Die Staats­an­walt­schaft und die Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­te

Zur Lei­tungs- und Kon­troll­be­fug­nis der Staats­an­walt­schaft im Ermitt­lungs­ver­fah­ren ins­be­son­de­re bei Tötungs­de­lik­ten sah sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof genö­tigt, in einer Revi­si­ons­ent­schei­dung deut­lich Stel­lung zu neh­men:

Die Staats­an­walt­schaft und die Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­te

Es ist, so der BGH, nicht erst Sache der Haupt­ver­hand­lung und des Revi­si­ons­ver­fah­rens, der immer grö­ßer wer­den­den prak­ti­schen Bedeu­tung der Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­te gerecht zu wer­den. Die­se Auf­ga­be beginnt viel­mehr bereits bei Ein­lei­tung des staats­an­walt­schaft­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­rens 1.

Die Staats­an­walt­schaft lei­tet das Ermitt­lungs­ver­fah­ren und trägt die Gesamt­ver­ant­wor­tung für eine rechts­staat­li­che, fai­re und ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung des Ver­fah­rens, auch soweit es durch die Poli­zei geführt wird 2. Auf­grund die­ser umfas­sen­den Ver­ant­wor­tung steht der Staats­an­walt­schaft gegen­über ihren Ermitt­lungs­per­so­nen ein unein­ge­schränk­tes Wei­sungs­recht in Bezug auf ihre auf die Sach­ver­halts­er­for­schung gerich­te­te straf­ver­fol­gen­de Tätig­keit zu, vgl. § 161 Abs. 1 Satz 2 StPO, § 152 Abs. 1 GVG 3. Dabei kann sie kon­kre­te Ein­zel­wei­sun­gen zu Art und Durch­füh­rung ein­zel­ner Ermitt­lungs­hand­lun­gen ertei­len, Nr. 3 Abs. 2, Nr. 11 RiSt­BV, oder ihre Lei­tungs­be­fug­nis im Rah­men der Auf­klä­rung von Straf­ta­ten unab­hän­gig vom Ein­zel­fall durch all­ge­mei­ne Wei­sun­gen im Vor­aus in Anspruch neh­men 4.

Bereits mit Blick auf mög­li­che Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­te wegen feh­len­der oder nicht recht­zei­ti­ger Beleh­rung als Beschul­dig­ter nach § 136 Abs. 1 Satz 2, § 163a Abs. 4 StPO 5 oder man­gels "qua­li­fi­zier­ter" Beleh­rung nach zunächst zu Unrecht erfolg­ter Ver­neh­mung als Zeu­ge 6 erfor­dert die der Staats­an­walt­schaft zuge­wie­se­ne Ver­ant­wort­lich­keit, dass sie die ihr zuste­hen­den Lei­tungs- und Kon­troll­be­fug­nis­se auch effek­tiv aus­übt. Dazu genügt es nicht, wenn sie ledig­lich Rich­tung und Umfang der von der Poli­zei vor­zu­neh­men­den Ermitt­lun­gen ganz all­ge­mein vor­gibt 7.

Jeden­falls in Fäl­len, bei denen es um die Auf­klä­rung und Ver­fol­gung von Tötungs­de­lik­ten geht, hat daher die Staats­an­walt­schaft, der der­ar­ti­ge Fäl­le sofort anzu­zei­gen sind (vgl. § 159 Abs. 1 StPO), ins­be­son­de­re den Sta­tus des zu Ver­neh­men­den als Zeu­ge oder Beschul­dig­ter klar­zu­stel­len und durch all­ge­mei­ne Wei­sun­gen im Vor­aus oder durch kon­kre­te Ein­zel­wei­sun­gen eine ord­nungs­ge­mä­ße, recht­zei­ti­ge Beschul­dig­ten­be­leh­rung gemäß § 136 Abs. 1 Satz 2, § 163a Abs. 4 StPO sicher­zu­stel­len. Wird ein Tat­ver­däch­ti­ger den­noch zu Unrecht als Zeu­ge ver­nom­men, so hat sie wegen des Beleh­rungs­ver­sto­ßes dar­auf hin zu wir­ken, dass die­ser bei Beginn der nach­fol­gen­den Ver­neh­mung als Beschul­dig­ter auf die Nicht­ver­wert­bar­keit der frü­he­ren Anga­ben hin­ge­wie­sen wird ("qua­li­fi­zier­te Beleh­rung") 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Mai 2009 – 1 StR 99/​09

  1. vgl. Schlot­hau­er in FS Lüders­sen S. 761, 772[]
  2. vgl. Nr. 1 RiSt­BV; Erb in Löwe/​Rosenberg, StPO 26. Aufl. Vor § 158 Rdn. 21; Mey­er-Goß­ner, StPO 51. Aufl. Einl. Rdn. 41, § 160 Rdn. 1, § 163 Rdn. 3; Gries­baum in KK 6. Aufl. § 160 Rdn. 4, § 163 Rdn. 2 jew. m.w.N.[]
  3. sie­he dazu Erb in Löwe/​Rosenberg, StPO 26. Aufl. Vor § 158 Rdn. 33, § 161 Rdn. 46, § 163 Rdn. 7; Gries­baum in KK 6. Aufl. § 163 Rdn. 2 f.[]
  4. vgl. Erb in Löwe/​Rosenberg, StPO 26. Aufl. § 163 Rdn. 9; Mey­er-Goß­ner, StPO 51. Aufl. § 163 Rdn. 3 f.; Gries­baum in KK 6. Aufl. § 163 Rdn. 2 f. m.w.N.[]
  5. vgl. dazu BGHSt 51, 367 ff.[]
  6. vgl. dazu BGH NStZ 2009, 281 f.[][]
  7. vgl. Erb in Löwe/​Rosenberg, StPO 26. Aufl. Vor § 158 Rdn. 39 m.w.N.[]