Ein Lied­zi­tat als Kenn­zei­chen ver­fas­sungs­wid­ri­ger Orga­ni­sa­tio­nen

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de erfolg­los, die gegen eine Ver­ur­tei­lung wegen Ver­wen­dens von Kenn­zei­chen ver­fas­sungs­wid­ri­ger Orga­ni­sa­tio­nen ein­ge­legt wur­de.

Ein Lied­zi­tat als Kenn­zei­chen ver­fas­sungs­wid­ri­ger Orga­ni­sa­tio­nen

Der Beschwer­de­füh­rer ist Mit­glied der Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (NPD). Vor einer Par­tei­ver­samm­lung der NPD bau­te er am Ver­an­stal­tungs­ort Ver­stär­ker­an­la­gen auf. Dabei trug er ein T‑Shirt, wel­ches vor­ne bedruckt war mit:

"Sohn Fran­kens,
die Jugend stolz/​
die Fah­nen hoch"

Die ers­te Zei­le war im Schrift­typ Ari­al, die bei­den ande­ren Zei­len in Frak­tur­schrift gedruckt. Wegen die­ses Sach­ver­halts ver­häng­te das Amts­ge­richt Forch­heim wegen des Ver­wen­dens von Kenn­zei­chen ver­fas­sungs­wid­ri­ger Orga­ni­sa­tio­nen eine Geld­stra­fe. Das Gericht begrün­de­te die Ver­ur­tei­lung nach § 86a StGB mit der Ähn­lich­keit des Schrift­zugs zum Horst-Wes­sel-Lied, das ein gän­gi­ges natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Kenn­zei­chen dar­stel­le. Die gegen die­se Ent­schei­dung ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tel waren erfolg­los.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die auf eine Ver­let­zung des Bestimmt­heits­grund­sat­zes gestütz­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an. Art. 103 Abs. 2 GG ver­pflich­tet zwar den Gesetz­ge­ber, die Vor­aus­set­zun­gen der Straf­bar­keit so kon­kret zu umschrei­ben, dass Trag­wei­te und Anwen­dungs­be­reich der Straf­tat­be­stän­de zu erken­nen sind und sich durch Aus­le­gung ermit­teln las­sen. Gegen die­sen Grund­satz haben die Gerich­te bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des § 86a StGB jedoch nicht ver­sto­ßen.

Die Wort­kom­bi­na­ti­on "die Fah­nen hoch" – bis auf die Ver­wen­dung des Plu­rals – ent­spricht dem Titel und dem Text­be­ginn des Horst-Wes­sel-Lie­des. Die Fest­stel­lung der Gerich­te im Aus­gangs­ver­fah­ren, dass es sich dabei um ein Kenn­zei­chen einer ehe­ma­li­gen natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on han­delt, ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich. Durch die Ver­wen­dung des Plu­rals besteht eine ent­spre­chen­de Ähn­lich­keit mit Titel und Text des Horst-Wes­sel-Lie­des. Die­se Aus­le­gung über­steigt nicht den am Schutz­zweck der Norm ori­en­tier­ten Wort­sinn von § 86a Abs. 2 Satz 2 StGB, der in der Abwehr der sym­bol­haft durch die Ver­wen­dung eines Kenn­zei­chens aus­ge­drück­ten Wie­der­be­le­bung bestimm­ter Orga­ni­sa­tio­nen sowie der sym­bol­haft gekenn­zeich­ne­ten Wie­der­be­le­bung der von sol­chen Orga­ni­sa­tio­nen ver­folg­ten Bestre­bun­gen liegt. Es soll bereits jeder Anschein ver­mie­den wer­den, in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gebe es eine rechts­staats­wid­ri­ge poli­ti­sche Ent­wick­lung in dem Sin­ne, dass ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen in der durch das Kenn­zei­chen sym­bo­li­sier­ten Rich­tung gedul­det wür­den.

Der Umstand, dass ledig­lich der Titel und der Anfangs­text des Horst-Wes­sel-Lie­des abge­druckt wur­den, steht aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht im kon­kre­ten Fall einer Ver­ur­tei­lung nicht ent­ge­gen. Die Norm des § 86a StGB bezweckt die Ver­mei­dung der Wie­der­be­le­bung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ten­den­zen infol­ge des Gebrauchs ent­spre­chend asso­zi­ie­rungs­ge­eig­ne­ter Sym­bo­le. Die­se Gefahr besteht aber auch dann, wenn der Titel sowie der­art mar­kan­te Text­tei­le der par­tei­amt­li­chen Hym­ne der Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Arbei­ter­par­tei (NSDAP) wie­der­ge­ge­ben wer­den. Titel und Text­teil haben Wie­der­erken­nungs- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­funk­ti­on. Ein um die Exis­tenz und die Hin­ter­grün­de des Horst-Wes­sel-Lie­des wis­sen­der Beob­ach­ter wird auch die kur­ze Text­pas­sa­ge in einen Gesamt­kon­text ein­ord­nen kön­nen, so dass – nach einer Gesamt­be­trach­tung – die Gefahr der Wie­der­be­le­bung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Bestre­bun­gen besteht.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Mai 2009 – 2 BvR 2202/​08