Durch­su­chung der Ver­tei­di­ger – das OLG Mün­chen darf das

Der Bun­des­ge­richts­hof hat es (erneut) offen­ge­las­sen, ob sit­zungs­po­li­zei­li­che Maß­nah­men im Sin­ne des § 176 GVG über­haupt der Anfech­tung unter­lie­gen oder der Beschwer­de ent­zo­gen sind 1.

Durch­su­chung der Ver­tei­di­ger – das OLG Mün­chen darf das

Denn auch bei Annah­me der grund­sätz­li­chen Anfecht­bar­keit sit­zungs­po­li­zei­li­cher Maß­nah­men wür­de sich die­se nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über die Beschwer­de gemäß § 304 Abs. 1 StPO rich­ten, mit der alle rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen ange­grif­fen wer­den kön­nen, sofern sie nicht aus­drück­lich von der Anfecht­bar­keit aus­ge­nom­men sind. Eine sol­che gene­rel­le Aus­nah­me beinhal­tet § 304 Abs. 4 Satz 2 StPO. Danach ist ein Rechts­mit­tel gegen Ver­fü­gun­gen und Beschlüs­se der Ober­lan­des­ge­rich­te in Fäl­len, in denen die­se – wie vor­lie­gend – erst­in­stanz­lich tätig wer­den, nur in den in § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 StPO aus­drück­lich auf­ge­führ­ten Fäl­len statt­haft. Die­sem Kata­log unter­fällt die ange­grif­fe­ne Ver­fü­gung nicht.

Zwar nennt der Aus­nah­me­ka­ta­log des § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 StPO in Nr. 1 auch Durch­su­chun­gen. Indes ergibt sich bereits aus der Auf­zäh­lung der in § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 Nr. 1 StPO genann­ten Ein­grif­fe, die sich auf Zwangs­maß­nah­men im Ermitt­lungs­ver­fah­ren nach dem 8. Abschnitt des ers­ten Buches der Straf­pro­zess­ord­nung und Haft­ent­schei­dun­gen nach des­sen 9. Abschnitt bezie­hen, dass mit dem Begriff der Durch­su­chung im Sin­ne der Vor­schrift die "klas­si­sche Durch­su­chung" nach Beweis­mit­teln im Sin­ne der §§ 102 ff. StPO gemeint ist 2. Einer Aus­deh­nung der Vor­schrift des § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 Nr. 1 StPO auf sit­zungs­po­li­zei­lich ange­ord­ne­te Durch­su­chun­gen von Per­so­nen und Sachen steht der – auch im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren her­vor­ge­ho­be­ne 3 – Aus­nah­me­cha­rak­ter die­ser Norm ent­ge­gen, die nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eng aus­zu­le­gen ist 4. Der Bun­des­ge­richts­hof hat es des­halb bis­her auch abge­lehnt, Beschwer­den gegen Ent­schei­dun­gen, die ledig­lich die Art und Wei­se des Voll­zugs einer Durch­su­chung zum Gegen­stand haben, in erwei­tern­der Aus­le­gung des Begriffs der "Durch­su­chung" im Sin­ne des § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 Nr. 1 StPO als statt­haft anzu­se­hen 5. Nichts ande­res kann für eine sit­zungs­po­li­zei­lich ange­ord­ne­te Durch­su­chung gel­ten, die – letzt­lich im Inter­es­se der Wahr­heits­fin­dung – ledig­lich den unge­stör­ten äuße­ren Ver­lauf der Sit­zung sichern soll 6.

Auch mit Blick auf die mög­li­cher­wei­se tan­gier­te Grund­rechts­po­si­ti­on der Beschwer­de­füh­rer aus Art. 12 Abs. 1 GG ist es nicht gerecht­fer­tigt, die­sen ent­ge­gen dem ein­deu­ti­gen Wil­len des Gesetz­ge­bers ein Beschwer­de­recht ein­zu­räu­men. Der Gesetz­ge­ber hat in § 304 Abs. 4 Satz 2 StPO Beschlüs­se und Ver­fü­gun­gen der Ober­lan­des­ge­rich­te – mit Aus­nah­me der im Kata­log enu­me­ra­tiv auf­ge­führ­ten Ein­grif­fe – einer Beschwer­de ent­zo­gen und es damit in Kauf genom­men, dass in ande­ren Fäl­len mit Grund­rechts­be­zug ein Rechts­mit­tel nicht gege­ben ist. Dies spricht gegen die Annah­me, der Gesetz­ge­ber habe bei Ver­fü­gun­gen und Beschlüs­sen eines Ober­lan­des­ge­richts, die in ein Grund­recht ein­grei­fen, gene­rell eine Rechts­mit­tel­mög­lich­keit vor­se­hen wol­len 7. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht Sache der Fach­ge­rich­te, unter Miss­ach­tung die­ses gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens den Kata­log der aus­nahms­wei­se anfecht­ba­ren gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen im Hin­blick auf die Viel­ge­stal­tig­keit mög­li­cher in Betracht kom­men­der Grund­rechts­be­ein­träch­ti­gun­gen belie­big zu erwei­tern.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Mai 2016 – StB 10/​16

  1. vgl. zum Gan­zen BGH, Beschlüs­se vom 13.10.2015 – StB 10 und 11/​15, NJW 2015, 3671 mwN; vom 10.03.2016 – StB 3/​16[]
  2. vgl. LR-Matt, StPO, 26. Aufl., § 304 Rn. 77[]
  3. vgl. BT-Drs. 5/​4086 S. 11, 5/​4269 S. 6[]
  4. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 03.07.1981 – StB 31/​81, BGHSt 30, 168, 170; vom 19.03.1986 – StB 2 und 3/​86, BGHSt 34, 34, 35; vom 20.03.1991 – StB 3/​91, BGHSt 37, 347, 348[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 14.10.1998 – 3 ARs 10/​98, BGHR StPO § 304 Abs. 5 Durch­su­chung 2; vom 13.10.1999 – StB 7 und 8/​99, NJW 2000, 84, 86[]
  6. vgl. Kissel/​Mayer, GVG, 8. Aufl., § 176 Rn. 1; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, 59. Aufl., § 176 GVG Rn. 4[]
  7. BGH, Beschluss vom 13.10.2015 – StB 10 und 11/​15, NJW 2015, 3671[]