EU-Maß­nah­men gegen den Ter­ro­ris­mus

Die Beschlüs­se des Rates, mit denen die DHKP‑C vor Juni 2007 unter Ver­stoß gegen ele­men­ta­re Ver­fah­rens­ga­ran­tien in Lis­ten auf­ge­nom­men wur­de, die im Rah­men von Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus erstellt wur­den, kön­nen nicht dazu bei­tra­gen, die straf­recht­li­che Ver­fol­gung von Mit­glie­dern der genann­ten Orga­ni­sa­ti­on zu stüt­zen, die nicht in die­se Lis­ten auf­ge­nom­men wur­den.

EU-Maß­nah­men gegen den Ter­ro­ris­mus

Zur Umset­zung bestimm­ter Reso­lu­tio­nen der Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen erließ der Rat einen Gemein­sa­men Stand­punkt [1] und eine Ver­ord­nung [2], in denen ange­ord­net wird, dass die Gel­der von Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen ein­zu­frie­ren sind, die in eine durch Beschlüs­se des Rates erstell­te und regel­mä­ßig aktua­li­sier­te Lis­te auf­ge­nom­men wur­den. Außer­dem ist es nach der Ver­ord­nung unter­sagt, für die Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen auf die­ser Lis­te direkt oder indi­rekt Gel­der bereit­zu­stel­len. Nach deut­schem Recht sind Ver­stö­ße gegen Rechts­ak­te der Uni­on wie die­se Ver­ord­nung mit Stra­fe bedroht.

Am 2. Mai 2002 wur­de die Orga­ni­sa­ti­on Devrimci Halk Kur­tu­lus Par­ti­si-Cephe­si (DHKP‑C) in die frag­li­che Lis­te auf­ge­nom­men. In der Fol­ge erließ der Rat ver­schie­de­ne Beschlüs­se zur Aktua­li­sie­rung die­ser Lis­te. Die DHKP‑C ver­blieb dabei stets auf der Lis­te.

Bis Juni 2007 wur­den die­se Beschlüs­se erlas­sen, ohne dass den in die Lis­te auf­ge­nom­me­nen Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen die kon­kre­ten Grün­de für ihre Auf­nah­me mit­ge­teilt wur­den. Im Anschluss an ein Urteil des Gerichts [3], mit dem die Auf­nah­me einer Ver­ei­ni­gung in die Lis­te ins­be­son­de­re des­halb für ungül­tig erklärt wur­de, weil der Rat ihre Auf­nah­me nicht begrün­det hat­te und eine gericht­li­che Über­prü­fung in der Sache des­halb nicht mög­lich war, änder­te der Rat sein Auf­nah­me­ver­fah­ren. Als er einen neu­en Beschluss zur Aktua­li­sie­rung der Lis­te erließ [4], der am 29. Juni 2007 in Kraft trat, ließ er den betrof­fe­nen Per­so­nen und Ver­ei­ni­gun­gen eine Begrün­dung für ihre Auf­nah­me zukom­men.

Herrn E und Herrn F wird vor­ge­wor­fen, vom 30. August 2002 bis zum 5. Novem­ber 2008 Mit­glied der DHKP‑C gewe­sen zu sein. Sie wur­den wegen der Zuge­hö­rig­keit zu einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung in Unter­su­chungs­haft genom­men, und gegen sie wur­de ein Straf­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Nach den Anga­ben in der Ankla­ge­schrift sol­len sie wäh­rend der gesam­ten Dau­er ihrer Zuge­hö­rig­keit zur DHKP‑C zu deren Guns­ten jähr­li­che Spen­den­geld­kam­pa­gnen orga­ni­siert und Publi­ka­tio­nen ver­kauft haben. In dem genann­ten Zeit­raum sol­len der Erst­ge­nann­te min­des­tens 215 809 € und der Letzt­ge­nann­te min­des­tens 105 051 € beschafft und an die Füh­rungs­spit­ze der DHKP‑C wei­ter­ge­lei­tet haben. Da das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf (Deutsch­land) Zwei­fel in Bezug auf die Gül­tig­keit der Auf­nah­me der DHKP‑C in die Lis­te hat, hat es dem Gerichts­hof die Fra­ge vor­ge­legt, ob in Anbe­tracht der Urtei­le des Gerichts [5], mit denen die Auf­nah­me einer Rei­he von Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen wegen eines Ver­sto­ßes gegen ele­men­ta­re Ver­fah­rens­ga­ran­tien für nich­tig erklärt wur­de, auch die Auf­nah­me der DHKP‑C für die Zeit vor dem 29. Juni 2007 als ungül­tig anzu­se­hen sei, obwohl die DHKP‑C nicht gegen ihre Auf­nah­me in die Lis­te vor­ge­gan­gen sei.

Der Gerichts­hof stellt zunächst fest, dass in dem beim natio­na­len Gericht anhän­gi­gen Ver­fah­ren frei­heits­ent­zie­hen­de straf­recht­li­che Sank­tio­nen ver­hängt wer­den könn­ten. In die­sem Zusam­men­hang betont er, dass die Uni­on eine Rechts­uni­on ist, in der ihre Orga­ne der Kon­trol­le dar­auf­hin unter­lie­gen, ob ihre Hand­lun­gen mit dem AEU-Ver­trag und den all­ge­mei­nen Rechts­grund­sät­zen in Ein­klang ste­hen. Jede Par­tei ist berech­tigt, im Rah­men eines natio­na­len Ver­fah­rens die Ungül­tig­keit von Bestim­mun­gen in Rechts­ak­ten der Uni­on, die als Grund­la­ge für eine ihr gegen­über ergan­ge­ne Ent­schei­dung oder natio­na­le Maß­nah­me die­nen, gel­tend zu machen und das natio­na­le Gericht zu ver­an­las­sen, dem Gerichts­hof inso­weit eine Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen, sofern die Par­tei nicht berech­tigt war, unmit­tel­bar vor dem Gericht der EU gegen die­se Bestim­mun­gen zu kla­gen.

Hier­zu führt der Gerichts­hof aus, dass nicht Herr E und Herr F in die das Ein­frie­ren von Gel­dern betref­fen­de Lis­te auf­ge­nom­men wor­den sind, son­dern allein die DHKP‑C, und dass sich die in den Rechts­vor­schrif­ten der Uni­on zur Bekämp­fung der Finan­zie­rung des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus auf­ge­stell­ten Ver­pflich­tun­gen und Ver­bo­te an eine unbe­stimm­te Zahl von Per­so­nen rich­ten. Folg­lich waren Herr E und Herr F im Unter­schied zur DHKP‑C nicht unbe­streit­bar berech­tigt, im Wege der Nich­tig­keits­kla­ge vor dem Gericht der EU gegen die Auf­nah­me der DHKP‑C in die Lis­te vor­zu­ge­hen.

Zur Gül­tig­keit der vor Juni 2007 ergan­ge­nen Beschlüs­se des Rates stellt der Gerichts­hof fest, dass kei­ner die­ser Beschlüs­se mit einer Begrün­dung in Bezug auf die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Anwen­dung der Ver­ord­nung auf die DHKP‑C sowie einer Dar­le­gung der beson­de­ren und kon­kre­ten Grün­de ver­se­hen war, aus denen der Rat der Ansicht war, dass die Auf­nah­me der DHKP‑C in die Lis­te gerecht­fer­tigt war oder blieb. Herr E und Herr F ver­fü­gen somit nicht über die nöti­gen Anhalts­punk­te, um die Begründ­etheit der Auf­nah­me der DHKP‑C in die Lis­te in der Zeit vor dem 29. Juni 2007 und ins­be­son­de­re die Rich­tig­keit und Erheb­lich­keit der Ele­men­te, die zu ihrer Auf­nah­me führ­ten, zu prü­fen, obwohl die Auf­nah­me in die Lis­te zu den Grund­la­gen der gegen sie erho­be­nen Ankla­ge gehört.

Das Feh­len einer Begrün­dung für die Auf­nah­me der DHKP‑C in die Lis­te ist zudem geeig­net, eine ange­mes­se­ne gericht­li­che Kon­trol­le ihrer mate­ri­el­len Recht­mä­ßig­keit zu ver­ei­teln. Die Mög­lich­keit einer sol­chen Kon­trol­le ist aber uner­läss­lich, damit ein gerech­ter Aus­gleich zwi­schen den Erfor­der­nis­sen des Kampfs gegen den inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus und dem Schutz der Grund­frei­hei­ten und ‑rech­te gewähr­leis­tet wer­den kann.

Zu der Fra­ge, ob die Auf­nah­me der DHKP‑C in die Lis­te durch den Beschluss vom Juni 2007 rück­wir­kend geheilt wur­de, stellt der Gerichts­hof fest, dass die­ser Beschluss kei­nes­falls dazu bei­tra­gen kann, eine straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung wegen Taten zu stüt­zen, die den Zeit­raum vor sei­nem Inkraft­tre­ten betref­fen. Eine sol­che Aus­le­gung wür­de gegen das Ver­bot der Rück­wir­kung von Vor­schrif­ten ver­sto­ßen, die zu einer straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung füh­ren kön­nen.
Auf­grund des­sen kommt der Gerichts­hof zu dem Ergeb­nis, dass das natio­na­le Gericht im Rah­men des Aus­gangs­ver­fah­rens die vor Juni 2007 ergan­ge­nen Beschlüs­se des Rates unan­ge­wen­det zu las­sen hat, so dass die­se nicht dazu bei­tra­gen kön­nen, eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung von Herrn E und Herrn F in Bezug auf die Zeit vor dem 29. Juni 2007 zu stüt­zen.

Schließ­lich fügt der Gerichts­hof hin­zu, dass das in der Ver­ord­nung auf­ge­stell­te Ver­bot, für Per­so­nen oder Orga­ni­sa­tio­nen auf der Lis­te Gel­der bereit­zu­stel­len, den Fall erfasst, in dem ein Mit­glied einer in der Lis­te auf­ge­führ­ten Orga­ni­sa­ti­on an die­se Orga­ni­sa­ti­on Gel­der wei­ter­lei­tet, die bei Außen­ste­hen­den gesam­melt oder von ihnen erlangt wur­den.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 29. Juni 2010 – C‑550/​09

  1. Gemein­sa­mer Stand­punkt 2001/​931/​GASP des Rates vom 27. Dezem­ber 2001 über die Anwen­dung beson­de­rer Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus (ABl. L 344, S. 93).[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 2580/​2001 des Rates vom 27. Dezem­ber 2001 über spe­zi­fi­sche, gegen bestimm­te Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen gerich­te­te restrik­ti­ve Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus (ABl. L 344, S. 70).[]
  3. Rechts­sa­che T‑228/​02, Orga­ni­sa­ti­on des Mod­ja­he­di­nes du peu­p­le d’Iran/Rat.[]
  4. Beschluss 2007/​445/​EG des Rates vom 28. Juni 2007 zur Durch­füh­rung von Arti­kel 2 Absatz 3 der Ver­ord­nung Nr. 2580/​2001 und zur Auf­he­bung der Beschlüs­se 2006/​379/​EG und 2006/​1008/​EG (ABl. L 169, S. 58).[]
  5. Das Gericht hat in spä­te­ren Urtei­len die Auf­nah­me meh­re­rer ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen in die Lis­te aus den glei­chen Grün­den wie in sei­nem Urteil in der Rechts­sa­che T‑228/​02 für ungül­tig erklärt.[]