Die ver­spä­tet, unvoll­stän­dig oder auch gar nicht aus­ge­kehr­ten Fremd­gel­der

Ein Rechts­an­walt, der sich im Rah­men eines bestehen­den Anwalts­ver­tra­ges zur Wei­ter­lei­tung bestimm­te Fremd­gel­der auf sein Geschäfts­kon­to ein­zah­len lässt und weder unein­ge­schränkt bereit noch jeder­zeit fähig ist, einen ent­spre­chen­den Betrag aus eige­nen flüs­si­gen Mit­teln voll­stän­dig aus­zu­keh­ren, macht sich der Untreue in der Vari­an­te des Treue­bruch­tat­be­stan­des (§ 266 Abs. 1 Alt. 2 StGB) straf­bar [1].

Die ver­spä­tet, unvoll­stän­dig oder auch gar nicht aus­ge­kehr­ten Fremd­gel­der

Für den Man­dan­ten oder einen von die­sem bestimm­ten Emp­fän­ger ein­ge­hen­de Gel­der hat er unver­züg­lich zu über­mit­teln oder, falls dies aus­nahms­wei­se nicht sofort durch­führ­bar ist, den Man­dan­ten hier­von sofort in Kennt­nis zu set­zen und dafür besorgt zu sein, dass ein dem Geld­ein­gang ent­spre­chen­der Betrag bei ihm jeder­zeit für den Berech­tig­ten zur Ver­fü­gung steht [2].

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war das ver­wen­de­te Geschäfts­kon­to des Rechts­an­walts häu­fig über­zo­gen, so dass ein­ge­hen­de Fremd­gel­der unmit­tel­bar mit Ein­gang auf dem Kon­to dem Aus­gleich des Solls dien­ten; teil­wei­se ver­wen­de­te der Ange­klag­te die Gel­der zum Aus­gleich ande­rer Ver­bind­lich­kei­ten. Bei­des reicht für die Annah­me einer Untreue in der Form des Treue­bruchs aus.

Die­se Fest­stel­lun­gen bele­gen damit aller­dings nicht nur den Ein­tritt einer scha­dens­glei­chen Ver­mö­gens­ge­fähr­dung. Mit der Kon­to­kor­rent­bu­chung der Bank oder dem Abfluss des Zah­lungs­ein­gangs vom Kon­to ist bei dem Berech­tig­ten bereits ein end­gül­ti­ger Ver­mö­gens­scha­den ein­ge­tre­ten [3].

Soweit sich die Tat­hand­lung des Rechts­an­walts in einer ein­ma­li­gen Zah­lungs­auf­for­de­rung unter Anga­be sei­nes Geschäfts­kon­tos für zu leis­ten­de Zah­lun­gen erschöpft, recht­fer­tigt dies aller­dings unge­ach­tet der Anzahl der dar­auf­hin erhal­te­nen Zah­lun­gen nicht die Annah­me von Tat­mehr­heit recht­fer­ti­gen [4].

Untreue kann durch den Rechts­an­walt durch akti­ves Tun wie auch durch Unter­las­sen began­gen wer­den. Ver­wirk­licht er den Tat­be­stand aus­schließ­lich dadurch, dass er pflicht­wid­rig dem Man­dan­ten oder einem Drit­ten zuste­hen­de Gel­der nicht wei­ter­lei­tet, son­dern auf sei­nem Geschäfts­kon­to belässt, so ist hier­auf die Straf­mil­de­rungs­vor­schrift des § 13 Abs. 2 StGB anwend­bar, denn der Schwer­punkt der Vor­werf­bar­keit liegt hier in einem Unter­las­sen [5]. Die Unter­schei­dung zwi­schen den Bege­hungs­for­men hat sich dar­an zu ori­en­tie­ren, ob zu dem blo­ßen Geld­er­halt ein Tätig­wer­den des Rechts­an­walts (Anfor­dern des Gel­des, Ver­wen­den des Gel­des zu eige­nen Zwe­cken, Ableug­nen des Zah­lungs­ein­gangs) hin­zu­tritt oder sich der Vor­wurf in dem blo­ßen Untä­tig­blei­ben nach Zah­lungs­er­halt erschöpft.

Die Bewer­tung der Kon­kur­ren­zen bleibt von der Bege­hungs­form aller­dings unbe­rührt. Der Ver­wirk­li­chung des Treue­bruch­tat­be­stands (§ 266 Abs. 1 Alt. 2 StGB) durch Unter­las­sen stün­de die fort­ge­setz­te Leis­tungs­un­fä­hig­keit des Ange­klag­ten zum Zeit­punkt der Ent­ste­hung der jewei­li­gen Zah­lungs­pflicht nicht ent­ge­gen, denn er ist ver­pflich­tet, für sei­ne Leis­tungs­fä­hig­keit zu den ver­schie­de­nen Zah­lungs­zeit­punk­ten Sor­ge zu tra­gen (Rechts­ge­dan­ke der omis­sio libe­ra in cau­sa) [6].

Bei der Prü­fung der Regel­wir­kung der § 266 Abs. 2, § 243 Abs. 2, § 248a StGB ist nicht auf die Höhe des tat­säch­li­chen Scha­dens, son­dern auf die Vor­stel­lung des Rechts­an­walts abzu­stel­len [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Janu­ar 2015 – 1 StR 587/​14

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.12 1960 – 4 StR 401/​60, BGHSt 15, 342, 344; und vom 27.01.1988 – 3 StR 61/​87, BGHR StGB § 266 Abs. 1 Nach­teil 8; Beschlüs­se vom 25.07.1997 – 3 StR 179/​97, NStZ-RR 1997, 357; vom 30.10.2003 – 3 StR 276/​03, NStZ-RR 2004, 54; und vom 24.07.2014 – 2 StR 221/​14, wis­tra 2015, 27, 28[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.1960 – 4 StR 544/​59, NJW 1960, 1629 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.08.2008 – 2 StR 587/​07, BGHSt 52, 323, 336 ff.[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.07.1997 – 3 StR 179/​97, NStZ-RR 1997, 357; und vom 24.07.2014 – 2 StR 221/​14, wis­tra 2015, 27, 28[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25.07.1997 – 3 StR 179/​97, NStZ-RR 1997, 357[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 03.12 2013 – 1 StR 526/​13, NStZ 2014, 158, 159; vgl. im Kon­text von § 266a StGB BGH, Beschluss vom 28.05.2002 – 5 StR 16/​02, BGHSt 47, 318, 320[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 01.02.1995 – 2 StR 657/​94[]