Ent­zie­hung Min­der­jäh­ri­ger – und die Dau­er der Ent­zie­hung,

Ein Ent­zie­hen im Sin­ne des § 235 Abs. 1 StGB liegt vor, wenn der Täter den wesent­li­chen Inhalt des Rechts auf Per­so­nen­sor­ge, näm­lich Pfle­ge, Erzie­hung und Auf­ent­halts­be­stim­mung (§ 1631 BGB) durch räum­li­che Tren­nung von gewis­ser Dau­er beein­träch­tigt 1.

Ent­zie­hung Min­der­jäh­ri­ger – und die Dau­er der Ent­zie­hung,

Den Eltern "ent­zo­gen" ist ein Min­der­jäh­ri­ger dabei schon dann, wenn das Recht zur Erzie­hung, Beauf­sich­ti­gung und Auf­ent­halts­be­stim­mung durch räum­li­che Tren­nung für eine gewis­se, nicht ganz vor­über­ge­hen­de Dau­er so beein­träch­tigt wird, dass es nicht aus­ge­übt wer­den kann 2.

Zur Erfül­lung des Tat­be­stands reicht jede Hand­lung aus, durch wel­che die Sor­ge­be­rech­tig­ten fak­tisch gehin­dert wer­den, ihr Obhuts­recht zu ver­wirk­li­chen 3. Ein Ent­zie­hen kann selbst dann gege­ben sein, wenn der Sor­ge­be­rech­tig­te sein Obhuts­recht im Tat­zeit­punkt tat­säch­lich nicht aus­übt. Auch muss die Tat nicht im Herr­schafts­be­reich des Berech­tig­ten sei­nen Aus­gang neh­men; sie kann viel­mehr auch an einem Kind began­gen wer­den, das unbe­auf­sich­tigt auf der Stra­ße spielt 4.

Wann die Dau­er einer Ent­zie­hung so erheb­lich ist, dass sie dem Tat­be­stand unter­fällt, ist unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls und des Zwecks der Straf­vor­schrift zu ent­schei­den, also Tat­fra­ge 5. Maß­geb­lich sind dafür auch das Alter des Kin­des, sei­ne Schutz- und Zuwen­dungs­be­dürf­tig­keit sowie Auf­sichts­er­for­der­nis­se und die Inten­si­tät des Ein­griffs 6. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann daher bei einem vier­jäh­ri­gen Kind auch bereits eine Dau­er von zehn Minu­ten für ein Ent­zie­hen genü­gen 7. Für die Beur­tei­lung im Ein­zel­fall, ob das Sor­ge­recht durch die Tren­nung erheb­lich beein­träch­tigt wor­den ist, ist auch von Bedeu­tung, ob der Min­der­jäh­ri­ge durch die Tat Nach­tei­le erlit­ten hat, ins­be­son­de­re, ob er in kör­per­li­cher oder geis­ti­ger Hin­sicht gefähr­det wor­den ist 8. Lässt sich fest­stel­len, dass es schon in kur­zen Zeit­räu­men zu kon­kre­ten Gefah­ren für das kör­per­li­che oder geis­ti­ge Wohl des Kin­des gekom­men ist, kön­nen auch klei­ne­re Zeit­ein­hei­ten genü­gen 9.

Zwar kommt es für das Vor­lie­gen eines Ent­zie­hens nicht auf die Fra­ge an, ob die Sor­ge­be­rech­tig­ten zur Tat­zeit wis­sen, wo sich ihre Kin­der auf­hal­ten und ob sie durch die Tat fak­tisch gehin­dert wer­den, ihre elter­li­che Sor­ge aus- zuüben 10. Aller­dings wur­den im hier ent­schie­de­nen Fall die bei­den Kin­der an einen Ort gebracht, der den Erzie­hungs­be­rech­tig­ten unbe­kannt war, so dass sie ihre Kin­der über­haupt nicht errei­chen konn­ten 11.

Eine ledig­lich drei­ßig­mi­nü­ti­ge räum­li­che Tren­nung von den Sor­ge­be­rech­tig­ten allein kann die Wür­di­gung als Ent­zie­hen im Sin­ne des § 235 Abs. 1 StGB nicht recht­fer­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Febru­ar 2017 – 1 StR 362/​16

  1. vgl. Fischer, StGB, 64. Aufl., § 235 Rn. 6 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.06.1951 – 1 StR 202/​51, BGHSt 1, 199, 200; vom 13.09.1957 – 1 StR 269/​57, BGHSt 10, 376, 378; und vom 21.04.1961 – 4 StR 20/​61, BGHSt 16, 58, 61[]
  3. vgl. Krehl in LK-StGB, 12. Aufl., § 235 Rn. 43 mit Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung des Reichs­ge­richts[]
  4. vgl. BGH aaO, BGHSt 16, 58, 61 f.; Urteil vom 23.04.1963 – 1 StR 90/​63, NJW 1963, 1412, 1413; Krehl aaO Rn. 47; Eser/​Eisele in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 235 Rn. 6[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 07.03.1996 – 4 StR 35/​96, BGHR § 235 Abs. 1 Ent­zie­hung 1; BGH aaO, BGHSt 16, 58, 61 und BGHSt 10, 376, 378[]
  6. vgl. Schlu­cke­bier in SSW-StGB, 3. Aufl., § 235 Rn. 6 mwN[]
  7. BGH aaO, BGHSt 16, 58[]
  8. vgl. Krehl aaO, Rn. 54; Wieck-Noodt in Münch­Komm-StGB, 2. Aufl., § 235 Rn. 44[]
  9. vgl. Krehl aaO, Rn. 56[]
  10. vgl. Krehl aaO Rn. 43[]
  11. vgl. dazu BGH aaO, BGHSt 1, 199, 200 und BGHSt 10, 376, 378 f.[]