahr­zeug­schlüs­sel zuvor sicher­ge­stellt wor­den waren. Da die Ermitt­lungs­be­am­ten ver­mu­te­ten, dass sich in die­sem Fahr­zeug ins­be­son­de­re die bei der Straf­tat ver­wen­de­ten Tat­waf­fen befin­den, infor­mier­ten sie Ober­staats­an­walt X, der als Ver­tre­ter der an sich zustän­di­gen Dezer­nen­tin zustän­dig war. Ober­staats­an­walt X, dem nicht bewusst war, dass die den Ermitt­lun­gen zugrun­de lie­gen­de Straf­tat bereits zehn Tage zurück­lag, ord­ne­te wegen Gefahr in Ver­zug die sofor­ti­ge Durch­su­chung des Pkw des Ange­klag­ten an, ohne zuvor zu ver­su­chen, eine rich­ter­li­che Anord­nung zu erlan­gen; die Anord­nung des Ober­staats­an­walts ist zudem weder schrift­lich doku­men­tiert noch sind die die Dring­lich­keit recht­fer­ti­gen­den Tat­sa­chen (schrift­lich) begrün­det. Um 13.35 Uhr durch­such­ten Ermitt­lungs­be­am­te den Pkw des Ange­klag­ten und fan­den dabei zufäl­lig das ver- steck­te Koka­in; Tat­waf­fen fan­den sie nicht.

Vor die­sem Hin­ter­grund unter­lie­gen die aus der Durch­su­chung erlang­ten Erkennt­nis­se einem Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot.

Die mon­tags um 13.35 Uhr durch­ge­führ­te Durch­su­chung war wegen Miss­ach­tung des Rich­ter­vor­be­halts rechts­wid­rig. Eine gemäß § 105 Abs. 1 Satz 1 StPO grund­sätz­lich erfor­der­li­che rich­ter­li­che Durch­su­chungs­an­ord­nung lag nicht vor. Wie auch der Gene­ral­bun­des­an­walt in sei­ner Antrags­schrift vom 19.10.2015 zutref­fend aus­ge­führt hat, rügt die Revi­si­on zu Recht, dass die Anord­nung des Ober­staats­an­walts nicht auf einer recht­mä­ßi­gen Inan­spruch­nah­me sei­ner sich aus § 105 Abs. 1 Satz 1 StPO erge­ben­den Eil­kom­pe­tenz beruh­te, weil Gefahr im Ver­zug objek­tiv nicht vor­lag.

Das Feh­len einer rich­ter­li­chen Durch­su­chungs­an­ord­nung führt hier zu einem Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot hin­sicht­lich der bei der Durch­su­chung gewon­ne­nen Beweis­mit­tel.

Die Annah­me eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots ist von Ver­fas­sungs wegen zumin­dest bei schwer­wie­gen­den, bewuss­ten oder will­kür­li­chen Ver­fah­rens­ver­stö­ßen, bei denen die grund­recht­li­chen Siche­run­gen plan­mä­ßig oder sys­te­ma­tisch außer Acht gelas­sen wor­den sind, gebo­ten 2. Ein sol­cher schwer­wie­gen­der Ver­stoß liegt auf­grund der oben geschil­der­ten Umstän­de vor. Der Gesichts­punkt, wonach dem anord­nen­den Ober­staats­an­walt nicht bewusst gewe­sen sei, dass die den Ermitt­lun­gen zugrun­de lie­gen­de Straf­tat bereits zehn Tage zurück­lag, ändert an die­ser Bewer­tung nichts. Unbe­scha­det des­sen, dass eine sol­che Fehl­vor­stel­lung auf – nicht nach­zu­voll­zie­hen­der – nicht voll­stän­di­ger Infor­ma­ti­on beruht hat, die der Sphä­re der Ermitt­lungs­be­hör­den zuzu­rech­nen ist, kann die­ser Umstand es nicht recht­fer­ti­gen, dass noch nicht ein­mal der Ver­such unter­nom­men wor­den ist, an einem Werk­tag zu dienstüb­li­chen Zei­ten eine rich­ter­li­che Ent­schei­dung zu erlan­gen, zumal der Ange­klag­te sich in Unter­su­chungs­haft befun­den hat­te.

Dabei kann dem Aspekt eines mög­li­chen hypo­the­tisch recht­mä­ßi­gen Ermitt­lungs­ver­laufs 3 bei – wie hier – sol­cher Ver­ken­nung des Rich­ter­vor­be­halts kei­ne Bedeu­tung zukom­men 4. Die Ein­hal­tung der durch § 105 Abs. 1 Satz 1 StPO fest­ge­leg­ten Kom­pe­tenz­re­ge­lung könn­te in die­sen Fäl­len bei Aner­ken­nung des hypo­the­tisch recht­mä­ßi­gen Ersatz­ein­griffs als Abwä­gungs­kri­te­ri­um bei der Prü­fung des Vor­lie­gens eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots stets unter­lau­fen und der Rich­ter­vor­be­halt sogar letzt­lich sinn­los wer­den. Bei Dul­dung gro­ber Miss­ach­tun­gen des Rich­ter­vor­be­halts ent­stün­de gar ein Ansporn, die Ermitt­lun­gen ohne Ein­schal­tung des Ermitt­lungs­rich­ters ein­fa­cher und mög­li­cher­wei­se erfolg­ver­spre­chen­der zu gestal­ten. Damit wür­de das wesent­li­che Erfor­der­nis eines recht­staat­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­rens auf­ge­ge­ben, dass Bewei­se nicht unter bewuss­tem Rechts­bruch oder gleich­ge­wich­ti­ger Rechts­miss­ach­tung erlangt wer­den dür­fen 5.

Die Ver­ur­tei­lung wegen Han­del­trei­bens mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge konn­te danach kei­nen Bestand haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. April 2016 – 2 StR 394/​15

  1. BVerfG, Beschluss vom 12.04.2005 2 BvR 1027/​02, BVerfGE 113, 29, 61; Beschluss vom 16.03.2006 2 BvR 954/​02, NJW 2006, 2684, 2686; Beschluss vom 20.05.2011 2 BvR 2072/​10, NJW 2011, 2783, 2784[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 12.04.2005 – 2 BvR 1027/​02, BVerfGE 113, 29, 61; Beschluss vom 16.03.2006 – 2 BvR 954/​02, NJW 2006, 2684, 2686; Beschluss vom 20.05.2011 – 2 BvR 2072/​10, NJW 2011, 2783, 2784[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 18.11.2003 – 1 StR 455/​03, BGHR StPO § 105 Abs. 1 Durch­su­chung 4[]
  4. vgl. auch BGH, Urteil vom 18.04.2007 – 5 StR 546/​06, BGHSt 51, 285, 295 f.; Beschluss vom 30.08.2011 – 3 StR 210/​11, BGHR StPO § 105 Abs. 1 Durch­su­chung 8[]
  5. BGH, Urteil vom 18.04.2007 – 5 StR 546/​06, BGHSt 51, 285, 296; Beschluss vom 30.08.2011 – 3 StR 210/​11, BGHR StPO § 105 Abs. 1 Durch­su­chung 8[]