Ein­zie­hungs­ent­schei­dung – und die Hin­weis­pflicht des Gerichts

Nach § 265 Abs. 2 Nr. 1 i.V.m. Abs. 1 StPO 1 ist das Gericht u.a. zu einem Hin­weis ver­pflich­tet, wenn sich vom Straf­ge­setz beson­ders vor­ge­se­he­ne Umstän­de erge­ben, wel­che die Anord­nung einer Maß­nah­me etwa die Anord­nung einer Ein­zie­hung des Wer­tes von Tat­erträ­gen­recht­fer­ti­gen. Den Hin­weis muss der Vor­sit­zen­de förm­lich ertei­len.

Ein­zie­hungs­ent­schei­dung – und die Hin­weis­pflicht des Gerichts

Zum not­wen­di­gen Revi­si­ons­vor­brin­gen gehört bei der Rüge einer Ver­let­zung von § 265 Abs. 2 Nr. 1 StPO die Mit­tei­lung, wel­chen Inhalt die zuge­las­se­ne Ankla­ge inso­weit gehabt hat, und die Anga­be, dass der Ange­klag­te ohne den erfor­der­li­chen Hin­weis anders ver­ur­teilt wor­den ist 2. Aus­füh­run­gen zu etwai­gen infor­mel­len Hin­wei­sen aus dem Gang der Haupt­ver­hand­lung sind dage­gen nicht erfor­der­lich, da es dar­auf nach der Neu­fas­sung des Geset­zes nicht mehr ankommt 3.

Nach die­ser Vor­schrift ist das Gericht u.a. zu einem Hin­weis ver­pflich­tet, wenn sich vom Straf­ge­setz beson­ders vor­ge­se­he­ne Umstän­de erge­ben, wel­che die Anord­nung einer Maß­nah­me recht­fer­ti­gen. Dies erfasst gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 8 StGB auch die Ein­zie­hung gemäß §§ 73 ff. StGB, über deren mög­li­che Anord­nung der Ange­klag­te mit­hin zwin­gend zu beleh­ren ist 4.

Dass – wie vor­lie­gend – die der Ein­zie­hungs­ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Tat­sa­chen zwar schon vor der Haupt­ver­hand­lung bekannt waren, das Gericht deren Bedeu­tung aber erst wäh­rend der Haupt­ver­hand­lung erkannt hat, ist für die Anwend­bar­keit von § 265 Abs. 2 Nr. 1 StPO ohne Belang 5.

Den danach erfor­der­li­chen Hin­weis auf eine mög­li­che Ein­zie­hungs­ent­schei­dung hät­te der Vor­sit­zen­de förm­lich ertei­len müs­sen, da § 265 Abs. 2 StPO nun­mehr aus­drück­lich auf die in § 265 Abs. 1 StPO nor­mier­te beson­de­re Hin­weis­pflicht ver­weist (vgl. zu § 265 Abs. 2 Nr. 3 StPO BGH, Beschluss vom 14.06.2018 – 3 StR 206/​18, StV 2018, 796 Rn. 15). Der Hin­weis wird nicht durch den ent­spre­chen­den Antrag der Sit­zungs­ver­tre­te­rin der Staats­an­walt­schaft im Schluss­vor­trag ersetzt 6. Bei der Erwei­te­rung der Hin­weis­pflich­ten durch die Neu­fas­sung des § 265 Abs. 2 Nr. 1 StPO hat sich der Gesetz­ge­ber von dem Gedan­ken lei­ten las­sen, dass die Anord­nung ande­rer Maß­nah­men als einer Maß­re­gel der Bes­se­rung und Siche­rung oder die Ver­hän­gung einer Neben­stra­fe oder Neben­fol­ge in ihren Kon­se­quen­zen für den Ange­klag­ten und sein Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten erheb­lich sein kön­ne, so dass auch inso­fern eine Hin­weis­pflicht gebo­ten erschei­ne 7. Dies die­ne vor dem Hin­ter­grund des Rechts des Ange­klag­ten auf recht­li­ches Gehör nach Art. 103 Abs. 1 GG und des rechts­staat­li­chen Grund­sat­zes des fai­ren Ver­fah­rens der Siche­rung einer sach­ge­mä­ßen Ver­tei­di­gung des Ange­klag­ten 8.

Durch die genann­te Geset­zes­än­de­rung ist die zur alten Rechts­la­ge ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, im Fal­le einer ana­lo­gen Her­an­zie­hung von § 265 StPO genü­ge für die Ertei­lung des Hin­wei­ses eine kon­klu­den­te Infor­ma­ti­on aus dem Gang der Haupt­ver­hand­lung her­aus 9, über­holt 10. Dass der betref­fen­de Gesichts­punkt in der Haupt­ver­hand­lung von einem ande­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten als dem Gericht zur Spra­che gebracht wird, reicht danach nicht aus.

Die Anord­nung der ver­mö­gens­recht­li­chen Neben­fol­gen muss auf dem dar­ge­stell­ten Ver­fah­rens­feh­ler beru­hen (§ 337 Abs. 1 StPO). Die Mög­lich­keit einer ande­ren Ver­tei­di­gung braucht nicht nahe zu lie­gen; es genügt, dass sie nicht mit Sicher­heit aus­zu­schlie­ßen ist 11.

Dies war vor­lie­gend der Fall: Die Anord­nung der Ein­zie­hung des Wer­tes von Tat­erträ­gen hat wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen als die Bege­hung einer rechts­wid­ri­gen Tat, so dass nicht bereits alle wesent­li­chen recht­li­chen Aspek­te des Urteils­spruchs in der Ankla­ge ent­hal­ten waren 12. Auch ist nicht ersicht­lich, dass der Ange­klag­te S. und sein Ver­tei­di­ger unab­hän­gig von dem feh­len­den Hin­weis erschöp­fend zu einer mög­li­chen Ein­zie­hungs­ent­schei­dung Stel­lung genom­men hät­ten 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Dezem­ber 2018 – 1 StR 186/​18

  1. in der Fas­sung des Geset­zes zur effek­ti­ve­ren und pra­xis­taug­li­che­ren Aus­ge­stal­tung des Straf­ver­fah­rens vom 17.08.2017, BGBl. I S. 3202, 3210, in Kraft getre­ten zum 24.08.2017[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 23.04.2002 – 3 StR 505/​01, StV 2002, 588, 589[]
  3. BeckOK/​Eschelbach, StPO, 31. Ed., § 265 Rn. 78[]
  4. vgl. OLG Koblenz, Beschluss vom 27.06.2018 – 2 OLG 6 Ss 28/​18, NJW 2018, 2505 Rn. 7 m. zust. Anm. Habe­tha eben­da S. 2506; OLG Ham­burg, Beschluss vom 05.04.2018 – 1 Rev 7/​18 Rn. 18; MeyerGoßner/​Schmitt, StPO, 61. Aufl., § 265 Rn.20a; SSW/​Rosenau, StPO, 3. Aufl., § 265 Rn. 26[]
  5. vgl. noch zur alten Rechts­la­ge BGH, Urteil vom 12.03.1963 – 1 StR 54/​63, BGHSt 18, 288, 289[]
  6. OLG Koblenz aaO Rn. 8; Habe­tha aaO[]
  7. BT-Drs. 18/​11277, S. 37[]
  8. BT-Drs. 18/​11277, S. 37; vgl. auch BGH, Beschlüs­se vom 14.06.2018 – 3 StR 206/​18 aaO Rn. 14; vom 12.01.2011 – 1 StR 582/​10, BGHSt 56, 121 Rn. 8; und vom 08.05.1980 – 4 StR 172/​80, BGHSt 29, 274, 278[]
  9. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 20.11.2014 – 4 StR 234/​14, NStZ 2015, 233, 234; und vom 15.09.1999 – 2 StR 530/​98, NStZ 2000, 48[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 14.06.2018 – 3 StR 206/​18 aaO Rn. 15; Habe­tha aaO; SSW/​Rosenau, StPO, 3. Aufl., § 265 Rn. 23; BeckOK/​Eschelbach, StPO, 31. Ed., § 265 Rn. 51[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 16.02.1989 – 1 StR 24/​89, BGHR StPO § 265 Abs. 1 Hin­weis­pflicht 5[]
  12. vgl. MK/​Norouzi, StPO, 1. Aufl., § 265 Rn. 75 mwN[]
  13. vgl. MK/​Norouzi aaO; LR/​Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 265 Rn. 120 jeweils mwN[]