Einst­wei­li­ge straf­pro­zes­sua­le Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie und der Beschleu­ni­gungs­grund­satz

Die Frei­heit der Per­son nimmt – als Basis der all­ge­mei­nen Rechts­stel­lung und Ent­fal­tungs­mög­lich­keit des Bür­gers [1] – einen hohen Rang unter den Grund­rech­ten ein. Daher darf eine Frei­heits­ent­zie­hung nur auf­grund eines Geset­zes ange­ord­net und auf­recht­erhal­ten wer­den, wenn über­wie­gen­de Belan­ge des Gemein­wohls dies zwin­gend gebie­ten. Zu sol­chen Belan­gen, gegen­über denen der Frei­heits­an­spruch eines Beschul­dig­ten unter Umstän­den zurück­tre­ten muss, gehö­ren die unab­weis­ba­ren Bedürf­nis­se einer wirk­sa­men Straf­rechts­pfle­ge. Ein ver­tret­ba­rer Aus­gleich des Wider­streits die­ser für den Rechts­staat wich­ti­gen Grund­sät­ze lässt sich im Bereich des Rechts der vor­läu­fi­gen Frei­heits­ent­zie­hung nur errei­chen, wenn den Frei­heits­be­schrän­kun­gen, die vom Stand­punkt einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Straf­rechts­pfle­ge aus erfor­der­lich sind, stän­dig der Frei­heits­an­spruch des noch nicht ver­ur­teil­ten Beschul­dig­ten als Kor­rek­tiv ent­ge­gen­ge­hal­ten wird [2]. Dies bedeu­tet, dass zwi­schen bei­den Belan­gen abzu­wä­gen ist.

Einst­wei­li­ge straf­pro­zes­sua­le Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie und der Beschleu­ni­gungs­grund­satz

Die Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts – hier von § 126a StPO – und sei­ne Anwen­dung auf den kon­kre­ten Fall ist zwar Sache der dafür zustän­di­gen Fach­ge­rich­te und der Nach­prü­fung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt grund­sätz­lich ent­zo­gen [3]. Die Fach­ge­rich­te haben dabei aber Bedeu­tung und Trag­wei­te der von ihren Ent­schei­dun­gen berühr­ten Grund­rech­te zu berück­sich­ti­gen, damit deren wert­set­zen­de Bedeu­tung auch auf der Rechts­an­wen­dungs­ebe­ne gewahrt bleibt [4].

Der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit setzt der Dau­er der Frei­heits­ent­zie­hung auch unab­hän­gig von einer zu erwar­ten­den Stra­fe Gren­zen [5]. Der ver­fas­sungs­recht­lich in Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG ver­an­ker­te Beschleu­ni­gungs­grund­satz in Haft­sa­chen ver­langt, dass die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Straf­ge­rich­te alle mög­li­chen und zumut­ba­ren Maß­nah­men ergrei­fen, um die not­wen­di­gen Ermitt­lun­gen mit der gebo­te­nen Schnel­lig­keit abzu­schlie­ßen und eine gericht­li­che Ent­schei­dung über die einem Beschul­dig­ten vor­ge­wor­fe­nen Taten her­bei­zu­füh­ren [6]. An den zügi­gen Fort­gang des Ver­fah­rens sind dabei umso stren­ge­re Anfor­de­run­gen zu stel­len, je län­ger die Unter­su­chungs­haft schon andau­ert [7]. Zur Durch­füh­rung eines geord­ne­ten Straf­ver­fah­rens und einer Sicher­stel­lung der spä­te­ren Straf­voll­stre­ckung kann die Unter­su­chungs­haft nicht mehr als not­wen­dig aner­kannt wer­den, wenn ihre Fort­dau­er durch ver­meid­ba­re Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen ver­ur­sacht ist [8]. Im Rah­men der Abwä­gung zwi­schen dem Frei­heits­an­spruch und dem Straf­ver­fol­gungs­in­ter­es­se kommt es in ers­ter Linie auf die durch objek­ti­ve Kri­te­ri­en bestimm­te Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er an, die etwa von der Kom­ple­xi­tät der Rechts­sa­che, der Viel­zahl der betei­lig­ten Per­so­nen oder dem Ver­hal­ten der Ver­tei­di­gung abhän­gig sein kann [9].

Auch ande­re straf­recht­li­che Ver­fah­ren, die mit einer Frei­heits­ent­zie­hung ver­bun­den sind, sind in einer Wei­se zu betrei­ben, die der Bedeu­tung des Frei­heits­grund­rechts gerecht wird. Dort kommt eine Ver­let­zung des Beschleu­ni­gungs­ge­bots in Betracht, wenn das Frei­heits­recht etwa durch eine sach­wid­ri­ge Ver­zö­ge­rung der Ent­schei­dung unan­ge­mes­sen wei­ter beschränkt wird [10]. Ob die Ver­fah­rens­dau­er noch ange­mes­sen ist, muss nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les beur­teilt wer­den [11].

Die­se Maß­stä­be gel­ten ent­spre­chend für das Siche­rungs­ver­fah­ren, in dem eine einst­wei­li­ge Unter­brin­gung nach § 126a StPO ange­ord­net ist. Mit zuneh­men­der Dau­er der Frei­heits­ent­zie­hung sind stets höhe­re Anfor­de­run­gen an das Vor­lie­gen eines recht­fer­ti­gen­den Grun­des zu stel­len. Bei erheb­li­chen, ver­meid­ba­ren und dem Staat zuzu­rech­nen­den Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen kann allen­falls noch eine von dem Beschul­dig­ten aus­ge­hen­de außer­ge­wöhn­lich hohe Gefahr für die All­ge­mein­heit zur Recht­fer­ti­gung einer ohne­hin schon lang andau­ern­den einst­wei­li­gen Unter­brin­gung die­nen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Dezem­ber 2011 – 2 BvR 2181/​11

  1. BVerfGE 19, 342, 349; 53, 152, 158[]
  2. vgl. BVerfGE 19, 342, 347; 35, 185, 190; 36, 264, 270; 53, 152, 158[]
  3. stRspr; vgl. BVerfGE 18, 85, 92 f.[]
  4. stRspr; vgl. BVerfGE 7, 198, 205 ff.; 101, 361, 388[]
  5. vgl. BVerfGE 20, 45, 49 f.; 20, 144, 148; 53, 152, 158 f.; BVerfGK 6, 384, 390 f.[]
  6. BVerfGE 20, 45, 50; 36, 264, 273[]
  7. BVerfGK 7, 140, 156 f.; 7, 421, 427[]
  8. grund­le­gend BVerfGE 20, 45, 50; vgl. auch BVerfGE 20, 144, 148 f.; 36, 264, 270 ff.; 53, 152, 161 f.[]
  9. BVerfGK 6, 242, 253; 7, 421, 428[]
  10. vgl. zum Ver­fah­ren über die Straf­aus­set­zung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe BVerfG, Beschlüs­se vom 06.06.2001 – 2 BvR 828/​01, NJW 2001, S. 2707, und vom 24.09.2007 – 2 BvR 1844/​07[]
  11. vgl. BVerfGE 55, 349, 368 f.[]