Ent­bin­dung eines Schöf­fen

Die Ent­bin­dung eines Schöf­fen auf der Grund­la­ge eines unzu­rei­chend ermit­tel- ten Sach­ver­halts deu­tet auf eine grund­sätz­li­che Ver­ken­nung des grund­rechts­glei­chen Rechts des Ange­klag­ten auf den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) hin und erweist sich des­halb als unver­tret­bar.

Ent­bin­dung eines Schöf­fen

Die auf der Grund­la­ge des § 77 Abs. 1 GVG in Ver­bin­dung mit § 54 Abs. 1 GVG erfolg­te Ent­schei­dung über die Ent­bin­dung des Schöf­fen ist ange­sichts der aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Rege­lung des § 54 Abs. 3 Satz 1 GVG, § 336 Satz 2 Alt. 1 StPO vom Revi­si­ons­ge­richt nicht auf ihre Rich­tig­keit, son­dern nur dar­auf hin zu über­prü­fen, ob sie sich unter Berück­sich­ti­gung des Grund­ge­dan­kens des § 54 GVG als unver­tret­bar und damit als objek­tiv will­kür­lich erweist 1.

Will­kür in die­sem Sin­ne liegt frei­lich nicht erst bei einer bewuss­ten Fehl­ent­schei­dung, son­dern bereits dann vor, wenn die mit der Ent­bin­dung des Schöf­fen ver­bun­de­ne Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters grob feh­ler­haft ist 2 und sich so weit vom Grund­satz des gesetz­li­chen Rich­ters ent­fernt, dass sie nicht mehr gerecht­fer­tigt wer­den kann 3.

Ob ein Schöf­fe auf sei­nen Antrag hin von der Dienst­leis­tung ent­bun­den wer­den kann, weil die Dienst­leis­tung unzu­mut­bar ist (vgl. § 54 Abs. 1 Satz 2 GVG), kann nur unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls ent­schie­den wer­den.

Zur Wah­rung des Rechts des Ange­klag­ten auf den gesetz­li­chen Rich­ter ist jedoch ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen. Bedeu­tung und Gewicht des Schöf­fen­amts ver­lan­gen, dass der Schöf­fe beruf­li­che und pri­va­te Inter­es­sen zurück­stellt, wenn und soweit ihm dies mög­lich und zumut­bar ist 4.

Inso­weit bestehen nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs "bedeut­sa­me Unter­schie­de zwi­schen beruf­li­chen Abhal­tungs­grün­den und einem beab­sich­tig­ten Urlaub" des Schöf­fen 5.

Beruf­li­che Hin­de­rungs­grün­de sind in aller Regel nicht geeig­net, eine Ver­hin­de­rung des Schöf­fen von der Dienst­leis­tung zu begrün­den, weil die­ser sich in der Wahr­neh­mung sei­ner beruf­li­chen Auf­ga­ben häu­fig wird ver­tre­ten las­sen kön­nen und es sich in der Regel um eher "ver­hält­nis­mä­ßig kurz­fris­ti­ge" Ver­hin­de­run­gen han­delt, denen durch die Mög­lich­keit einer Unter­bre­chung der Haupt­ver­hand­lung (§ 229 StPO) ange­mes­sen Rech­nung getra­gen wer­den kann 6.

Bei­de Mög­lich­kei­ten bestehen im Fal­le der Ver­hin­de­rung infol­ge Urlaubs nicht oder jeden­falls nur sel­ten 6. Aus die­sen Grün­den recht­fer­ti­gen beruf­li­che Grün­de nur aus­nahms­wei­se die Annah­me, dass dem Schöf­fen die Dienst­leis­tung nicht zumut­bar ist, wäh­rend ein Urlaub in der Regel die Unzu­mut­bar­keit der Schöf­fen­dienst­leis­tung begrün­det.

Über die Aner­ken­nung der Unzu­mut­bar­keit der Schöf­fen­dienst­leis­tung aus beruf­li­chen Grün­den oder wegen Urlaubs hat der zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Rich­ter unter Abwä­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re unter Berück­sich­ti­gung der Belan­ge des Schöf­fen, des Ver­fah­rens­stands und der vor­aus­sicht­li­chen Dau­er des Ver­fah­rens nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen zu ent­schei­den 7.

Zu Erkun­di­gun­gen hin­sicht­lich des ange­ge­be­nen Hin­de­rungs­grun­des ist der Vor­sit­zen­de nicht ver­pflich­tet, wenn er die Anga­ben des Schöf­fen für glaub­haft hält 8.

Die vom Vor­sit­zen­den zu tref­fen­de Ermes­sens­ent­schei­dung ist akten­kun­dig zu machen (§ 54 Abs. 3 Satz 2 GVG). Dabei sind – zumin­dest in gedräng­ter Form – die­je­ni­gen Umstän­de zu doku­men­tie­ren, wel­che die Annah­me der Unzu­mut­bar­keit der Schöf­fen­dienst­leis­tung tra­gen. Nur durch eine aus­rei­chen­de Doku­men­ta­ti­on der tra­gen­den Erwä­gun­gen zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung über die Ent­bin­dung ist dem Rechts­mit­tel­ge­richt in Fäl­len, in denen die Unzu­mut­bar­keit der Schöf­fen­dienst­leis­tung nicht auf der Hand liegt, eine Über­prü­fung der Ermes­sen­ent­schei­dung am Maß­stab der Will­kür mög­lich.

Gemes­sen hier­an ist die Ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den, deren Erwä­gun­gen nicht akten­kun­dig gemacht wor­den sind, nicht nach­voll­zieh­bar. Es erscheint bereits zwei­fel­haft, ob die Ent­schei­dung auf einer zurei­chen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge erfolgt ist. Dies deu­tet auf eine Ver­ken­nung des grund­rechts­glei­chen Rechts des Ange­klag­ten auf den gesetz­li­chen Rich­ter hin.

Im vor­lie­gen­den Fall bedeu­te­te dies:

Auf der Grund­la­ge der Mit­tei­lung des Schöf­fen S. , dass er sich ab dem 25.03.2015 in Urlaub in den Nie­der­lan­den in sei­nem eige­nen Feri­en­haus befin­de, wel­ches für die kom­men­de Urlaubs­sai­son "her­ge­rich­tet" wer­den müs­se, sah der Vor­sit­zen­de die Dienst­leis­tung als für den Schöf­fen unzu­mut­bar an. Dabei blieb – aus­weis­lich des inso­weit maß­geb­li­chen Akten­in­halts zum Zeit­punkt der Antrag­stel­lung des Schöf­fen bzw. zum Zeit­punkt der Zurück­wei­sung des Beset­zungs­ein­wands, der einer spä­te­ren Ergän­zung nach erho­be­ner Beset­zungs­rü­ge durch eine dienst­li­che Erklä­rung des Vor­sit­zen­den nicht mehr zugäng­lich ist 9 – bereits die Dau­er der Orts­ab­we­sen­heit des Schöf­fen unklar.

Der auf Nach­fra­ge der Mit­ar­bei­te­rin der Schöf­fen­ge­schäfts­stel­le erfol­gen­de fern­münd­li­che Hin­weis des Schöf­fen, er wer­de sein Feri­en­haus in den Nie­der­lan­den für die kom­men­de Sai­son instand set­zen, hät­te den Vor­sit­zen­den zu einer nähe­ren Prü­fung der Fra­ge drän­gen müs­sen, ob dem Schöf­fen eine kurz­fris­ti­ge Unter­bre­chung des Urlaubs, eine Ver­schie­bung der Rei­se oder eine Dele­ga­ti­on der Instand­set­zungs­ar­bei­ten an sei­nem Feri­en­haus an eine ande­re Per­son zuzu­mu­ten war.

Vor dem Hin­ter­grund des unzu­rei­chend auf­ge­klär­ten Lebens­sach­ver­halts erschließt sich – in Erman­ge­lung einer inso­weit gänz­lich feh­len­den Doku­men­ta­ti­on der Ermes­sens­er­wä­gun­gen des Vor­sit­zen­den – nicht, ob die­ser über­haupt, wie von Geset­zes wegen gebo­ten, geprüft hat, ob dem Schöf­fen eine Ver­schie­bung der ersicht­lich "nicht nur Erho­lungs­zwe­cken" die­nen­den Urlaubs­rei­se bis zum Ende der für den 26.03.2015 vor­ge­se­he­nen Haupt­ver­hand­lung oder eine Unter­bre­chung sei­nes Urlaubs zuzu­mu­ten war, oder der kur­zen Abwe­sen­heit des Schöf­fen ab dem fünf­ten von ins­ge­samt sechs Haupt­ver­hand­lungs­ta­gen auf ande­re Wei­se, etwa durch eine Unter­bre­chung der Haupt­ver­hand­lung (§ 229 StPO) hät­te Rech­nung getra­gen wer­den kön­nen. Dass und aus wel­chen Grün­den eine sol­che Ver­schie­bung der Haupt­ver­hand­lungs­ter­mi­ne von vorn­her­ein aus­schei­den soll­te, ver­steht sich vor­lie­gend auch unter Berück­sich­ti­gung des wei­ten Ter­mi­nie­rungs­er­mes­sens des Vor­sit­zen­den nicht von selbst. Aus­weis­lich der Ladungs­ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den waren Zeu­gen bis zum 16.03.2015 gela­den. Eine Ver­le­gung der Fort­set­zungs­ter­mi­ne, die hier – wie nicht sel­ten in kom­ple­xen, in ihrer Ent­wick­lung nur schwer pro­gnos­ti­zier­ba­ren Haupt­ver­hand­lun­gen – als "Reser­ve" erfolgt sein konn­ten, erscheint nach Akten­la­ge jeden­falls nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen.

Die Ent­bin­dung des Schöf­fen vom der Dienst­leis­tung auf die­ser ersicht­lich unzu­rei­chen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge erscheint nicht mehr ver­ständ­lich und deu­tet – auch ein­ge­denk der Belas­tun­gen des Vor­sit­zen­den bei der Vor­be­rei­tung umfang­rei­cher Haupt­ver­hand­lun­gen mit zahl­rei­chen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten 10 – auf eine grund­sätz­lich unrich­ti­ge Anschau­ung vom Schutz­be­reich des Grund­rechts des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG hin.

Die Sache bedarf daher neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Dezem­ber 2016 – 2 StR 342/​15

  1. BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 5 StR 276/​15, NStZ 2015, 714; Urteil vom 22.11.2013 – 3 StR 162/​13, BGHSt 59, 75; BGH, Urteil vom 03.03.1982 – 2 StR 32/​82, BGHSt 31, 3, 5[]
  2. BGH, aaO, BGHSt 31, 3, 5[]
  3. BVerfGE 23, 288, 320; BGH, Urteil vom 27.10.1972 – 2 StR 105/​70, BGHSt 25, 66, 71; KK-StPO/Ge­ri­cke, 7. Aufl., § 338 Rn.19[]
  4. BGH, Urteil vom 08.12 1976 – 3 StR 363/​76, NJW 1977, 443[]
  5. BGH, aaO, Rn. 5[]
  6. BGH, aaO[][]
  7. BGH, Urteil vom 04.02.2015 – 2 StR 76/​14, NStZ 2015, 350; BGH, Beschluss vom 21.06.1978 – 3 StR 81/​78, BGHSt 28, 61, 66[]
  8. BGH, Urteil vom 22.06.1982 – 1 StR 249/​81, NStZ 1982, 476[]
  9. vgl. für die inso­weit ver­gleich­ba­re Rechts­la­ge bei Ergän­zung des Prä­si­di­ums­be­schlus­ses BGH, Urteil vom 09.04.2009 – 3 StR 376/​08, BGHSt 53, 268, 276 f.[]
  10. vgl. Arnol­di, NStZ 2015, 714[]