Die ver­spä­te­te Unter­schrift auf dem Urteil

Wird das Urteil erst nach Ablauf der Fer­tig­stel­lungs­frist unter­schrie­ben, steht dies einer feh­len­den Unter­schrift gleich; es ist daher auf die Sach­rü­ge auf­zu­he­ben.

Die ver­spä­te­te Unter­schrift auf dem Urteil

In dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall waren aus­weis­lich der auf die nach § 41 StPO i.V.m. § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG ver­füg­te förm­li­che Zustel­lung des Urteils an die nicht beschwer­de­füh­ren­de Staats­an­walt­schaft erfolg­te Rück­ga­be­ver­fü­gung der­sel­ben vom 29.05.2015 die bei den Akten befind­li­chen schrift­li­chen Urteils­grün­de von der Rich­te­rin noch nicht unter­schrie­ben wor­den (Hin­weis der Staats­an­walt­schaft: "Das begrün­de­te Urteil soll­te noch unter­schrie­ben wer­den"). Unge­ach­tet des­sen hat­te die Geschäfts­stel­le bereits zuvor den Ein­gangs­ver­merk "18.05.2015" ange­bracht gehabt. Die Unter­schrift der Rich­te­rin auf der Zustel­lungs­ver­fü­gung vom 12.05.2015 genüg­te nicht, da die Rich­te­rin hier­durch nicht zwei­fels­frei die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des in der Akte befind­li­chen, an der vor­ge­se­he­nen Stel­le aber nicht von ihr unter­schrie­be­nen Urteils über­nimmt 1.

Da das Urteil nun­mehr die Unter­schrift der Rich­te­rin auf­weist, wur­de die­se nach dem aus­weis­lich des Ein­gangs­stem­pels des Amts­ge­richts am 01.06.2015 beim Amts­ge­richts ein­ge­gan­ge­nen Akten nach­träg­lich ange­bracht; dies geschah ohne Bei­fü­gung eines Zusat­zes, aus dem sich der Zeit­punkt der Unter­schrift ent­neh­men lie­ße. Ange­sichts des Ein­gangs­da­tums der Akten kann das Urteil frü­hes­tens am 01.06.2015 durch die Rich­te­rin unter­schrie­ben wor­den sein. Da das Urteil am 21.04.2015 nach ein­tä­gi­ger Haupt­ver­hand­lung ver­kün­det wor­den war, ende­te die im Buß­geld­ver­fah­ren ent­spre­chend gel­ten­de Fer­tig­stel­lungs­frist nach § 275 Abs. 1 Satz 2 StPO i.V.m. § 71 Abs. 1 OWiG 2 am 26.05.2015; die Unter­schrifts­leis­tung erfolg­te dem­ge­mäß erst nach Ablauf der Fer­tig­stel­lungs­frist. Die Unter­schrift kann nach über­wie­gen­der Ansicht nach Ablauf die­ser Frist nicht mehr nach­ge­holt wer­den 3.

Unge­ach­tet des Ver­sto­ßes gegen die Fer­tig­stel­lungs­frist (vgl. auch § 338 Nr. 7 StPO i.V.m. § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG) ver­hin­dert dem­ge­gen­über die feh­len­de Unter­schrift bei einer dem Emp­fän­ger zuge­stell­ten mit der Urschrift des Urteils über­ein­stim­men­den Aus­fer­ti­gung, wor­an zu Zwei­feln kein Anlass besteht, nicht, dass die Rechts­wirk­sam­keit der Zustel­lung berührt wird; es han­delt sich näm­lich nicht um einen Man­gel der Zustel­lung, son­dern des Urteils selbst 4.

Das Urteil ist auf­grund der Sach­rü­ge auf­zu­he­ben, da es erst nach Ablauf der Fer­tig­stel­lungs­frist unter­schrie­ben wur­de. Eine zu die­sem Zeit­punkt erfolg­te Unter­schrift ent­fal­tet kei­ne recht­li­che Bedeu­tung, sodass es dem Fall des Feh­lens der Unter­schrift gleich­steht. Dem­zu­fol­ge liegt ledig­lich ein Urteils­ent­wurf vor, zumal die feh­len­de Unter­schrift nach ganz über­wie­gen­der Auf­fas­sung, der sich das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he anschließt, ohne­hin nicht mehr nach­ge­holt wer­den konn­te. Das Feh­len der rich­ter­li­chen Unter­schrift ist dem völ­li­gen Feh­len der Urteils­grün­de gleich­zu­stel­len 5.

Die Ent­schei­dung ist auf die Sach­rü­ge auf­zu­he­ben. Da das Urteil kei­ne Unter­schrift auf­weist, ist es sach­lich-recht­lich feh­ler­haft 6 und die Sach­rü­ge begrün­det, wohin­ge­gen beim Feh­len nur ein­zel­ner Unter­schrif­ten die Erhe­bung einer – dies­be­züg­lich nicht erho­be­nen – Ver­fah­rens­rüge erfor­der­lich gewe­sen wäre 7. Die­se Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he steht nach des­sen Ein­schät­zung nicht im Wider­spruch zu der­je­ni­gen des Ober­lan­des­ge­richts Bam­berg 8. Jene Ent­schei­dung ver­hält sich näm­lich zu der Fra­ge, ob das Feh­len der Unter­schrift eine zwin­gen­de Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de (§ 80 OWiG) zur Fol­ge hat, wohin­ge­gen vor­lie­gend über eine Rechts­be­schwer­de (§ 79 OWiG) zu ent­schei­den ist.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 8. Okto­ber 2015 – 2 (7) SsBs 467/​15; 2 (7) SsBs 467/​15 – AK 146/​15

  1. BGH StV 2010, 618[]
  2. KK-Sen­ge, OWiG, a.a.O., § 71 Rn. 126[]
  3. BGHSt 28, 194; BGH NStZ-RR 2000, 237; LR-Stu­cken­berg, StPO, 26. Aufl., § 275 Rn. 36 Fn. 142 m.w.N. aus der Rspr. des BGH; OLG Hamm , Beschluss vom 10.01.2013 – 3 RBs 296/​12, juris; KK-Gre­ger, StPO, a.a.O., § 275 Rn. 57; vgl. auch OLG Cel­le Stra­Fo 2012, 21; aA LR-Stu­cken­berg, a.a.O., § 275 Rn. 36[]
  4. BGHSt 46, 204; BGH NStZ-RR 2003, 85; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl., § 345 Rn. 5a; aA LR-Fran­ke, a.a.O., § 345 Rn. 6[]
  5. OLG Frank­furt NStZ-RR 2010, 250 m.w.N.[]
  6. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, a.a.O., § 275 Rn. 29; vgl. auch OLG Schles­wig, Beschluss vom 22.09.2014 – 1 Ss OWi 170/​14, juris; OLG Bran­den­burg NStZ-RR 2004, 121[]
  7. OLG Hamm NStZ 2011, 238; NStZ-RR 2009, 24; OLG Frank­furt a.a.O.; OLG Schles­wig SchlHA 2002, 172; KK-Geri­cke, StPO, a.a.O., § 338 Rn. 97 a.E.; LR-Stu­cken­berg, a.a.O., § 275 Rn. 70 a.E.; Beck OK/​Peglau, StPO, § 275 Rn. 24; Radtke/​Hohmann/​Pauly, StPO, 1. Aufl., § 275 Rn. 21; HK-StPO/Ju­li­us, 5. Aufl., § 275 Rn. 9; SK-StPO/­Fris­ter, 4. Aufl., § 275 Rn. 44; vgl. dem­ge­gen­über bei nur teil­wei­se vor­han­de­nen Unter­schrif­ten das Erfor­der­nis einer Ver­fah­rens­rüge: BGHSt 46, 204; vgl. zu dem Pro­blem­kreis auch Groß, juris­PR-StrR 17/​2013 Anm. 2[]
  8. OLG Bam­berg, Beschluss vom 07.05.2013, NJW 2013, 2212[]