Ein­stel­lung nach § 153 StPO – und ihre Anfech­tung durch den Ver­letz­ten

Stellt die Staats­an­walt­schaft ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren nach § 153 Abs. 1 StPO oder unter Ver­wei­sung auf den Pri­vat­kla­ge­weg nach § 170 Abs. 2 StPO ein, sind die­se Ent­schei­dun­gen für den mög­li­chen Ver­letz­ten – abge­se­hen von Gegen­vor­stel­lung und Dienst­auf­sichts­be­schwer­de – grund­sätz­lich nicht anfecht­bar.

Ein­stel­lung nach § 153 StPO – und ihre Anfech­tung durch den Ver­letz­ten

Der Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung nach § 23 Abs. 1 Satz 1 EGGVG ist als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen, da er im Hin­blick auf den Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät (§ 23 Abs. 3 EGGVG) nicht statt­haft ist.

Eine Ein­stel­lung des Ver­fah­rens durch die Staats­an­walt­schaft nach § 153 StPO bzw. § 170 Abs. 2 StPO i.V.m. mit einer Ver­wei­sung auf den Pri­vat­kla­ge­weg kann zwar vom mög­li­chen Ver­letz­ten nicht im Wege eines Antrags im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren ange­foch­ten wer­den (§ 172 Abs. 2 Satz 3 StPO). Die­ser Aus­schluss einer Anfech­tungs­mög­lich­keit steht in Über­ein­stim­mung mit § 153 Abs. 2 Satz 4 StPO im Fall eines gericht­li­chen Ein­stel­lungs­be­schlus­ses – außer beim Feh­len einer pro­zes­sua­len Vor­aus­set­zung für den Ange­schul­dig­ten und die Staats­an­walt­schaft 1 –, was auch für einen Neben­klä­ger gilt (§ 400 Abs. 2 Satz 2 StPO). Daher kom­men für den Anzei­ge­er­stat­ter bzw. Ver­letz­ten bei sol­chen Ein­stel­lungs­ver­fü­gun­gen nur die Gegen­vor­stel­lung oder Dienst­auf­sichts­be­schwer­de in Betracht 2. Dies gilt auch dann, wenn der Anzei­ge­er­stat­ter die Ver­nei­nung des öffent­li­chen Inter­es­ses an der Straf­ver­fol­gung durch die Staats­an­walt­schaft (§ 376 StPO) für unrich­tig hält 3. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gebie­tet auch Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG kei­ne Anfech­tungs­mög­lich­keit. Ein Ver­stoß gegen Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG setz­te näm­lich eine im Inter­es­se des Ein­zel­nen gewähr­te Rechts­po­si­ti­on vor­aus; nur zum Schutz der­ar­ti­ger Rechts­po­si­tio­nen ist der Rechts­weg ver­fas­sungs­recht­lich garan­tiert 4. Dabei genügt die Ver­let­zung blo­ßer Inter­es­sen nicht; ent­schei­dend ist, ob die ein­schlä­gi­ge Norm dem Schutz des Betrof­fe­nen zu die­nen bestimmt ist, d.h. ob sie einen der­ar­ti­gen Schutz bezweckt und nicht ledig­lich zur Fol­ge hat. Eine sol­che Rechts­po­si­ti­on des Ver­letz­ten, deren Ver­let­zung er gemäß Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG im Rechts­weg gel­tend machen könn­te, ist nicht gege­ben. § 153 StPO bezweckt nicht den Schutz des durch die Straf­tat Ver­letz­ten 5. Eine Ver­let­zung von Rech­ten des durch die Straf­tat Ver­letz­ten schei­det grund­sätz­lich auch aus, wenn es um die Beur­tei­lung des öffent­li­chen Inter­es­ses an der Straf­ver­fol­gung durch die Staats­an­walt­schaft geht 6. Daher ist es ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, dass der Gesetz­ge­ber ein sol­ches Inter­es­se bei Ver­fah­rens­ein­stel­lun­gen nicht mit einer das Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren eröff­nen­den Wir­kung gewich­tet hat 7. Mit­hin ist es ver­fas­sungs­recht­lich eben­falls nicht zu bean­stan­den, dass eine gericht­li­che Ein­stel­lung des Ver­fah­rens nach § 153 StPO durch den Neben­klä­ger einer Anfech­tung ent­zo­gen ist, zumal das Grund­ge­setz grund­sätz­lich kei­nen Anspruch auf Straf­ver­fol­gung eines Drit­ten durch den Staat kennt 8. Dies kann nur bei erheb­li­chen Straf­ta­ten gegen das Leben, die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung und die Frei­heit der Per­son, bei Straf­ta­ten gegen Opfer, die sich in einem beson­de­ren Obhuts­ver­hält­nis zur öffent­li­chen Hand befin­den sowie bei Delik­ten von Amts­trä­gern in Betracht kom­men 9. Die­se engen Vor­aus­set­zun­gen sind vor­lie­gend ersicht­lich nicht gege­ben.

Schließ­lich lie­gen unter Berück­sich­ti­gung des der Staats­an­walt­schaft eröff­ne­ten beson­ders wei­ten Beur­tei­lungs­spiel­raums 10 auch kei­ne will­kür­li­chen Ent­schei­dun­gen vor (vgl. auch Nr. 229 Abs. 1 Satz 1, Nr. 233 Satz 1, Nr. 234 Abs. 1 Satz 1 RiSt­BV).

Unge­ach­tet des Aus­schlus­ses einer Anfech­tungs­mög­lich­keit in Bezug auf die getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen, ist auch ein Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung nach § 23 Abs. 1 EGGVG nicht zuläs­sig. Sieht das Gesetz näm­lich die Anfech­tung einer Maß­nah­me vor, ist der Antrag nach § 23 Abs. 1 EGGVG auch dann aus­ge­schlos­sen, wenn die­se Rege­lung bewusst nicht alle Fäl­le erfasst 11. Vor­lie­gend steht einem Ver­letz­ten grund­sätz­lich die Mög­lich­keit eines Antrags im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren offen, wel­cher ledig­lich bei bestimm­ten Tat­vor­wür­fen (Pri­vat­kla­ge­de­lik­te) und Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen (u.a. § 153 StPO) aus­ge­schlos­sen ist.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 24. August 2015 – 2 VAs 19 ‑21/​15; 2 VAs 19 – 21/​15; 2 VAs 19/​15; 2 VAs 20/​15; 2 VAs 21/​15

  1. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl., § 153 Rn. 34[]
  2. SK-StPO/Weß­lau, 4. Aufl., § 153 Rn. 64[]
  3. KK-Mol­den­hau­er, StPO, § 172 Rn. 39[]
  4. BVerfGE 83, 182 [194][]
  5. BVerfG NStZ 2002, 211 zur ver­gleich­ba­ren Rechts­la­ge bei § 153a StPO[]
  6. BVerfG 51, 176 [187] zu § 232 Abs.1 Satz 1 StGB a.F. [§ 230 Abs. 1 Satz 1 StGB n.F.][]
  7. BVerfG NStZ, a.a.O., zu § 153a StPO[]
  8. BVerfG NJW 1995, 317; vgl. auch BGHSt 47, 270 6[]
  9. BVerfG EuGRZ 2015, 429 17[]
  10. BVerfG, NStZ, a.a.O. 15[]
  11. OLG Karls­ru­he, Beschlüs­se vom 19.03.2015 – 2 VAs 19/​14; und vom 17.07.2015 – 2 VAs 16/​14; OLG Frank­furt ZIn­sO 2009, 242; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, a.a.O., EGGVG § 23 Rn. 12[]