Ent­zie­hungs­an­stalt – und der Ein­satz von Dro­gen als Life-Style-Pro­dukt

Die Annah­me, dass Dro­gen trotz ihres hohen Kon­sums ledig­lich als Life-Style-Pro­dukt ein­ge­setzt wür­den, lässt besor­gen, dass das Gericht rechts­feh­ler­haft von einem zu engen Ver­ständ­nis eines Han­ges im Sin­ne des § 64 StGB aus­ge­gan­gen ist.

Ent­zie­hungs­an­stalt – und der Ein­satz von Dro­gen als Life-Style-Pro­dukt

Für einen Hang ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine ein­ge­wur­zel­te, auf psy­chi­sche Dis­po­si­ti­on zurück­ge­hen­de oder durch Übung erwor­be­ne Nei­gung aus­rei­chend, immer wie­der Rausch­mit­tel zu kon­su­mie­ren, wobei die­se Nei­gung noch nicht den Grad einer phy­si­schen Abhän­gig­keit erreicht haben muss. Ein über­mä­ßi­ger Genuss von Rausch­mit­teln im Sin­ne des § 64 StGB ist jeden­falls dann gege­ben, wenn der Betref­fen­de auf Grund sei­ner psy­chi­schen Abhän­gig­keit sozi­al gefähr­det oder gefähr­lich erscheint 1. Inso­weit kann dem Umstand, dass durch den Rausch­mit­tel­kon­sum bereits die Gesund­heit, Arbeits- und Leis­tungs­fä­hig­keit des Betref­fen­den erheb­lich beein­träch­tigt ist, zwar indi­zi­el­le Bedeu­tung für das Vor­lie­gen eines Han­ges zukom­men 2. Wenn­gleich sol­che Beein­träch­ti­gun­gen in der Regel mit über­mä­ßi­gem Rausch­mit­tel­kon­sum ein­her­ge­hen wer­den, schließt deren Feh­len jedoch nicht not­wen­di­ger­wei­se die Annah­me eines Han­ges aus 3.

Die­sen Maß­stä­ben genü­gen die Aus­füh­run­gen des Land­ge­richts nicht. In Anbe­tracht des hin­sicht­lich des Ange­klag­ten fest­ge­stell­ten Kon­sum­ver­hal­tens von Koka­in, das zumin­dest für einen Zeit­raum von drei Mona­ten auch objek­tiv belegt ist, hät­te es im Rah­men der die Maß­re­gel betref­fen­den Aus­füh­run­gen einer nähe­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Umstän­den bedurft. Das Feh­len einer phy­si­schen Abhän­gig­keit steht der Annah­me eines Han­ges jeden­falls nicht ent­ge­gen.

Vor­lie­gend ist auch nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung einer Unter­brin­gung gemäß § 64 StGB gege­ben sind.

Die im Hin­blick auf die Nicht­an­ord­nung der Maß­re­gel getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen waren mit auf­zu­he­ben (§ 353 Abs. 2 StPO), weil sie infol­ge des rechts­feh­ler­haf­ten Ver­ständ­nis­ses zum Hang­be­griff ihrer­seits nicht trag­fä­hig sind.

Das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot steht einer Nach­ho­lung der Unter­brin­gungs­an­ord­nung nicht ent­ge­gen (§ 358 Abs. 2 Satz 3 StPO; BGH, Beschlüs­se vom 26.01.2017 – 1 StR 646/​16, NStZ-RR 2017, 239; und vom 25.11.2015 – 1 StR 379/​15, NStZ-RR 2016, 113; Urteil vom 10.04.1990 – 1 StR 9/​90, BGHSt 37, 5 [9]).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Sep­tem­ber 2017 – 1 StR 350/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 14.10.2015 – 1 StR 415/​15; Urtei­le vom 10.11.2004 – 2 StR 329/​04, NStZ 2005, 210; und vom 15.05.2014 – 3 StR 386/​13
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 01.04.2008 – 4 StR 56/​08, NStZ-RR 2008, 198; und vom 14.12 2005 – 1 StR 420/​05, NStZ-RR 2006, 103
  3. BGH, Beschlüs­se vom 01.04.2008 – 4 StR 56/​08, NStZ-RR 2008, 198; vom 02.04.2015 – 3 StR 103/​15; vom 12.01.2017 – 1 StR 604/​16, NStZ-RR 2017, 198; und vom 26.01.2017 – 1 StR 646/​16, NStZ-RR 2017, 239