DNA-Misch­spu­ren – und die Urteilsgründe

Die Dar­stel­lung der Ergeb­nis­se einer auf einer mole­ku­lar­ge­ne­ti­schen Ver­gleichs­un­ter­su­chung beru­hen­den Wahr­schein­lich­keits­be­rech­nung ist so aus­zu­ge­stal­ten, dass die Wahr­schein­lich­keits­be­rech­nung für das Revi­si­ons­ge­richt nach­voll­zieh­bar ist.

DNA-Misch­spu­ren – und die Urteilsgründe

Des­halb muss das Tat­ge­richt in den Urteils­grün­den mit­tei­len, wie vie­le Sys­te­me unter­sucht wur­den, ob und inwie­weit sich Über­ein­stim­mun­gen in den unter­such­ten Sys­te­men erga­ben, mit wel­cher „Wahr­schein­lich­keit“ die fest­ge­stell­te Merk­mals­kom­bi­na­ti­on bei einer wei­te­ren Per­son zu erwar­ten ist1 und, sofern der Ange­klag­te einer frem­den Eth­nie ange­hört, inwie­weit die­ser Umstand bei der Aus­wahl der Ver­gleichs­po­pu­la­ti­on von Bedeu­tung war2.

Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz gilt nach neu­er Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur bei DNA-Ver­gleichs­un­ter­su­chun­gen, die sich auf ein­deu­ti­ge Ein­zel­spu­ren bezie­hen und kei­ne Beson­der­hei­ten in der foren­si­schen Fra­ge­stel­lung auf­wei­sen. In die­sen Fäl­len genügt die Mit­tei­lung, mit wel­cher Wahr­schein­lich­keit die fest­ge­stell­te Merk­mals­kom­bi­na­ti­on bei einer wei­te­ren Per­son zu erwar­ten ist3.

Bei Misch­spu­ren, d.h. bei Spu­ren, die mehr als zwei Alle­le in einem DNA-Sys­tem auf­wei­sen und dem­nach von mehr als einer ein­zel­nen Per­son stam­men4, wird von den Tat­ge­rich­ten grund­sätz­lich wei­ter­hin ver­langt, in den Urteils­grün­den mit­zu­tei­len, wie vie­le Sys­te­me unter­sucht wur­den, ob und inwie­weit sich Über­ein­stim­mun­gen in den unter­such­ten Sys­te­men erga­ben und mit wel­cher „Wahr­schein­lich­keit“ die fest­ge­stell­te Merk­mals­kom­bi­na­ti­on bei einer wei­te­ren Per­son zu erwar­ten ist5. Ledig­lich in Fäl­len, in denen Misch­spu­ren eine ein­deu­ti­ge Haupt­kom­po­nen­te auf­wei­sen, kön­nen für die Dar­stel­lung der DNA-Ver­gleichs­un­ter­su­chung die für die Ein­zel­spur ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze gel­ten6.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof über­prüf­ten land­ge­richt­li­chen Urteil erfüll­ten die Aus­füh­run­gen in den Urteils­grün­den die letzt­ge­nann­ten Anfor­de­run­gen nicht. Das Land­ge­richt hat nicht mit­ge­teilt, wie vie­le DNA-Sys­te­me der Misch­spur unter­sucht wur­den, wenn­gleich es nahe­liegt, dass der Wahr­schein­lich­keits­be­rech­nung des Rechts­me­di­zi­ners stan­dard­mä­ßig die Unter­su­chung von 16 Sys­te­men zugrun­de lag. Die Fest­stel­lun­gen ver­hal­ten sich auch nicht zu dem Ver­hält­nis der in der Misch­spur ent­hal­te­nen Komponenten.

Der Bun­des­ge­richts­hof kann jedoch aus­schlie­ßen, dass der Nach­weis der Täter­schaft des Ange­klag­ten auf der unzu­rei­chen­den Dar­stel­lung des Ergeb­nis­ses der DNA-Ana­ly­se beruht.

Denn das Land­ge­richt hat sei­ne Über­zeu­gung von der Täter­schaft des Beschul­dig­ten bereits dar­aus gewon­nen, dass bei ihm kurz nach der Tat frisch gewa­sche­ne Klei­dungs­stü­cke fest­ge­stellt wur­den, die aus­weis­lich einer Video­auf­zeich­nung vom Tat­ort in Art und Far­be der Täter­klei­dung gleich­ka­men. Zugleich wur­de bei der tat­zeit­na­hen Durch­su­chung ander­weit nicht erklär­ba­rer Ben­zinund Brand­ge­ruch in der Woh­nung des Beschul­dig­ten fest­ge­stellt. Schon „allein“ aus die­sen bei­den Indi­zi­en hat das Land­ge­richt den siche­ren Schluss auf die Täter­schaft des Beschul­dig­ten gezo­gen. Zwar hat es die­ses Beweis­ergeb­nis „im Wesent­li­chen“ neben auf­ge­fun­de­nen Inter­net­re­cher­chen des Beschul­dig­ten zum The­ma „Feu­er machen“ und tat­be­zo­ge­nen Äuße­run­gen des Beschul­dig­ten gegen­über dem Sach­ver­stän­di­gen auch durch das Ergeb­nis der DNA-Ver­gleichs­un­ter­su­chung gestützt gese­hen und die­se Umstän­de in die abschlie­ßen­de Gesamt­be­trach­tung ein­ge­stellt. Es hat die­sen Indi­zi­en jedoch ersicht­lich nur eine das bereits gefun­de­ne Ergeb­nis bestä­ti­gen­de Bedeu­tung bei­gemes­sen und den Schwer­punkt des Tat­nach­wei­ses auf die tat­zeit­nah fest­ge­stell­ten Beweis­an­zei­chen gelegt. Hin­zu kommt, dass dem Ergeb­nis der DNA-Unter­su­chung unge­ach­tet der unzu­rei­chen­den Dar­stel­lung im Urteil jeden­falls inso­weit noch eine gewis­se Indi­zwir­kung zukommt, als der Beschul­dig­te als Mit­ver­ur­sa­cher der gesi­cher­ten Misch­spur an der Streich­holz­schach­tel in Betracht kommt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. April 2021 – 4 StR 46/​21

  1. vgl. BGH, Urteil vom 05.06.2014 – 4 StR 439/​13, BGHR StPO § 267 Abs. 1 Satz 2 Beweis­ergeb­nis 6, Rn. 16; Beschlüs­se vom 28.08.2018 – 5 StR 50/​17, BGHSt 63, 187, 188 Rn. 9 mwN; und vom 27.06.2017 – 2 StR 572/​16 Rn. 12 f.[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 20.05.2015 – 4 StR 555/​14, NJW 2015, 2594 Rn.20 mwN[]
  3. im Ein­zel­nen: BGH, Beschlüs­se vom 28.08.2018 – 5 StR 50/​17, BGHSt 63, 187, 189 Rn. 10; und vom 03.11.2020 – 4 StR 408/​20 Rn. 4[]
  4. vgl. zur Defi­ni­ti­on Schneider/​Fimmers/​Schneider/​Brinkmann, All­ge­mei­ne Emp­feh­lun­gen der Spu­ren­kom­mis­si­on zur Bewer­tung von DNA­Misch­spu­ren, NStZ 2007, 447[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.11.2020 – 4 StR 408/​20; vom 29.11.2018 – 5 StR 362/​18, StV 2019, 331[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.07.2020 – 6 StR 183/​20; vom 29.07.2020 – 6 StR 211/​20; vom 03.11.2020 – 4 StR 408/​20[]

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