Die Unschulds­ver­mu­tung im Straf­pro­zess

Die Unschulds­ver­mu­tung ist eine beson­de­re Aus­prä­gung des Rechts­staats­prin­zips und hat damit Ver­fas­sungs­rang 1. Sie ver­bie­tet zum einen, im kon­kre­ten Straf­ver­fah­ren ohne gesetz­li­chen, pro­zess­ord­nungs­ge­mä­ßen – nicht not­wen­di­ger Wei­se rechts­kräf­ti­gen – Schuld­nach­weis Maß­nah­men gegen den Beschul­dig­ten zu ver­hän­gen, die in ihrer Wir­kung einer Stra­fe gleich­kom­men und ihn ver­fah­rens­be­zo­gen als schul­dig zu behan­deln; zum ande­ren ver­langt sie den rechts­kräf­ti­gen Nach­weis der Schuld, bevor dem Ver­ur­teil­ten die­se im Rechts­ver­kehr all­ge­mein vor­ge­hal­ten wer­den darf 2. Bei der Bestim­mung von Inhalt und Reich­wei­te der grund­ge­setz­li­chen Unschulds­ver­mu­tung sind Art. 6 Abs. 2 EMRK und die hier­zu ergan­ge­ne Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te als Aus­le­gungs­hil­fe her­an­zu­zie­hen 3.

Die Unschulds­ver­mu­tung im Straf­pro­zess

Die Unschulds­ver­mu­tung des Art. 6 Abs. 2 EMRK ist anwend­bar, wenn und soweit eine Per­son einer Straf­tat ange­klagt ist („char­ged with a cri­mi­nal offence“), wobei die­se Vor­aus­set­zung durch den Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te auto­nom aus­ge­legt wird 4. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te ist die Unschulds­ver­mu­tung ver­letzt, wenn in einer gericht­li­chen Ent­schei­dung die Auf­fas­sung zum Aus­druck gebracht wird, die ange­klag­te Per­son sei schul­dig, ohne dass zuvor der Schuld­nach­weis in einer dem Gesetz ent­spre­chen­den Wei­se erbracht wor­den ist, wobei ins­be­son­de­re die Ver­tei­di­gungs­rech­te des Beschul­dig­ten beach­tet wor­den sein müs­sen 5. Sobald der Beschul­dig­te einer bestimm­ten Straf­tat ord­nungs­ge­mäß über­führt wor­den ist, fin­det Art. 6 Abs. 2 EMRK kei­ne Anwen­dung mehr im Hin­blick auf Vor­wür­fe („alle­ga­ti­ons“), die als Teil der Straf­zu­mes­sung im Hin­blick auf die Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten erho­ben wer­den, sofern sie nicht nach Art oder Umfang einer neu­en Ankla­ge im Sin­ne der auto­no­men Bedeu­tung die­ses Begriffs in der EMRK gleich­ste­hen 6.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist es nicht zu bean­stan­den, dass das Land­ge­richt Hil­des­heim im vor­lie­gen­den Fall die zu vor dem eigent­li­chen Tat­zeit­raum lie­gen­den Taten des Beschwer­de­füh­rers getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen sowohl als Indiz für die Umstän­de der Bege­hung der ange­klag­ten Taten als auch in gewis­sem Umfang im Rah­men der Straf­zu­mes­sung ver­wen­det hat. Dies gilt ins­be­son­de­re auch unter dem Blick­win­kel des Art. 6 Abs. 2 EMRK und der hier­zu ergan­ge­nen Recht­spre­chung 7.

Bei der jetzt vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­me­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts schon die Anwend­bar­keit der kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Unschulds­ver­mu­tung frag­lich. Soweit ersicht­lich, sind die Taten, hin­sicht­lich derer der Beschwer­de­füh­rer die Unschulds­ver­mu­tung ver­letzt sieht – also mög­li­che Untreue­hand­lun­gen vor Sep­tem­ber 2003 – zu kei­nem Zeit­punkt Gegen­stand eines gegen den Beschwer­de­füh­rer gerich­te­ten Ver­fah­rens gewe­sen, noch gibt es irgend­wel­che Anhalts­punk­te, dass sie es – sofern dies aus Rechts­grün­den über­haupt in Betracht kommt – noch wer­den könn­ten. Ins­be­son­de­re mit dem ange­grif­fe­nen Urteil sind nicht etwa die­se Taten (mit) bestraft wor­den, was auch nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unzu­läs­sig gewe­sen wäre 8; viel­mehr hat das Gericht im Rah­men der Straf­zu­mes­sung unter ande­rem das vor dem Tat­zeit­raum lie­gen­de, zur Über­zeu­gung des Gerichts fest­ge­stell­te Ver­hal­ten des Beschwer­de­füh­rers zu des­sen Las­ten in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen, wozu es nach § 46 Abs. 2 Satz 2 StGB („Vor­le­ben des Täters“) berech­tigt war 9. Von daher erschie­ne die Annah­me, der Beschwer­de­füh­rer sei die­ser Taten im Sin­ne der Kon­ven­ti­on ange­klagt gewe­sen, frag­wür­dig.

Geht man den­noch von der Anwend­bar­keit des Art. 6 Abs. 2 EMRK aus, so ist die Vor­schrift jeden­falls nicht ver­letzt. Denn anders als das Ver­fah­ren über den Bewäh­rungs­wi­der­ruf 10 und anders als ein straf­recht­li­ches Ermitt­lungs­ver­fah­ren 11 ist das zu einem Urteil füh­ren­de straf­recht­li­che Haupt­ver­fah­ren zur Wider­le­gung auch und gera­de der kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Unschulds­ver­mu­tung geeig­net; es muss dem Ange­klag­ten ins­be­son­de­re die von der Kon­ven­ti­on gefor­der­ten Ver­tei­di­gungs­rech­te (Art. 6 Abs. 1, 3 EMRK) in vol­lem Umfang gewäh­ren. Die­se schüt­zen ihn auch im Hin­blick auf die Fest­stel­lung nicht im eigent­li­chen Sinn ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­cher Tat­sa­chen. Gera­de im vor­lie­gen­den Fall ist dem Rech­nung getra­gen wor­den.

So wur­de Art. 6 Abs. 3 Buch­sta­be a EMRK auch bezüg­lich der nicht ange­klag­ten Vor­wür­fe ersicht­lich beach­tet. Nach die­ser Vor­schrift haben die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den jede ange­klag­te Per­son über Art und Grund der Beschul­di­gung in allen Ein­zel­hei­ten zu unter­rich­ten. Dem ist vor­lie­gend bereits mit der Ankla­ge­schrift vom 2. Novem­ber 2007 Genü­ge getan wor­den, die im Rah­men des wesent­li­chen Ergeb­nis­ses der Ermitt­lun­gen inten­siv auf die Ent­wick­lung der Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Beschwer­de­füh­rers seit 1991 und den Ver­dacht, dass hier­bei Straf­ta­ten zu Las­ten sei­nes Arbeit­ge­bers eine Rol­le gespielt haben könn­ten, ein­ge­gan­gen ist. Der Beschwer­de­füh­rer war sich wäh­rend der Haupt­ver­hand­lung offen­sicht­lich über die mög­li­che indi­zi­el­le Bedeu­tung der Her­kunft sei­nes Ver­mö­gens im Kla­ren, wie sein Aus­set­zungs­an­trag vom 21. Juli 2008 beweist. Zudem hat die Straf­kam­mer, wie sich eben­falls aus dem Antrag ergibt, einen dahin­ge­hen­den Hin­weis erteilt, der durch den Beschluss vom 23. Juli 2008, mit dem eine Aus­set­zung abge­lehnt wur­de, wie­der­holt wur­de. Eine wei­ter­ge­hen­de Kon­kre­ti­sie­rung zu ver­lan­gen, wie dies der Beschwer­de­füh­rer für rich­tig hält, hie­ße die Augen vor der Tat­sa­che zu ver­schlie­ßen, dass es letzt­lich doch nur um eine Vor­fra­ge im Rah­men einer pri­mär auf genau kon­kre­ti­sier­te Vor­gän­ge bezo­ge­nen straf­ge­richt­li­chen Unter­su­chung ging.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zeigt auch kei­ner­lei Anhalts­punk­te dafür auf, dass der Beschwer­de­füh­rer ent­ge­gen Art. 6 Abs. 3 Buch­sta­be b EMRK nicht aus­rei­chend Zeit und Gele­gen­heit gehabt haben könn­te, sich auf die Ver­tei­di­gung auch gegen die (rela­tiv wenig kon­kre­ten) „Vor­wür­fe“ bezüg­lich des Zeit­raums bis Sep­tem­ber 2003 vor­zu­be­rei­ten.

Das grund­ge­setz­lich geschütz­te Recht des Beschwer­de­füh­rers, sich im Straf­ver­fah­ren nicht selbst belas­ten zu müs­sen 12, ist eben­falls nicht ver­letzt. Das Land­ge­richt Hil­des­heim war nicht gehin­dert, aus dem Aus­sa­ge­ver­hal­ten des Beschwer­de­füh­rers in dem gesche­he­nen Umfang Schlüs­se zu des­sen Nach­teil zu zie­hen, nach­dem der Beschwer­de­füh­rer von sei­nem umfas­sen­den Schwei­ge­recht kei­nen Gebrauch gemacht und auch nicht etwa zu ein­zel­nen Tat­vor­wür­fen die Ein­las­sung ver­wei­gert hat­te. In die­ser Form der Beweis­wür­di­gung liegt ins­be­son­de­re auch kei­ne kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Beweis­last­um­kehr zum Nach­teil des Beschwer­de­füh­rers. Viel­mehr hat die Straf­kam­mer sich mit mög­li­chen Grün­den für das teil­wei­se Schwei­gen des Beschwer­de­füh­rers befasst und ist danach ange­sichts des gesam­ten Ergeb­nis­ses der Beweis­auf­nah­me zuläs­si­ger­wei­se zu dem Schluss gekom­men, dass der Beschwer­de­füh­rer, soweit er kei­ne nähe­ren Anga­ben machen woll­te, den gegen ihn erho­be­nen Vor­wür­fen offen­sicht­lich nichts ent­ge­gen­zu­set­zen hat­te 13.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. April 2010 – 2 BvR 366/​10

  1. vgl. BVerfGE 74, 358, 370[]
  2. vgl. BVerfGE 19, 342, 347; 35, 311, 320; 74, 358, 371[]
  3. vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 111, 307, 322 ff.[]
  4. vgl. hier­zu nur EGMR, Urtei­le vom 11.02.2003 – Y. ./​. Nor­we­gen, Rn. 39 ff.; und vom 19.05.2005 – Dia­man­ti­des ./​. Grie­chen­land, Rn. 35; fer­ner Mey­er-Lade­wig, EMRK, 2. Aufl. 2006, Art. 6 Rn. 85[]
  5. vgl. nur EGMR, Urtei­le vom 25.03.1983 – Minel­li ./​. Schweiz, Rn. 37; und vom 10.10.2000 – Dakt­a­ras ./​. Litau­en, Rn. 41[]
  6. vgl. EGMR, Urtei­le vom 03.10.2002 – Böh­mer ./​. Deutsch­land, NJW 2004, S. 43 ff., Rn. 55; und vom 08.06.1976 – Engel et al. ./​. Nie­der­lan­de, Rn. 90[]
  7. vgl. all­ge­mein BGHSt 34, 209; Peu­kert, in: Frowein/​Peukert, Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, EMRK-Kom­men­tar, 3. Aufl. 2009, Art. 6 Rn. 275; Goll­wit­zer, in: Löwe-Rosen­berg, Die Straf­pro­zess­ord­nung und das Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz, Bd. 8, 25. Aufl. 2005, Art. 6 EMRK, Rn. 146 f.; Theu­ne, in: Straf­ge­setz­buch – Leip­zi­ger Kom­men­tar, Bd. 2, 12. Aufl. 2006, § 46 Rn. 177; kri­tisch Vog­ler, in: Fest­schrift für Theo­dor Klein­knecht, 1985, S. 429, 438 f.; Stu­cken­berg, StV 2007, 655, 662[]
  8. vgl. nur BGH, Urteil vom 16.12.1975 – 1 StR 755/​75, NStZ 1981, 99 m.w.N.[]
  9. vgl. nur Theu­ne, in: Straf­ge­setz­buch – Leip­zi­ger Kom­men­tar, Bd. 2, 12. Aufl. 2006, § 46 Rn. 177[]
  10. vgl. dazu EGMR, Urteil vom 03.10.2002 – Böh­mer ./​. Deutsch­land, NJW 2004, S. 43 ff.; BVerfG, Beschlüs­se vom 09.12.2004 – 2 BvR 2314/​04; vom 23.04.2008 – 2 BvR 572/​08; und vom 12.08.2008 – 2 BvR 1448/​08[]
  11. vgl. dazu EGMR, Urteil vom 18.12.2008 – Ner­at­ti­ni ./​. Grie­chen­land[]
  12. vgl. BVerfGE 56, 37, 49 ff.; BVerfG, Beschluss vom 07.07.1995 – 2 BvR 326/​92, m.w.N.[]
  13. vgl. EGMR, Urteil vom 20.03.2001 – Telf­ner ./​. Öster­reich, Rn. 17[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 15.03.2005 – 4…

    Die Unschuldsvermutung im StrafprozessDie Unschulds­ver­mu­tung im Straf­pro­zess Die Unschulds­ver­mu­tung ist eine beson­de­re Aus­prä­gung des Rechts­staats­prin­zips und hat damit Ver­fas­sungs­rang ((vgl. BVerfGE 74, 358, 370[]