Die Unter­su­chungs­haft in der Straf­zu­mes­sung

Es begeg­net recht­li­chen Beden­ken, wenn das Gericht sowohl bei der Straf­rah­men­wahl als auch bei der Straf­zu­mes­sung im enge­ren Sin­ne zuguns­ten des Ange­klag­ten berück­sich­tigt, dass er sich „eini­ge Mona­te“ in Unter­su­chungs­haft befand.

Die Unter­su­chungs­haft in der Straf­zu­mes­sung

Unter­su­chungs­haft ist, jeden­falls bei der Ver­hän­gung einer zu ver­bü­ßen­den Frei­heits­stra­fe, kein Straf­mil­de­rungs­grund; sie wird gemäß § 51 Abs. 1 Satz 1 StGB grund­sätz­lich auf die zu voll­stre­cken­de Stra­fe ange­rech­net.

Ande­res gilt nur in Fäl­len, in denen der Voll­zug von Unter­su­chungs­haft aus­nahms­wei­se mit unge­wöhn­li­chen, über das übli­che Maß deut­lich hin­aus­ge­hen­den Beschwer­nis­sen ver­bun­den ist [1]. Will der Tatrich­ter wegen beson­de­rer Nach­tei­le für den Ange­klag­ten den Voll­zug der Unter­su­chungs­haft bei der Straf­zu­mes­sung straf­mil­dernd berück­sich­ti­gen, müs­sen die­se Nach­tei­le in den Urteils­grün­den dar­ge­legt wer­den [2].

Hier­an fehl­te es im vor­lie­gen­den Fall: Inso­weit hat das Land­ge­richt allein dar­auf abge­stellt, dass der Ange­klag­te „als nicht der deut­schen Spra­che hin­rei­chend mäch­ti­ger Ange­klag­ter“ beson­ders haft­emp­find­lich sei. Dabei hat es nicht erkenn­bar bedacht, dass der Ange­klag­te bereits seit dem Jahr 2000 in Deutsch­land lebt, meh­re­re Cafés betrie­ben hat und fami­liä­re Bin­dun­gen im Inland hat. Bei die­ser Sach­la­ge genüg­te der blo­ße Hin­weis auf unzu­rei­chen­de Sprach­kennt­nis­se zur Begrün­dung einer beson­de­ren Haft­emp­find­lich­keit nicht.

Die­ser Rechts­feh­ler führt zur Auf­he­bung des Straf­aus­spruchs. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag in Anse­hung des fest­ge­stell­ten Tat­bil­des, der Inten­si­tät der ein­ge­setz­ten Gewalt, der erheb­li­chen phy­si­schen und psy­chi­schen Tat­fol­gen für das Tat­op­fer sowie des Nacht­at­ver­hal­tens des Ange­klag­ten nicht aus­zu­schlie­ßen, dass der Tatrich­ter ohne den auf­ge­zeig­ten Rechts­feh­ler die Annah­me eines min­der schwe­ren Fal­les abge­lehnt und auch im Übri­gen eine höhe­re Stra­fe ver­hängt hät­te. Die Sache bedarf daher inso­weit neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juni 2017 – 2 StR 92/​17

  1. BGH, Urteil vom 24.08.2016 – 2 StR 504/​15, NStZ-RR 2017, 40, 42; BGH, Urteil vom 19.12 2013 – 4 StR 303/​13, NStZ-RR 2014, 82, 83[]
  2. BGH, Urteil vom 24.08.2016 – 2 StR 504/​15, aaO[]