Erschie­ßen auf dem Park­platz – und die beson­de­re Schwe­re der Schuld

Die blo­ße abs­trak­te Gefahr, dass wei­te­re Per­so­nen zu dem Gesche­hen hin­zu­tre­ten und durch Quer­schlä­ger gefähr­det wer­den könn­ten, begrün­det zumin­dest in Anse­hung der kon­kret in Rede ste­hen­den Schüs­se kei­nen recht­lich belang­vol­len Aspekt.

Erschie­ßen auf dem Park­platz – und die beson­de­re Schwe­re der Schuld

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war der Ange­klag­te eben­so wie sei­ne Fami­lie tra­di­tio­nel­len kur­disch-isla­mi­schen Wert­vor­stel­lun­gen ver­haf­tet. Er akzep­tier­te des­halb nicht, dass sei­ne jün­ge­re Schwes­ter mit dem Geschä­dig­ten A. zusam­men­le­ben woll­te, der kein mus­li­mi­scher Kur­de, son­dern ira­ki­scher Christ war. Um die nach sei­nem Ver­ständ­nis durch die Bezie­hung ver­letz­te Fami­li­en­eh­re wie­der­her­zu­stel­len, beschloss er, A. zu töten. Zu die­sem Zweck ver­schaff­te er sich eine Schuss­waf­fe, bei der es sich wahr­schein­lich um einen Revol­ver, mög­li­cher­wei­se aber auch um eine Pis­to­le han­del­te, und lau­er­te A. auf, als die­ser abends sei­nen Pkw auf einem in der Nähe sei­ner Woh­nung gele­ge­nen Park­platz abstell­te. Nach­dem A. der gera­de mit sei­ner Mut­ter tele­fo­nier­te, aus dem Auto aus­ge­stie­gen war, trat der Ange­klag­te aus dem Dun­keln an ihn her­an und töte­te ihn durch fünf kurz nach­ein­an­der abge­ge­be­ne Schüsse.

Das Land­ge­richt Braun­schweig hat den Ange­klag­ten wegen Mor­des zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt und die beson­de­re Schwe­re der Schuld fest­ge­stellt [1].)). Die die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Erwä­gun­gen erwie­sen sich indes für den Bun­des­ge­richts­hof in zwei­fa­cher Hin­sicht als rechtsfehlerhaft:

Die Erwä­gung des Gerichts zu etwai­gen Quer­schlä­gern und der poten­ti­el­len Gefähr­dung ande­rer Men­schen begeg­net vor dem Hin­ter­grund der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen durch­grei­fen­den Beden­ken. Der Park­platz war zum kon­kre­ten Tat­zeit­punkt nicht stark fre­quen­tiert. Der Tat­ort­be­reich war viel­mehr men­schen­leer, wes­we­gen das Gesche­hen aus­schließ­lich von den in ihren Woh­nun­gen befind­li­chen Nach­barn ver­folgt wer­den konnte.

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Die blo­ße abs­trak­te Gefahr, dass wei­te­re Per­so­nen zu dem Gesche­hen hin­zu­tre­ten könn­ten, begrün­det zumin­dest in Anse­hung der kon­kret in Rede ste­hen­den Schüs­se kei­nen recht­lich belang­vol­len Aspekt. Die kurz nach­ein­an­der gezielt auf den Geschä­dig­ten abge­ge­be­nen fünf Nah­schüs­se (Bereich von ein bis drei Metern) las­sen Quer­schlä­ger nicht ernst­haft erwarten.

Recht­lich nicht statt­haft erscheint über­dies die schul­d­er­hö­hen­de Erwä­gung, dass sich der Ange­klag­te nicht von den – recht pau­scha­len – Ermah­nun­gen des Zeu­gen D. habe abhal­ten las­sen. Damit wer­tet das Land­ge­richt zulas­ten des Ange­klag­ten, dass er die Tat über­haupt began­gen hat, anstatt davon Abstand zu neh­men. Dar­in liegt ein Ver­stoß gegen das auch für die Schuld­schwe­re­ent­schei­dung anwend­ba­re Dop­pel­ver­wer­tungs­ver­bot nach § 46 Abs. 3 StGB [2].

Trotz der in erheb­li­chem Maße für die Beja­hung der beson­de­ren Schwe­re der Schuld spre­chen­den Gesichts­punk­te ver­moch­te der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall daher ein Beru­hen des land­ge­richt­li­chen Urteils auf den auf­ge­zeig­ten Rechts­feh­lern nicht gänz­lich auszuschließen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Novem­ber 2020 – 6 StR 328/​20

  1. LG Braun­schweig, Urteil vom 13.02.2020 – 112 Js 5153/​19 9 Ks ((7/​19[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 05.04.2001 – 4 StR 106/​01[]