Erwei­ter­te Ein­zie­hung von Taterträgen

Die erwei­ter­te Ein­zie­hung von Tat­erträ­gen gemäß § 73a Abs. 1 StGB setzt vor­aus, dass das Tat­ge­richt auf­grund erschöp­fen­der Beweis­erhe­bung und ‑wür­di­gung die Über­zeu­gung gewon­nen hat, der Ange­klag­te habe die betref­fen­den Gegen­stän­de aus rechts­wid­ri­gen Taten erlangt.

Erwei­ter­te Ein­zie­hung von Taterträgen

Deren Kon­kre­ti­sie­rung hin­sicht­lich ein­zel­ner bestimm­ter Taten oder hin­sicht­lich ihres all­ge­mei­nen Cha­rak­ters ist nicht erfor­der­lich1.

Dabei dür­fen – wie stets – an die Über­zeu­gungs­bil­dung kei­ne über­spann­ten Anfor­de­run­gen gestellt wer­den2.

  • Ent­las­ten­de Anga­ben des Ange­klag­ten sind nicht schon des­halb als unwi­der­leg­bar hin­zu­neh­men, weil es für das Gegen­teil kei­ne unmit­tel­ba­ren Bewei­se gibt3.
  • Aller­dings reicht ein blo­ßer Ver­dacht der ille­ga­len Her­kunft des Gegen­stan­des für des­sen Ein­zie­hung nicht aus.

Begrün­den bestimm­te Tat­sa­chen die nicht nur theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, dass Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de des Täters aus ande­ren Quel­len als aus rechts­wid­ri­gen Taten stam­men und ver­blei­ben des­halb ver­nünf­ti­ge Zwei­fel an ihrer delik­ti­schen Her­kunft, steht dies der Anord­nung des erwei­ter­ten Ver­falls der Gegen­stän­de ent­ge­gen4.

Für die rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung kön­nen die Kri­te­ri­en der – unmit­tel­bar für das selb­stän­di­ge Ein­zie­hungs­ver­fah­ren gemäß § 76a Abs. 4 StGB gel­ten­den – Vor­schrift des § 437 StPO eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe geben, die nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers bei jeder erwei­ter­ten Ein­zie­hung Berück­sich­ti­gung fin­den sol­len5.

Umstän­de, die eine Anord­nung recht­fer­ti­gen, kön­nen etwa in den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen des Täters und ins­be­son­de­re in sei­nen Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen lie­gen (§ 437 Satz 1 und 2 Nr. 3 StPO; vgl. auch BGH, Urtei­le vom 28.11.1995 – 1 StR 619/​95, NStZ-RR 1996, 116; vom 03.09.2009 – 5 StR 207/​09, NStZ-RR 2009, 384; vom 04.08.2010 – 5 StR 184/​10, NStZ-RR 2010, 385).

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Einziehung - und die eingestellten Taten

An die­sen Maß­stä­ben gemes­sen lie­ßen in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Revi­si­ons­ver­fah­ren die zur Ableh­nung einer Ein­zie­hung der sicher­ge­stell­ten Bar­geld­be­trä­ge her­an­ge­zo­ge­nen Erwä­gun­gen der Straf­kam­mer besor­gen, dass die­se über­spann­te Anfor­de­run­gen an ihre Über­zeu­gungs­bil­dung gestellt hat:

Sie hat zwar die hohe Dis­kre­panz zwi­schen den monat­li­chen Ein­nah­men, die der Ange­klag­te aus sei­nem Han­dy­ver­kauf erzielt haben will, und der sicher­ge­stell­ten Bar­geld­men­ge nicht ver­kannt. Sie hat dar­über hin­aus gese­hen, dass mit die­sen Ein­künf­ten – neben den von sei­ner Lebens­ge­fähr­tin bezo­ge­nen Sozi­al­leis­tun­gen – bereits der Fami­li­en­un­ter­halt bestrit­ten wer­den muss­te und somit kaum Raum für die Bil­dung von Rück­la­gen bestand. Auch hat sie nicht unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, dass trotz Frei­spre­chung des ein­schlä­gig vor­be­straf­ten Ange­klag­ten von dem Tat­vor­wurf des Han­del­trei­bens mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge, der sich auf eine ihm zur Last geleg­te Betei­li­gung am Betrieb der von ihm am 24.10.2018 gemein­sam mit dem Mit­an­ge­klag­ten M. auf­ge­such­ten Mari­hua­na-Plan­ta­ge bezo­gen hat­te, ins­be­son­de­re mit den in sei­ner Woh­nung sicher­ge­stell­ten Gegen­stän­den wei­te­re Anknüp­fungs­tat­sa­chen für sei­ne Ein­bin­dung in den orga­ni­sier­ten Betäu­bungs­mit­tel­han­del bestehen.

Dem­ge­gen­über sind jedoch die von der Straf­kam­mer ange­führ­ten Über­le­gun­gen, wes­halb sie sich an der Über­zeu­gung gehin­dert sah, dass die sicher­ge­stell­ten Gel­der aus ande­ren rechts­wid­ri­gen Taten her­rühr­ten, rein theo­re­ti­scher Natur. Sie zei­gen kei­ne rea­lis­ti­schen Alter­na­ti­ven für einen Lega­ler­werb des Gel­des auf, son­dern nur abs­trak­te Mög­lich­kei­ten ander­wei­ti­ger Geld­quel­len. Tat­sa­chen­fun­dier­te Zwei­fel an der delik­ti­schen Her­kunft des Gel­des wer­den hier­durch nicht vermittelt.

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Die Verständigung im Strafverfahren - und die Einziehung von Taterträgen

Die Sache bedarf daher inso­weit neu­er Ver­hand­lung und Entscheidung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Okto­ber 2020 – 5 StR 165/​20

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 22.11.1994 – 4 StR 516/​94, BGHSt 40, 371, 373; vom 04.04.2018 – 3 StR 63/​18, NStZ-RR 2018, 380 mwN; Fischer, StGB, 67. Aufl., § 73a Rn. 10[]
  2. vgl. BGH, aaO; Beschluss vom 21.08.2018 – 2 StR 231/​18, NStZ-RR 2018, 380, 381[]
  3. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 06.03.1986 – 4 StR 48/​86, BGHSt 34, 29, 34; vom 16.08.1995 – 2 StR 94/​95, BGHR StPO § 261 Ein­las­sung 6; vom 13.11.2019 – 5 StR 466/​19 mwN; Beschluss vom 19.09.2017 – 1 StR 436/​17, NStZ-RR 2018, 20, 21; KK-StPO/Ott, 8. Aufl., § 261 Rn. 90[]
  4. BGH, Urteil vom 10.01.2018 – 5 StR 465/​17 mwN; Beschluss vom 21.08.2018 – 2 StR 231/​18, aaO[]
  5. vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zur Reform der straf­recht­li­chen Ver­mö­gens­ab­schöp­fung BT-Drs. 18/​9525, S. 66; Münch­Komm-StGB/­Jo­eck­s/­Meiß­ner, 4. Aufl., § 73a Rn. 22[]