Ein­schleu­sen von Aus­län­dern – straf­bar trotz Visum?

Ein Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on kann das Ein­schleu­sen von Aus­län­dern auch dann straf­recht­lich ver­fol­gen, wenn die in das Hoheits­ge­biet der Uni­on geschleus­ten Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen über ein durch arg­lis­ti­ge Täu­schung erlang­tes Visum ver­fü­gen, das noch nicht annul­liert wur­de.

Ein­schleu­sen von Aus­län­dern – straf­bar trotz Visum?

Das euro­päi­sche Uni­ons­recht sieht in sei­nem Visa­ko­dex [1] sieht Maß­nah­men bezüg­lich des Über­schrei­tens der Außen­gren­zen sowie der Ver­fah­ren und Vor­aus­set­zun­gen für die Visumer­tei­lung durch die Mit­glied­staa­ten vor. Sie die­nen zur Schaf­fung eines Sys­tems, mit dem durch die wei­te­re Har­mo­ni­sie­rung der inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und der Bear­bei­tungs­ge­pflo­gen­hei­ten bei den ört­li­chen kon­su­la­ri­schen Dienst­stel­len lega­le Rei­sen erleich­tert und die ille­ga­le Ein­wan­de­rung bekämpft wer­den sol­len.

Das zustän­di­ge Kon­su­lat, das einen Antrag auf Ertei­lung eines Visums prüft, muss fest­stel­len, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­rei­se eines Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in das Hoheits­ge­biet der Uni­on erfüllt sind. Ins­be­son­de­re ist zu beur­tei­len, ob bei dem Antrag­stel­ler das Risi­ko der rechts­wid­ri­gen Ein­wan­de­rung besteht, ob er eine Gefahr für die Sicher­heit der Mit­glied­staa­ten dar­stellt und ob er beab­sich­tigt, vor Ablauf der Gül­tig­keits­dau­er des bean­trag­ten Visums das Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten zu ver­las­sen. Wenn es ernst­haf­te Grün­de zu der Annah­me gibt, dass ein Visum durch arg­lis­ti­ge Täu­schung erlangt wur­de, wird das Visum annul­liert. Das Visum wird grund­sätz­lich von den zustän­di­gen Behör­den des Mit­glied­staats annul­liert, der es erteilt hat, kann aber auch von den zustän­di­gen Behör­den eines ande­ren Mit­glied­staats annul­liert wer­den; in die­sem Fall sind die Behör­den des Mit­glied­staats, der das Visum erteilt hat, zu unter­rich­ten.

Anlass für die jetzt ver­kün­de­te Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on war ein Straf­ver­fah­ren aus Deutsch­land: Herr Vo, ein viet­na­me­si­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, wur­de in Deutsch­land wegen des Ein­schleu­sens von Aus­län­dern straf­recht­lich ver­folgt. Er gehör­te viet­na­me­si­schen Ban­den an, die Staats­an­ge­hö­ri­ge die­ses Lan­des ille­gal nach Deutsch­land schleus­ten. Eine Ban­de ging in der Wei­se vor, dass dem unga­ri­schen Kon­su­lat in Viet­nam vor­ge­spie­gelt wur­de, bei den viet­na­me­si­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen han­de­le es sich um Mit­glie­der tou­ris­ti­scher Rei­se­grup­pen, wobei die­se Rei­sen in Wirk­lich­keit nur in den ers­ten Tagen gemäß dem Rei­se­pro­gramm durch­ge­führt wur­den. Anschlie­ßend wur­den die viet­na­me­si­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die zwi­schen 10 000 USD und 15 000 USD gezahlt hat­ten, in ver­schie­de­ne Län­der, meist nach Deutsch­land, gebracht.

Eine ande­re Ban­de mach­te sich den Umstand zunut­ze, dass viet­na­me­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge in Schwe­den auf weni­ge Mona­te befris­te­te Arbeits­vi­sa als Bee­ren­pflü­cker erlan­gen konn­ten. Nach­dem die viet­na­me­si­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen Arbeits­vi­sa erhal­ten und an die Schleu­ser zwi­schen 500 € und 2 000 € gezahlt hat­ten, wur­den sie nach Deutsch­land gebracht.
Eini­ge die­ser Per­so­nen wur­den im deut­schen Hoheits­ge­biet auf­ge­grif­fen, als sie ver­such­ten, sich dort nie­der­zu­las­sen und zu arbei­ten. Herr Vo, der den frag­li­chen Schleu­ser­ban­den ange­hör­te, wur­de von den deut­schen Behör­den fest­ge­nom­men und zu einer Frei­heits­stra­fe von vier Jah­ren und drei Mona­ten ver­ur­teilt.

Im Rah­men des gegen die­se Ver­ur­tei­lung gerich­te­ten Revi­si­ons­ver­fah­rens möch­te nun der Bun­des­ge­richts­hof vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens wis­sen, ob das Uni­ons­recht unter die­sen Umstän­den einer aus der Anwen­dung natio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten resul­tie­ren­den Straf­bar­keit wegen des Ein­schleu­sens von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in das Hoheits­ge­biet der Uni­on ent­ge­gen­steht, wenn die geschleus­ten Per­so­nen über ein durch arg­lis­ti­ge Täu­schung erlang­tes Visum ver­fü­gen, das nicht zuvor annul­liert wor­den ist.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det dabei nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

Der Gerichts­hof, der auf Antrag des Bun­des­ge­richts­hofs im Eil­ver­fah­ren enschie­den hat, da sich Herr Vo in Haft befin­det, weist zunächst dar­auf hin, dass das Uni­ons­recht die Vor­aus­set­zun­gen der Ertei­lung, Annul­lie­rung und Auf­he­bung von Visa regelt, aber kei­ne Vor­schrif­ten über straf­recht­li­che Sank­tio­nen bei Ver­stö­ßen gegen die­se Vor­aus­set­zun­gen ent­hält. Das Antrags­for­mu­lar für ein Visum, wie es durch den Visa­ko­dex (in des­sen Anhang) vor­ge­ge­ben wird, ent­hält aller­dings ein Feld, in dem der Antrag­stel­ler dar­über unter­rich­tet wird, dass fal­sche Erklä­run­gen u. a. zur Annul­lie­rung des Visums füh­ren und eine Straf­ver­fol­gung aus­lö­sen kön­nen.

Über­dies ist nach dem Uni­ons­recht [2] jeder Mit­glied­staat ver­pflich­tet, die erfor­der­li­chen Maß­nah­men zu tref­fen, um sicher­zu­stel­len, dass Ver­stö­ße mit wirk­sa­men, ange­mes­se­nen und abschre­cken­den Stra­fen bedroht sind, und um sei­ne Gerichts­bar­keit in Bezug auf Ver­stö­ße zu begrün­den, die ganz oder teil­wei­se in sei­nem Hoheits­ge­biet began­gen wur­den.

Somit ergibt sich aus dem Uni­ons­recht nicht nur, dass es einen Mit­glied­staat nicht dar­an hin­dert, eine Per­son straf­recht­lich zu ver­fol­gen, die einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen vor­sätz­lich dabei hilft, in das Hoheits­ge­biet die­ses Mit­glied­staats zu gelan­gen, son­dern auch, dass es den betref­fen­den Mit­glied­staat aus­drück­lich zu einer sol­chen straf­recht­li­chen Ver­fol­gung ver­pflich­tet.

Den Mit­glied­staa­ten wer­den somit zwei Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt. Die ers­te besteht dar­in, nicht in einer die Frei­zü­gig­keit von Visa­in­ha­bern beschrän­ken­den Wei­se zu han­deln, sofern die Visa nicht ord­nungs­ge­mäß annul­liert wor­den sind. Die zwei­te besteht dar­in, wirk­sa­me, ange­mes­se­ne und abschre­cken­de Sank­tio­nen in Bezug auf Per­so­nen vor­zu­se­hen und zu ver­hän­gen, die Ver­stö­ße bege­hen; dies gilt ins­be­son­de­re für Schleu­ser. Die­sen Ver­pflich­tun­gen ist in einer Wei­se nach­zu­kom­men, durch die den Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts ihre vol­le prak­ti­sche Wirk­sam­keit ver­schafft wird. Erfor­der­li­chen­falls müs­sen die natio­na­len Gerich­te Lösun­gen prak­ti­scher Kon­kor­danz in Bezug auf Nor­men suchen, deren Anwen­dung die Wirk­sam­keit oder die Kohä­renz der Uni­ons­re­ge­lung in Fra­ge stel­len könn­te.

Da zu einem Straf­ver­fah­ren sei­nem Wesen nach die Not­wen­dig­keit, Ermitt­lun­gen geheim zu hal­ten, und die Dring­lich­keit der Hand­lun­gen gehö­ren kön­nen, kann dem Erfor­der­nis einer vor­he­ri­gen Annul­lie­rung der Visa durch die zustän­di­gen Behör­den nicht immer Genü­ge getan wer­den.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on kommt daher zu dem Ergeb­nis, dass das Uni­ons­recht einer aus der Anwen­dung natio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten resul­tie­ren­den Straf­bar­keit wegen Ein­schleu­sens von Aus­län­dern in Fäl­len, in denen die geschleus­ten Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen über ein Visum ver­fü­gen, das sie durch arg­lis­ti­ge Täu­schung der zustän­di­gen Behör­den des Aus­stel­l­er­mit­glied­staats über den wah­ren Rei­se­zweck erlangt haben und das nicht zuvor annul­liert wor­den ist, nicht ent­ge­gen­steht.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 10. April 2012 – C‑83/​12 PPU [Minh Khoa Vo]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 810/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visa­ko­dex der Gemein­schaft (Visa­ko­dex), ABl. L 243, S. 1[]
  2. Rah­men­be­schluss 2002/​946/​JI des Rates vom 28.11.2002 betref­fend die Ver­stär­kung des straf­recht­li­chen Rah­mens für die Bekämp­fung der Bei­hil­fe zur uner­laub­ten Ein- und Durch­rei­se und zum uner­laub­ten Auf­ent­halt, ABl.EU L 328, S. 1; und Richt­li­nie 2002/​90/​EG des Rates vom 28.11.2002 zur Defi­ni­ti­on der Bei­hil­fe zur uner­laub­ten
    Ein- und Durch­rei­se und zum uner­laub­ten Auf­ent­halt, ABl.EU L 328, S. 17[]