Die ver­än­der­te Tat­zeit – und die Ankla­ge

Gemäß § 264 Abs. 1 StPO ist Gegen­stand der Urteils­fin­dung die in der Ankla­ge bezeich­ne­te Tat, wie sie sich nach dem Ergeb­nis der Ver­hand­lung dar­stellt.

Die ver­än­der­te Tat­zeit – und die Ankla­ge

Zur Tat im Sin­ne die­ser Vor­schrift gehört das gesam­te Ver­hal­ten des Ange­klag­ten, soweit es mit dem durch die Ankla­ge bezeich­ne­ten geschicht­li­chen Vor­komm­nis nach der Lebens­auf­fas­sung einen ein­heit­li­chen Vor­gang bil­det.

In die­sem Rah­men muss das Tat­ge­richt sei­ne Unter­su­chung auch auf Tei­le der Tat erstre­cken (Kogni­ti­ons­pflicht), die erst in der Haupt­ver­hand­lung bekannt wer­den 1.

Ver­än­dert sich im Lau­fe eines Ver­fah­rens das Bild des Gesche­hens, auf das die Ankla­ge hin­weist, so ist ent­schei­dend, ob die "Näm­lich­keit der Tat" trotz die­ser Abwei­chung noch gewahrt ist. Dies ist der Fall, wenn – unge­ach­tet gewis­ser Dif­fe­ren­zen – bestimm­te Merk­ma­le die Tat wei­ter­hin als ein­ma­li­ges, unver­wech­sel­ba­res Gesche­hen kenn­zeich­nen und kei­ne wesent­li­che Ände­rung des Tat­bil­des ein­ge­tre­ten ist 2.

Eine Ver­än­de­rung oder Erwei­te­rung des Tat­zeit­raums führt daher nicht zur Auf­he­bung der Iden­ti­tät zwi­schen Ankla­ge und abge­ur­teil­ter Tat, wenn die in der Ankla­ge beschrie­be­ne Tat unab­hän­gig von der Tat­zeit nach ande­ren Merk­ma­len hin­rei­chend indi­vi­dua­li­siert ist 3.

Damit lag in dem hier ent­schie­de­nen Fall auch eine erst spä­ter erfolg­te Unter­rich­tung des Zeu­gen Dr. K von der Exis­tenz und dem Inhalt des anony­men Schrei­bens der Kogni- tions­pflicht der Straf­kam­mer. Die dem Ange­klag­ten in der unver­än­dert zuge­las­se­nen Ankla­ge­schrift zur Last geleg­te und die fest­ge­stell­te Tat sind maß­geb­lich dadurch gekenn­zeich­net, dass der Ange­klag­te den Zeu­gen Dr. K. über die Exis­tenz und den Inhalt eines bei der Kreis­po­li­zei­be­hör­de in P. ein­ge­gan­ge­nen und ihm am 9.01.2014 vor­ge­leg­ten anony­men Schrei­bens, in dem der Zeu­ge diver­ser Straf­ta­ten ver­däch­tigt wur­de, unter­rich­te­te, bevor des­we­gen gegen den Zeu­gen offen ermit­telt wur­de. Die­se bei­den Sach­ver­hal­ten gemein­sa­men Aspek­te rei­chen aus, um die den Ver­ur­tei­lungs­ge­gen­stand bil­den­de Tat – auch unter Berück­sich­ti­gung ihrer straf­recht­li­chen Bedeu­tung – so zu beschrei­ben, dass sie nach den all­ge­mei­nen Geset­zen der Logik und der Erfah­rung ein­deu­tig gekenn­zeich­net ist 4. Ob die­se Mit­tei­lung – wie ange­klagt – am 9. oder 10.01.2014 oder erst in der Zeit zwi­schen dem 23.01.2014 und 4.02.2014 erfolgt ist, ist dafür nicht von wesent­li­cher Bedeu­tung. Das von der Straf­kam­mer zur Begrün­dung ihrer gegen­tei­li­gen Ansicht her­an­ge­zo­ge­ne Gespräch zwi­schen dem Zeu­gen S. und dem Redak­teur der Zei­tung vom 23.01.2014 recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Bewer­tung, da es auf der Grund­la­ge der im Übri­gen getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht zu einer gänz­lich abwei­chen­den Ein­ord­nung des Täter­ver­hal­tens führt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. März 2017 – 4 StR 545/​16

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 18.10.2016 – 3 StR 186/​16, Stra­Fo 2017, 26; Urteil vom 03.11.1959 – 1 StR 425/​59, BGHSt 13, 320, 321; wei­te­re Nach­wei­se bei Norou­zi in Mün­che­ner Kom­men­tar zur StPO, § 264 Rn. 10[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 21.08.2013 – 2 StR 311/​13, Rn. 4; Urteil vom 28.05.2002 – 5 StR 55/​02, NStZ 2002, 659 [Ls]; Urteil vom 21.12 1983 – 2 StR 578/​83, BGHSt 32, 215, 216, 218 f.; wei­te­re Nach­wei­se bei Stu­cken­berg in Löwe/​Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 264 Rn. 95[]
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 11.02.2016 – 3 StR 454/​15, NStZ-RR 2016, 223 [Ls]; Urteil vom 20.11.2014 – 4 StR 153/​14, Stra­Fo 2015, 68; Urteil vom 17.08.2000 – 4 StR 245/​00, BGHSt 46, 130, 133 mwN[]
  4. vgl. dazu BGH, Urteil vom 21.12 1983 – 2 StR 578/​83, BGHSt 32, 215, 216, 218 f.; Pup­pe, NStZ 1982, 230, 234 f.[]