Drin­gen­der Tat­ver­dacht – und sei­ne Beur­tei­lung wäh­rend lau­fen­der Haupt­ver­hand­lung

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter­liegt die Beur­tei­lung des drin­gen­den Tat­ver­dachts, die das Gericht wäh­rend lau­fen­der Haupt­ver­hand­lung vor­nimmt, im Haft­be­schwer­de­ver­fah­ren nur in ein­ge­schränk­tem Umfang der Nach­prü­fung durch das Beschwer­de­ge­richt [1].

Drin­gen­der Tat­ver­dacht – und sei­ne Beur­tei­lung wäh­rend lau­fen­der Haupt­ver­hand­lung

Allein das Gericht, vor dem die Beweis­auf­nah­me statt­fin­det, ist in der Lage, deren Ergeb­nis­se aus eige­ner Anschau­ung fest­zu­stel­len und zu wür­di­gen sowie auf die­ser Grund­la­ge zu bewer­ten, ob der drin­gen­de Tat­ver­dacht nach dem erreich­ten Ver­fah­rens­stand noch fort­be­steht oder dies nicht der Fall ist.

Das Beschwer­de­ge­richt hat dem­ge­gen­über kei­ne eige­nen, unmit­tel­ba­ren Erkennt­nis­se über den Ver­lauf der Beweis­auf­nah­me. Aller­dings muss es in die Lage ver­setzt wer­den, sei­ne Ent­schei­dung über das Rechts­mit­tel der Ange­klag­ten auf einer hin­rei­chend trag­fä­hi­gen tat­säch­li­chen Grund­la­ge zu tref­fen, um den erhöh­ten Anfor­de­run­gen, die nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts an die Begrün­dungs­tie­fe von Haft­fort­dau­er­ent­schei­dun­gen zu stel­len sind, aus­rei­chend Rech­nung tra­gen zu kön­nen.

Dar­aus folgt indes nicht, dass das Gericht alle bis­lang erho­be­nen Bewei­se in der von ihm zu tref­fen­den Ent­schei­dung einer umfas­sen­den Dar­stel­lung und Wür­di­gung unter­zie­hen muss. Die abschlie­ßen­de Bewer­tung der Bewei­se und ihre ent­spre­chen­de Dar­le­gung ist den Urteils­grün­den vor­be­hal­ten. Haft­prü­fung und Haft­be­schwer­de füh­ren nicht zu einem über die Nach­prü­fung des drin­gen­den Tat­ver­dachts hin­aus­ge­hen­den Zwi­schen­ver­fah­ren, in dem sich das Gericht zu Inhalt und Ergeb­nis aller Beweis­erhe­bun­gen erklä­ren müss­te [2].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2019 – StB 29/​19

  1. vgl. Beschlüs­se vom 21.04.2016 StB 5/​16, NStZ-RR 2016, 217; vom 05.02.2015 StB 1/​15, BGHR StPO § 304 Abs. 4 Haft­be­fehl 3; vom 22.10.2012 StB 12/​12, NJW 2013, 247 Rn. 6; vom 02.09.2003 StB 11/​03, NStZ-RR 2003, 368[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 21.04.2016 StB 5/​16, NStZ-RR 2016, 217; vom 29.10.2015 StB 14/​15 7 mwN[]