Ent­zie­hungs­an­stalt, nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung – und das Abse­hen vom Vor­weg­voll­zug

Wird nach­träg­lich eine so hohe Gesamt­frei­heits­stra­fe gebil­det, dass eine nach § 67 Abs. 2 Satz 2 und 3 StGB bemes­se­ne, am Halb­stra­fen­zeit­punkt ori­en­tier­te Anord­nung des Vor­weg­voll­zugs zu einer Her­aus­nah­me des Ange­klag­ten aus dem Maß­re­gel­voll­zug füh­ren wür­de, kann von der Ent­schei­dung über einen Vor­weg­voll­zug abge­se­hen wer­den.

Ent­zie­hungs­an­stalt, nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung – und das Abse­hen vom Vor­weg­voll­zug

In einem sol­chen Fall ist zu prü­fen, ob ent­ge­gen der Regel des § 67 Abs. 2 Satz 2 und 3 StGB auf eine Anord­nung des Vor­weg­voll­zugs ver­zich­tet wer­den kann.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­ten Fall hat­te die Straf­kam­mer zutref­fend die im frü­he­ren Urteil des Land­ge­richts Würz­burg ange­ord­ne­te Maß­re­gel auf­recht­erhal­ten. Denn die jetzt abge­ur­teil­te Tat wur­de vor der frü­he­ren, die Maß­re­gel anord­nen­den Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten began­gen, wes­we­gen die Grund­sät­ze der nach­träg­li­chen Gesamt­stra­fen­bil­dung Vor­rang vor der Rege­lung des § 67f StGB haben1.

Die Straf­kam­mer ist jedoch rechts­feh­ler­haft davon aus­ge­gan­gen, dass ein auf die neue Gesamt­stra­fe zuge­schnit­te­ner Vor­weg­voll­zug vor der Maß­re­gel­voll­stre­ckung erfol­gen „muss”. Sie hat dabei außer Acht gelas­sen, dass die Vor­schrift des § 67 Abs. 2 Satz 2 StGB als Soll-Vor­schrift aus­ge­stal­tet ist, um dem Gericht im Ein­zel­fall, nament­lich bei aktu­ell drin­gen­der The­ra­pie­be­dürf­tig­keit des Betref­fen­den, die Mög­lich­keit zu eröff­nen, es beim Vor­weg­voll­zug der Maß­re­gel zu belas­sen2. Ob Anlass besteht, aus­nahms­wei­se von der Anord­nung abzu­se­hen, ist von der Straf­kam­mer danach nicht geprüft wor­den.

Dazu hät­te aber vor­lie­gend Anlass bestan­den. Aus­weis­lich der Urteils­fest­stel­lun­gen ist gegen den Ange­klag­ten zum Zeit­punkt des Urteils bereits die Maß­re­gel voll­streckt wor­den. Durch die nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung ist eine Gesamt­stra­fe in einer Höhe gebil­det wor­den, dass eine – wie vor­lie­gend gesche­hen – nach § 67 Abs. 2 Satz 2 und 3 StGB bemes­se­ne, am Halb­stra­fen­zeit­punkt ori­en­tier­te Anord­nung des Vor­weg­voll­zugs zu einer Her­aus­nah­me des Ange­klag­ten aus dem Maß­re­gel­voll­zug füh­ren wür­de. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann aber von der Ent­schei­dung über einen Vor­weg­voll­zug abge­se­hen wer­den (hier­zu nei­gend schon BGH, Beschluss vom 25.11.2010 – 3 StR 406/​10, NStZ-RR 2011, 105; vgl. auch Beschluss vom 27.09.2016 – 5 StR 417/​16, StV 2017, 575: kei­nen Vor­weg­voll­zug wegen voll­stre­ckungs­recht­li­cher Beson­der­hei­ten). Denn eine bereits begon­ne­ne Behand­lung in der Ent­zie­hungs­an­stalt kann aktu­ell drin­gen­de The­ra­pie­be­dürf­tig­keit begrün­den, um die bereits ange­lau­fe­nen the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men durch eine Rück­ver­le­gung in die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt nicht wie­der zunich­te zu machen3. Da die gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Voll­stre­ckungs­rei­hen­fol­ge aber auch der Siche­rung des The­ra­pie­er­folgs die­nen4 muss die­se voll­stre­ckungs­recht­li­che Fol­ge bei der Ent­schei­dung über die Anord­nung des Vor­weg­voll­zugs bedacht wer­den, wor­an es vor­lie­gend fehlt.

Anhalts­punk­te dafür, dass das Land­ge­richt vor­lie­gend auch unter Ein­be­zie­hung der dro­hen­den Her­aus­nah­me aus dem bereits begon­ne­nen Maß­re­gel­voll­zug auf eine Ent­schei­dung über einen Vor­weg­voll­zug nicht ver­zich­tet hät­te, sind dem Urteil nicht zu ent­neh­men, wes­we­gen ein Beru­hen des Urteils auf dem Rechts­feh­ler nicht aus­zu­schlie­ßen ist.

Der Bun­des­ge­richts­hof kann schon des­we­gen nicht selbst über die Anord­nung eines Vor­weg­voll­zugs ent­schei­den, da dem Tat­ge­richt vor­be­hal­te­ne Wer­tun­gen und Beur­tei­lun­gen zu tref­fen sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Novem­ber 2017 – 1 StR 456/​17

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 27.09.2016 – 5 StR 417/​16, StV 2017, 575 mwN; und vom 25.11.2010 – 3 StR 406/​10, NStZ-RR 2011, 105; Urteil vom 11.09.1997 – 4 StR 287/​97, BGHR StGB § 64 Anord­nung 4
  2. vgl. BT-Drs. 16/​1110, S. 14; vgl. auch BGH, Beschluss vom 09.08.2007 – 4 StR 283/​07, NStZ-RR 2007, 371
  3. vgl. hier­zu BT-Drs. 16/​1110, S. 14
  4. BGH, Beschlüs­se vom 24.06.2014 – 1 StR 162/​14, NStZ-RR 2014, 368; und vom 21.08.2007 – 3 StR 263/​07