Die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht des Gerichts­voll­zie­hers

Den Gerichts­voll­zie­her trifft kraft sei­ner gesetz­li­chen Stel­lung als Voll­stre­ckungs­or­gan im Rah­men des ihm erteil­ten Voll­stre­ckungs­auf­trags eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht gegen­über dem Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ger.

Die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht des Gerichts­voll­zie­hers

Den Gerichts­voll­zie­her trifft kraft sei­ner gesetz­li­chen Stel­lung als Voll­stre­ckungs­or­gan gemäß §§ 753 ff. ZPO im Rah­men des ihm erteil­ten Voll­stre­ckungs­auf­trags eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht gegen­über den Gläu­bi­gern [1]. Zwar han­delt der Gerichts­voll­zie­her hoheit­lich und wird nicht als Ver­tre­ter des Gläu­bi­gers tätig [2]. Die Zwangs­voll­stre­ckung dient aber den Gläu­bi­ger­inter­es­sen. Sie erfor­dert als ver­fah­rens­ein­lei­ten­de Pro­zess­hand­lung einen Antrag des Gläu­bi­gers. Damit bestimmt der Gläu­bi­ger Beginn, Art und Aus­maß des Voll­stre­ckungs­zu­griffs. Er hat die Herr­schaft über sei­nen voll­streck­ba­ren Anspruch und bleibt somit auch „Herr“ sei­nes Ver­fah­rens [3]. Zudem hat der Gerichts­voll­zie­her die Vor­schrif­ten der Geschäfts­an­wei­sung für Gerichts­voll­zie­her (GVGA) zu beach­ten [4]. Deren Ein­hal­tung gehört nach § 1 Abs. 4 GVGA zu den Amts­pflich­ten des Gerichts­voll­zie­hers. Nach § 58 Nr. 1 GVGA han­delt der Gerichts­voll­zie­her bei der ihm zuge­wie­se­nen Zwangs­voll­stre­ckung selb­stän­dig. Er hat gemäß § 58 Nr. 2 GVGA die Wei­sun­gen des Gläu­bi­gers inso­weit zu berück­sich­ti­gen, als sie mit den Geset­zen oder der Geschäfts­an­wei­sung nicht in Wider­spruch ste­hen. Ins­be­son­de­re hat der Gerichts­voll­zie­her nach § 106 Nr. 6 GVGA die emp­fan­ge­ne Leis­tung und nach § 138 Nr. 1 GVGA bzw. § 170 GVGA gepfän­de­tes oder ihm gezahl­tes Geld nach Abzug der Voll­stre­ckungs­kos­ten unver­züg­lich an den Gläu­bi­ger abzu­lie­fern. Gegen die­se Amts­pflich­ten hat in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall der ange­klag­te Gerichts­voll­zie­her ver­sto­ßen, indem er das von den Voll­stre­ckungs­schuld­nern erhal­te­ne Geld im Umfang der zuviel ein­be­hal­te­nen Gebüh­ren nicht an die Gläu­bi­ger wei­ter­ge­lei­tet hat.

Die For­de­rung des jewei­li­gen Gläu­bi­gers ist zwar nicht bereits durch die Zah­lung des jewei­li­gen Voll­stre­ckungs­schuld­ners an den Ange­klag­ten als Gerichts­voll­zie­her im Sin­ne des § 362 BGB teil­wei­se erfüllt wor­den. Die Erfül­lungs­wir­kung gemäß § 362 BGB tritt bei Zah­lung erst ein, wenn der Gerichts-voll­zie­her das emp­fan­ge­ne Geld an den Gläu­bi­ger wei­ter­ge­lei­tet hat. Fehlt es hier­an, ist die bei­zu­trei­ben­de For­de­rung nicht durch Erfül­lung erlo­schen [5]. § 362 Abs. 2 BGB i.V.m. § 185 BGB ist nicht anwend­bar, weil die Rechts­stel­lung des Gericht­voll­zie­hers gemäß § 754 ZPO nicht auf einem bür­ger­lich-recht­li­chen Rechts­ver­hält­nis zum Gläu­bi­ger, son­dern auf sei­ner Stel­lung als auch im Bereich der Ent­ge­gen­nah­me frei­wil­li­ger Zah­lun­gen hoheit­lich han­deln­des Organ der Zwangs­voll­stre­ckung beruht.

Auf frei­wil­li­ge Zah­lun­gen des Schuld­ners an den Gerichts­voll­zie­her ist aber § 815 Abs. 3 ZPO ana­log anwend­bar [6]. Nach der über­wie­gen­den Ansicht in der Recht­spre­chung und Lite­ra­tur wird § 815 Abs. 3 ZPO nicht als Erfül­lungs­fik­ti­on, son­dern als eine von § 270 BGB abwei­chen­de Rege­lung über die Gefahr­tra­gung ver­stan­den [7]. Der Schuld­ner ist bei frei­wil­li­ger Leis­tung unter dem Druck dro­hen­der Pfän­dung eben­so schutz­wür­dig wie bei der Weg­nah­me [8]. Die­ser Schutz des Schuld­ners trägt dem Umstand Rech­nung, dass er auf den wei­te­ren Ver­fah­rens­ab­lauf kei­nen Ein­fluss neh­men kann [9]. Ver­wen­det der Gerichts­voll­zie­her das Geld nicht ent­spre­chend den voll­stre­ckungs­recht­li­chen Vor­schrif­ten, trägt der Gläu­bi­ger somit die Gefahr. Er kann den Schuld­ner nicht noch­mals in Anspruch neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Janu­ar 2011 – 4 StR 409/​10

  1. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 20.10.1959 – 1 StR 466/​59, BGHSt 13, 274; RGSt 71, 31[]
  2. Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 753 Rn. 4[]
  3. Zöller/​Stöber aaO Vor § 704 Rn. 19[]
  4. vgl. Zöller/​Stöber aaO § 753 Rn. 4[]
  5. BGH, Beschluss vom 29.01.2009 – III ZR 115/​08, MDR 2009, 466; Zöller/​Stö­ber aaO § 754 Rn. 6[]
  6. BGH, Beschluss vom 29.01.2009 – III ZR 115/​08, MDR 2009, 466, 467; Zöller/​Stöber aaO § 754 Rn. 6; Musielak/​Becker, ZPO, 7. Aufl., § 815 Rn. 5[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 29.01.2009 – III ZR 115/​08 aaO; Urteil vom 30.01.1987 – V ZR 220/​85, ZZP 102, 366; Zöller/​Stöber aaO § 815 Rn. 2; Musielak/​Becker aaO § 815 Rn. 4; Münch­Komm-ZPO/­Gru­ber, 3. Aufl., § 815 Rn. 14[]
  8. BGH, Beschluss vom 29.01.2009 – III ZR 115/​08 aaO; Musielak/​Becker aaO § 815 Rn. 5[]
  9. Münch-KommZPO/­Gru­ber aaO § 815 Rn. 14[]