Die durch Täu­schung eines Zeu­gen erlang­ten Infor­ma­tio­nen

Allein die Ent­ge­gen­nah­me von belas­ten­den Infor­ma­tio­nen durch die Ermitt­lungs­be­hör­den, die ein Zeu­ge durch Täu­schung des Beschul­dig­ten erlangt hat, führt nicht zu einem Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot. Eine Pflicht, dies zu unter­bin­den, trifft die Ermitt­lungs­be­hör­den grund­sätz­lich nicht.

Die durch Täu­schung eines Zeu­gen erlang­ten Infor­ma­tio­nen

Dies gilt zumin­dest dann, wenn kei­ne Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass sich die Ermitt­lungs­be­hör­den das Vor­ge­hen der Zeu­gen zurech­nen las­sen müss­ten und damit ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot wegen einer mög­li­chen Ver­let­zung der Selbst­be­las­tungs­frei­heit des sich auf sein Schwei­ge­recht beru­fen­den Ange­klag­ten in Betracht kom­men könn­te. Somit kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob das Revi­si­ons­ge­richt bei der Prü­fung der beson­de­ren Pro­zess­vor­aus­set­zung auch hin­sicht­lich nicht dop­pel­re­le­van­ter Tat­sa­chen an die vom Land­ge­richt rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen gebun­den ist 1 oder – trotz der höhe­ren Rich­tig­keits­ge­währ der Fest­stel­lun­gen des sach­nä­he­ren Tat­ge­richts – eige­ne Fest­stel­lun­gen im Wege des Frei­be­wei­ses zu tref­fen hat 2.

Im hier ent­schie­de­nen Fall konn­te der Bun­des­ge­richts­hof den Akten kei­ne Hin­wei­se dar­auf ent­neh­men, dass die Ermitt­lungs­be­hör­den die genann­ten Zeu­gen in irgend­ei­ner Wei­se zu deren Vor­ge­hen ver­an­lasst, sie dabei geför­dert, unter­stützt, bestärkt oder sonst beein­flusst hät­ten 3.

Ange­sichts des eigen­in­itia­ti­ven Han­delns der Zeu­gen, die für sich eine vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung oder Haft­er­leich­te­run­gen erhoff­ten und ihr Wis­sen den Ermitt­lungs­be­hör­den nur stück­wei­se und nicht in vol­lem Umfang frei­wil­lig mit­teil­ten, liegt nach Akten­la­ge kei­ne den Ermitt­lungs­be­hör­den zure­chen­ba­re, den Nemo­ten­e­tur-Grund­satz ver­let­zen­de Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung vor.

Allein die Ent­ge­gen­nah­me von belas­ten­den Infor­ma­tio­nen durch die Ermitt­lungs­be­hör­den, die ein Zeu­ge durch Täu­schung des Beschul­dig­ten erlangt hat, führt indes nicht zu einem Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot. Eine Pflicht, dies zu unter­bin­den, trifft die Ermitt­lungs­be­hör­den grund­sätz­lich nicht. Soweit der Bun­des­ge­richts­hof mit Urteil vom 21.07.1998 4 davon aus­ge­gan­gen ist, dass ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot auch bei einem behörd­li­chen Nicht­ein­schrei­ten in Betracht kommt, hat dem der Aus­nah­me­fall zugrun­de gele­gen, dass eine Mit­in­haf­tier­te, die nach eige­nem Bekun­den schon jah­re­lang mit der Poli­zei zusam­men­ge­ar­bei­tet hat­te, die Ange­klag­te mit­tels aber­gläu­bi­scher Rache­dro­hun­gen, nicht aus­schließ­bar unter Ver­ab­rei­chung von sedie­ren­den Betäu­bungs­mit­teln zu Anga­ben ver­an­lass­te (sog. "Wahr­sa­ge­rin­nen-Fall"). Hier­mit ist der vor­lie­gen­de Fall nicht zu ver­glei­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Dezem­ber 2016 – 3 StR 230/​16

  1. so LR/​Becker, StPO, 26. Aufl., § 244 Rn. 32; SSW-StPO/­Sät­te­le, 2. Aufl., § 244 Rn.19; die "beacht­li­chen Argu­men­te" aner­ken­nend Münch­Komm-StPO/­Trü­g/Ha­be­tha, § 244 Rn. 42, Fn. 211[]
  2. so die hM, vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 03.02.1960 – 2 StR 576/​58, BGHSt 14, 137, 139; vom 10.07.2014 – 3 StR 140/​14, NStZ-RR 2014, 318, 319; LR/​Franke, StPO, 26. Aufl., § 337 Rn. 29; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt aaO, § 337 Rn. 6, jew. mwN; expli­zit für § 211 StPO BGH, Urteil vom 18.01.1963 – 4 StR 385/​62, NJW 1963, 1019, 1020; inzi­dent auch RG, Urteil vom 18.02.1926 – II 11/​26, RGSt 60, 99 f.[]
  3. s. zu den recht­li­chen Maß­stä­ben im Ein­zel­nen BGH, Urtei­le vom 28.04.1987 – 5 StR 666/​86, BGHSt 34, 362; vom 27.09.1988 – 1 StR 187/​88, BGHR StPO § 136a Abs. 1 Zwang 2; vom 08.10.1993 – 2 StR 400/​93, BGHSt 39, 335; vom 21.07.1998 – 5 StR 302/​97, BGHSt 44, 129; vom 26.07.2007 – 3 StR 104/​07, BGHSt 52, 11; Beschlüs­se vom 13.05.1996 – GSSt 1/​96, BGHSt 42, 139; vom 31.03.2011 – 3 StR 400/​10, NStZ 2011, 596; EGMR, Urtei­le vom 05.11.2002 – 48539/​99, JR 2004, 127; vom 10.03.2009 – 4378/​02, NJW 2010, 213[]
  4. BGH, Urteil vom 21.07.1998 – 5 StR 302/​97, BGHSt 44, 129[]