Erpres­se­ri­scher Men­schen­raub – und das Sich-Bemäch­ti­gen

Ein Sich­Be­mäch­ti­gen (in Raub­ab­sicht) im Sin­ne des § 239a Abs. 1 Halb­satz 1 StGB st anzu­neh­men, wenn der Täter die phy­si­sche Herr­schaft über das Opfer erlangt; dazu muss er weder das Opfer an einen ande­ren Ort ver­brin­gen noch den Tat­be­stand der Frei­heits­be­rau­bung erfül­len.

Erpres­se­ri­scher Men­schen­raub – und das Sich-Bemäch­ti­gen

Indes ist bei einem – auch bei Mit­tä­tern zugrun­de zu legen­dem – "Zwei­Per­so­nen­Ver­hält­nis" (Täter­Op­fer) wei­te­re Vor­aus­set­zung, um den erpres­se­ri­schen Men­schen­raub von der räu­be­ri­schen Erpres­sung (§§ 253, 255 StGB) und dem Raub (§ 249 StGB) abzu­gren­zen, dass die Bemäch­ti­gungs­si­tua­ti­on im Hin­blick auf die erstreb­te Raub­hand­lung eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung hat; sie erfor­dert daher eine gewis­se Sta­bi­li­sie­rung der Beherr­schungs­la­ge, die der Täter zum Raub aus­nut­zen will 1. Weil die Vor­schrif­ten der §§ 253, 255 StGB den enge­ren Tat­be­stand des Rau­bes mit­um­fas­sen 2, bezieht sich § 239a StGB auch auf beab­sich­tig­te Raub­ta­ten 3.

Im vor­lie­gen­den Fall ver­miss­te der Bun­des­ge­richts­hof daher, dass es das Land­ge­richt unter­las­sen hat­te, den Sach­ver­halt unter dem Straf­tat­be­stand des erpres­se­ri­schen Men­schen­rau­bes (§ 239a StGB) zu wür­di­gen, obwohl eine aus­rei­chend sta­bi­le Bemäch­ti­gungs­si­tua­ti­on nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen wahr­schein­lich war: Die Ange­klag­ten über­fie­len die Ehe­leu­te und brach­ten sie gefes­selt zu Boden; sie hat­ten sie für rund 20 Minu­ten in ihrer Gewalt und nötig­ten sie mehr­fach sowie auf unter­schied­li­che Wei­se. Die Ehe­leu­te gaben aus Furcht um ihr Wohl die Lage des Geld­beu­tels und letzt­lich den Code für den Safe preis und ermög­lich­ten so die Weg­nah­me. Offen­sicht­lich fürch­te­ten die Ehe­leu­te jeweils auch um das Wohl des ande­ren Ehe­part­ners; inso­weit könn­te für die Eigen­stän­dig­keit der Bemäch­ti­gungs­si­tua­ti­on ein "Drei­Per­so­nen­Ver­hält­nis" zugrun­de zu legen sein 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. März 2019 – 1 StR 424/​18

  1. st. Rspr.; BGH, Urteil vom 22.10.2009 – 3 StR 372/​09, NStZ-RR 2010, 46, 47; Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15 24 [inso­weit in BGHSt 61, 21 nicht abge­druckt]; vgl. im Übri­gen BGH, Beschluss vom 22.11.1994 – GSSt 1/​94, BGHSt 40, 350, 359[]
  2. sie­he nur BGH, Beschluss vom 20.02.2018 – 3 StR 612/​17, NStZ-RR 2018, 140, 141 mwN[]
  3. BGH, Urtei­le vom 22.10.2009 – 3 StR 372/​09, NStZ-RR 2010, 46, 47; und vom 05.03.2003 – 2 StR 494/​02, NStZ 2003, 604, 605[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15 25; Urteil vom 09.06.1999 – 3 StR 78/​99, BGHR StGB § 239a Abs. 1 Sich­be­mäch­ti­gen 8[]