Euro­päi­scher Haft­be­fehl – und die Haft­be­din­gun­gen im Aus­stel­lungs­staat

Eine etwai­ge Prü­fung der Haft­be­din­gun­gen im Aus­stel­lungs­mit­glied­staat vor der Voll­stre­ckung eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls muss sich auf die Haft­an­stal­ten beschrän­ken, in denen die betrof­fe­ne Per­son kon­kret inhaf­tiert wer­den soll.

Euro­päi­scher Haft­be­fehl – und die Haft­be­din­gun­gen im Aus­stel­lungs­staat

Ande­rer­seits genügt die Mög­lich­keit der betrof­fe­nen Per­son, im Aus­stel­lungs­mit­glied­staat die Haft­be­din­gun­gen in Fra­ge zu stel­len, nicht, um das Vor­lie­gen einer ech­ten Gefahr unmensch­li­cher Behand­lung aus­zu­schlie­ßen.

Die­sem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on lag ein in Ungarn aus­ge­stell­ter Euro­päi­scher Haft­be­fehl zugrun­de: ML, der unga­ri­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ist, wur­de in Ungarn wegen Kör­per­ver­let­zung, Sach­be­schä­di­gung, Betrugs in einem min­der­schwe­ren Fall und Ein­bruchs­dieb­stahls straf­recht­lich ver­folgt. Nach­dem der Nyí­re­gy­házi Járás­bíróság (Kreis­ge­richt Nyí­re­gy­háza, Ungarn) ihn in Abwe­sen­heit zu einer Frei­heits­stra­fe von einem Jahr und acht Mona­ten ver­ur­teilt hat­te, erließ die­ses Gericht im Hin­blick auf die Voll­stre­ckung die­ser Stra­fe einen Euro­päi­schen Haft­be­fehl gegen ML. Seit dem 23. Novem­ber 2017 befin­det sich ML in Deutsch­land in Aus­lie­fe­rungs­haft.

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men hat jedoch im Hin­blick auf die Haft­be­din­gun­gen in Ungarn Zwei­fel, ob ML an die unga­ri­schen Behör­den über­ge­ben wer­den kann. Das OLG Bre­men, inso­weit gestützt auf das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 10. März 2015 1, ist näm­lich der Ansicht, dass es über Anhalts­punk­te ver­fü­ge, die das Vor­lie­gen sys­te­mi­scher oder all­ge­mei­ner Män­gel der Haft­be­din­gun­gen in Ungarn beleg­ten, so dass ML dort der Gefahr aus­ge­setzt sein könn­te, eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on zu erlei­den. In Anbe­tracht des Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in den Rechts­sa­chen Aran­yo­si und C?ld?raru 2, das in Beant­wor­tung eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens eben­falls des OLG Bre­men ergan­gen ist, hält das OLG Bre­men es daher für erfor­der­lich, zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen zu den Bedin­gun­gen ein­zu­ho­len, unter denen ML in Ungarn inhaf­tiert wer­den könn­te. Vor die­sem Hin­ter­grund ersucht es den Gerichts­hof um wei­te­re Klar­stel­lun­gen hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­ge­hens.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil betont der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst, dass er nicht nach dem Vor­lie­gen sys­te­mi­scher oder all­ge­mei­ner Män­gel der Haft­be­din­gun­gen in Ungarn gefragt wird. Er ant­wor­tet dem OLG Bre­men zwar unter Zugrun­de­le­gung der Prä­mis­se, dass der­ar­ti­ge Män­gel vor­lie­gen, jedoch fällt die­se Prä­mis­se in die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung des OLG, das deren Rich­tig­keit unter Berück­sich­ti­gung gebüh­rend aktua­li­sier­ter Anga­ben zu über­prü­fen hat.
Sodann stellt der Uni­ons­ge­richts­hof ers­tens fest, dass, selbst wenn ein Aus­stel­lungs­mit­glied­staat – wie Ungarn seit Anfang 2017 – Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten vor­sieht, die es ermög­li­chen, die Recht­mä­ßig­keit der Haft­be­din­gun­gen im Hin­blick auf die Grund­rech­te zu über­prü­fen, die voll­stre­cken­den Jus­tiz­be­hör­den wei­ter­hin ver­pflich­tet sind, die Situa­ti­on jeder betrof­fe­nen Per­son indi­vi­du­ell zu prü­fen, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass ihre Ent­schei­dung über die Über­ga­be die­ser Per­son die­se nicht auf­grund die­ser Bedin­gun­gen einer ech­ten Gefahr aus­setzt, eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung zu erlei­den. Seit dem 1. Janu­ar 2017 kön­nen in Ungarn Inhaf­tier­te im Rah­men eines gericht­li­chen Rechts­be­helfs die Recht­mä­ßig­keit ihrer Haft­be­din­gun­gen im Hin­blick auf die Grund­rech­te in Fra­ge stel­len.

Zwei­tens weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass die voll­stre­cken­den Jus­tiz­be­hör­den, die über die Über­ga­be einer Per­son zu ent­schei­den haben, gegen die ein Euro­päi­scher Haft­be­fehl ergan­gen ist, kon­kret und genau prü­fen müs­sen, ob unter den kon­kre­ten Umstän­den eine ech­te Gefahr besteht, dass die­se Per­son im Aus­stel­lungs­mit­glied­staat einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt sein wird.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt inso­weit klar, dass die­se Behör­den nur ver­pflich­tet sind, die Haft­be­din­gun­gen in den Haft­an­stal­ten zu prü­fen, in denen die betrof­fe­ne Per­son nach den die­ser Behör­de vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen, sei es auch nur vor­über­ge­hend oder zu Über­gangs­zwe­cken, kon­kret inhaf­tiert wer­den soll. Die Ver­ein­bar­keit der Haft­be­din­gun­gen in ande­ren Haft­an­stal­ten, in denen die Per­son gege­be­nen­falls spä­ter inhaf­tiert wer­den könn­te, mit den Grund­rech­ten fällt in die allei­ni­ge Zustän­dig­keit der Gerich­te des Aus­stel­lungs­mit­glied­staats.

Drit­tens ent­schei­det der Uni­ons­ge­richts­hof, dass die voll­stre­cken­de Jus­tiz­be­hör­de nur die kon­kre­ten und genau­en Haft­be­din­gun­gen der betrof­fe­nen Per­son prü­fen muss, die rele­vant sind, um zu bestim­men, ob die­se einer ech­ten Gefahr unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung aus­ge­setzt sein wird. So sind die Reli­gi­ons­aus­übung, die Mög­lich­keit zu rau­chen, die Moda­li­tä­ten der Rei­ni­gung der Beklei­dung sowie die Instal­la­ti­on von Git­tern oder eines Sicht­schut­zes vor den Fens­tern der Zel­len grund­sätz­lich Aspek­te der Haft, denen kei­ne offen­sicht­li­che Bedeu­tung zukommt.

Jeden­falls muss die voll­stre­cken­de Jus­tiz­be­hör­de, wenn sie es für erfor­der­lich erach­tet, die aus­stel­len­de Jus­tiz­be­hör­de um unver­züg­li­che Über­mitt­lung zusätz­li­cher Infor­ma­tio­nen zu den Haft­be­din­gun­gen zu bit­ten, sicher­stel­len, dass ihre Fra­gen nicht nach Anzahl und Umfang dazu füh­ren, dass die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Euro­päi­schen Haft­be­fehls lahm­ge­legt wird, der gera­de bezweckt, die Über­ga­ben im gemein­sa­men Raum der Frei­heit, der Sicher­heit und des Rechts zu beschleu­ni­gen und zu erleich­tern.

Vier­tens muss sich die voll­stre­cken­de Jus­tiz­be­hör­de, wenn die aus­stel­len­de Jus­tiz­be­hör­de zusi­chert, dass die betrof­fe­ne Per­son unab­hän­gig von der Haft­an­stalt, in der sie im Aus­stel­lungs­mit­glied­staat inhaf­tiert wer­den wird, kei­ne unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung auf­grund ihrer kon­kre­ten und genau­en Haft­be­din­gun­gen erfah­ren wer­de, in Anbe­tracht des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens zwi­schen den Mit­glied­staa­ten, auf dem das Sys­tem des Euro­päi­schen Haft­be­fehls beruht, auf die­se Zusi­che­rung zumin­dest dann ver­las­sen, wenn kei­ner­lei kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass die Haft­be­din­gun­gen in einer bestimm­ten Haft­an­stalt gegen das Ver­bot unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung ver­sto­ßen. Wobei die­se Zusi­che­rung von der aus­stel­len­den Jus­tiz­be­hör­de selbst erteilt oder zumin­dest gebil­ligt wird, nach­dem sie erfor­der­li­chen­falls die oder eine der zen­tra­len Behör­den des Aus­stel­lungs­mit­glied­staats um Unter­stüt­zung ersucht hat.

Geht die­se Zusi­che­rung wie in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che nicht von einer Jus­tiz­be­hör­de aus, so ist die Garan­tie, die eine sol­che Zusi­che­rung dar­stellt, durch eine Gesamt­be­ur­tei­lung aller der voll­stre­cken­den Jus­tiz­be­hör­de zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen zu wür­di­gen.

Im vor­lie­gen­den Fall ist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Ansicht, dass die Über­ga­be von ML an die unga­ri­schen Behör­den im Ein­klang mit des­sen Grund­recht, kei­ne unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung zu erfah­ren, zuläs­sig erscheint, was jedoch das OLG Bre­men zu prü­fen hat.

Das OLG Bre­men ist näm­lich selbst der Ansicht, dass die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen bezüg­lich der Haft­be­din­gun­gen in der Straf­voll­zugs­an­stalt Szom­ba­the­ly, in der ML, wie fest­steht, den wesent­li­chen Teil sei­ner Frei­heits­stra­fe ver­bü­ßen müss­te, das Vor­lie­gen einer ech­ten Gefahr einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung von ML aus­schlie­ßen. Außer­dem schei­nen, was die Straf­voll­zugs­an­stalt Buda­pest anbe­langt, in der ML vor sei­ner Ver­le­gung nach Szom­ba­the­ly für die Dau­er von drei Wochen inhaf­tiert wäre, eine vom unga­ri­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um erteil­te Zusi­che­rung sowie die Infor­ma­tio­nen, über die die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Bre­men ver­fügt, die Annah­me zu erlau­ben, dass auch die Haft­be­din­gun­gen in die­ser Straf­voll­zugs­an­stalt, die jede Per­son durch­läuft, gegen die ein von den unga­ri­schen Behör­den aus­ge­stell­ter Euro­päi­scher Haft­be­fehl ergan­gen ist, die­ses Grund­recht nicht ver­let­zen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 25. Juli 2018 – C ‑220/​18 PPU

  1. EGMR, Urteil vom 10. März 2015 – Var­ga u.a./Ungarn[]
  2. EuGH, Urteil vom vom 5. April 2016, Aran­yo­si und C?ld?raru – C‑404/​15 und C‑659/​15 PPU[]