Ein­stel­lung in der Haupt­ver­hand­lung und die Befrie­dungs­ge­bühr

Die Zusatz­ge­bühr nach Nr. 4141 Abs. 1 Nr. 1 RVG VV fällt nicht an, wenn ein Straf­ver­fah­ren in der Haupt­ver­hand­lung nach § 153a StPO vor­läu­fig ein­ge­stellt wird und nach Erbrin­gung der Auf­la­ge die end­gül­ti­ge Ein­stel­lung erfolgt.

Ein­stel­lung in der Haupt­ver­hand­lung und die Befrie­dungs­ge­bühr

Die Gebühr nach Nr. 4141 Abs. 1 Nr. 1 des Ver­gü­tungs­ver­zeich­nis­ses zu § 2 Abs. 2 Satz 1 RVG (VV RVG), die all­ge­mein als Befrie­dungs­ge­bühr bezeich­net wird 1, ent­steht, wenn "das Ver­fah­ren nicht nur vor­läu­fig ein­ge­stellt wird" (Abs. 1 Nr. 1 der Erläu­te­run­gen). Der ange­führ­ten Norm hat der Gesetz­ge­ber fol­gen­den Ein­gang­satz im Gebüh­ren­tat­be­stand vor­an­ge­stellt: "Durch die anwalt­li­che Mit­wir­kung wird die Haupt­ver­hand­lung ent­behr­lich."

Wie der Begriff "die Haupt­ver­hand­lung" im hier vor­lie­gen­den Fall der end­gül­ti­gen Ein­stel­lung eines Ver­fah­rens nach § 153a StPO zu ver­ste­hen ist, ob die Gebühr also auch dann ver­dient ist, wenn das Straf­ver­fah­ren im Rah­men einer Haupt­ver­hand­lung vor­läu­fig ein­ge­stellt wird und die end­gül­ti­ge Ein­stel­lung nach voll­stän­di­ger Erfül­lung der Auf­la­gen geschieht, ist im Gesetz nicht näher gere­gelt.

In der instanz­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung und der Lite­ra­tur wer­den hier­zu drei unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten.

Die Befrie­dungs­ge­bühr fal­le stets an, weil der im Ter­min zur Haupt­ver­hand­lung beschlos­se­nen vor­läu­fi­gen Ein­stel­lung eine neue Haupt­ver­hand­lung nach­fol­gen müss­te, wenn der Ange­klag­te die Auf­la­ge nicht voll­stän­dig erfül­le. Die­se neue Haupt­ver­hand­lung wer­de durch die end­gül­ti­ge Ein­stel­lung ver­mie­den 2.

Die Befrie­dungs­ge­bühr fal­le nie­mals an, weil eine Haupt­ver­hand­lung, in die schon ein­ge­tre­ten sei, nicht mehr – wie es Nr. 4141 VV RVG vor­aus­set­ze – ent­behr­lich gemacht wer­den kön­ne 3.

Die drit­te Ansicht dif­fe­ren­ziert danach, ob eine unter­bro­che­ne Haupt­ver­hand­lung vor­liegt oder nach Aus­set­zung eine neue Haupt­ver­hand­lung anzu­be­rau­men ist. Bestün­de eine ein­heit­li­che Haupt­ver­hand­lung, deren wei­te­rer Fort­gang durch eine Ein­stel­lung abge­kürzt wer­de, genü­ge dies nicht, um die Befrie­dungs­ge­bühr ent­ste­hen zu las­sen. Anders lie­ge es nur, wenn die Ein­stel­lung nach Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung erfol­ge, weil hier die neue Haupt­ver­hand­lung ent­behr­lich wer­de 4.

Die zuletzt genann­te Auf­fas­sung ist zutref­fend.

Die jetzt gel­ten­de Rege­lung der Nr. 4141 VV RVG hat den Grund­ge­dan­ken des § 84 Abs. 2 BRAGO über­nom­men, näm­lich inten­si­ve und zeit­auf­wän­di­ge Tätig­kei­ten des Ver­tei­di­gers, die zu einer Ver­mei­dung der Haupt­ver­hand­lung und damit beim Ver­tei­di­ger zum Ver­lust der Haupt­ver­hand­lungs­ge­bühr führ­ten, gebüh­ren­recht­lich zu hono­rie­ren 5. Die Befrie­dungs­ge­bühr der Nr. 4141 VV RVG soll den Anreiz, Ver­fah­ren ohne Haupt­ver­hand­lung zu erle­di­gen, erhö­hen, und somit zu weni­ger Haupt­ver­hand­lun­gen füh­ren 6. Ziel der Rege­lung ist damit eine Ver­rin­ge­rung der Arbeits­be­las­tung der Gerich­te. Die­ses Ziel soll durch eine adäqua­te Ver­gü­tung des Ver­tei­di­gers bereits im Vor­feld der Haupt­ver­hand­lung erreicht wer­den 7.

Die­ser Norm­zweck spricht ent­schei­dend dafür, dass eine Ein­stel­lung, die inner­halb der Haupt­ver­hand­lung erfolgt, eine Befrie­di­gungs­ge­bühr nicht mehr aus­zu­lö­sen ver­mag. Dabei ist es gleich­gül­tig, ob die Ein­stel­lung am ers­ten Tag der Haupt­ver­hand­lung oder an einem spä­te­ren Ter­mins­tag geschieht, ins­be­son­de­re, ob hier­durch Fort­set­zungs­ter­mi­ne ver­mie­den wer­den. Im Hin­blick auf den Grund­satz der Ein­heit­lich­keit der Haupt­ver­hand­lung kann die Fra­ge der Ent­behr­lich­keit der Haupt­ver­hand­lung nur ein­heit­lich beant­wor­tet wer­den. Wird dage­gen eine anbe­raum­te Haupt­ver­hand­lung durch Aus­set­zung des Ver­fah­rens nicht zu Ende geführt, kann wegen einer spä­ter in Betracht kom­men­den neu­en Haupt­ver­hand­lung der Norm­zweck der Nr. 4141 Abs. 1 Nr. 1 VV RVG wie­der­um zur Ent­fal­tung gelan­gen 8. Wird unter die­sen Umstän­den eine neue Haupt­ver­hand­lung ent­behr­lich, weil das Ver­fah­ren unter Mit­wir­kung des Rechts­an­walts nicht nur vor­läu­fig ein­ge­stellt wird, so ent­steht die Gebühr der Nr. 4141 Abs. 1 Nr. 1 VV RVG 9.

Dass im Fal­le der Nicht­er­fül­lung der Auf­la­ge eine neue Haupt­ver­hand­lung anbe­raumt wer­den müss­te, die durch die end­gül­ti­ge Ein­stel­lung ver­mie­den wer­de, ist kein Gesichts­punkt, der das Ent­ste­hen der Gebühr der Nr. 4141 Abs. 1 Nr. 1 VV RVG zu begrün­den ver­mag. Hier­bei han­delt es sich um eine rei­ne spe­ku­la­ti­ve Erwä­gung. Kommt der Ange­klag­te den ihm erteil­ten Auf­la­gen voll­stän­dig nach, so ent­steht das zuvor beding­te Ver­fah­rens­hin­der­nis (§ 153a Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 3 StPO) end­gül­tig ganz von selbst; dem end­gül­ti­gen Ein­stel­lungs­be­schluss kommt nur eine dekla­ra­to­ri­sche Bedeu­tung zu 10. Die end­gül­ti­ge Ein­stel­lung ist zwin­gend, sie hängt aus­schließ­lich von dem Leis­tungs­wil­len und der Leis­tungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten ab.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. April 2011 – IX ZR 153/​10

  1. Har­tung in Hartung/​Schons/​Enders, RVG, Nr. 4141 Rn. 1; Bur­hoff, RVG Straf- und Buß­geld­sa­chen, 2. Aufl., 4141 VV RVG Rn. 1[]
  2. Han­sens, zfs 2010, 288[]
  3. LG Det­mold, AGS 2009, 588, 589 [zu RVG VV Nr. 5115]; AG Mün­chen, Jur­Bü­ro 2011, 26; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze 41. Aufl., 4141 VV RVG Rn. 3[]
  4. OLG Köln, AGS 2006, 339, 340; OLG Bam­berg, AGS 2007, 138, 139; OLG Hamm, AGS 2008, 228; Bur­hoff in Gerold/​Schmidt/​Burhoff, RVG, 19. Aufl., VV 4141 Rn. 21; Bur­hoff, RVG Straf- und Buß­geld­sa­chen, aaO Rn. 21; Har­tung in Hartung/​Schons/​Enders, aaO Rn. 16 ff; Uher in Bischof u.a., RVG, 3. Aufl., VV 4141 Rn. 115a; Schnei­der in Anw­Komm­RVG, 5. Aufl., VV 4141 Rn. 44 ff[]
  5. BT-Drucks. 15/​1971, S. 227; BGH, Urteil vom 05.11.2009 – IX ZR 237/​08, NJW 2010, 1209 Rn. 10[]
  6. BT-Drucks. 15/​1971, S. 227 f[]
  7. BGH, Urteil vom 05.11.2009 – IX ZR 237/​08, aaO[]
  8. vgl. OLG Bam­berg, AGS 2007, 138, 139[]
  9. Har­tung in Hartung/​Schons/​Enders, aaO Rn. 18[]
  10. KK-Schor­eit, StPO, 6. Aufl., § 153a Rn. 41, 43; Mey­er-Goß­ner, StPO, 53. Aufl., § 153a Rn. 52, 53[]