Euro­päi­scher Haft­be­fehl – und die Fra­ge der Ver­jäh­rung

Erhöh­te Anfor­de­run­gen an die Sach­dar­stel­lung und Kon­kre­ti­sie­rung des Tat­vor­wurfs in einem Euro­päi­schen Haft­be­fehl sind dann zu stel­len, wenn hier­von die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung abhängt, etwa bei kon­kur­rie­ren­der Gerichts­bar­keit im Hin­blick auf die Beur­tei­lung des Vor­lie­gens des Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis­ses der Ver­jäh­rung nach § 9 Nr.2 IRG 1.

Euro­päi­scher Haft­be­fehl – und die Fra­ge der Ver­jäh­rung

Nach § 83a Abs. 1 Nr. 5 IRG hat ein Euro­päi­scher Haft­be­fehl eine zurei­chen­de Beschrei­bung der Umstän­de zu ent­hal­ten, unter wel­chen die Straf­tat began­gen wur­de, ein­schließ­lich der Tat­zeit, des Tat­or­tes und der Tat­be­tei­li­gung der gesuch­ten Per­son (§ 83 a Abs.1 Nr. 5 IRG). Hier­zu ist es not­wen­dig, dass die Haft­an­ord­nung eine aus­rei­chen­de Kon­kre­ti­sie­rung des Tat­vor­wurfs ent­hält, wel­che einen zurei­chen­den Rück­schluss auf das dem Ver­folg­ten vor­ge­wor­fe­ne Gesche­hen ermög­licht 2. Auch wenn – wie hier – der ersu­chen­de Staat ein Ver­hal­ten als Kata­log­tat nach Art. 2 Abs. 2 RbEu­Hb i.V.m. § 81 Nr.4 IRG bezeich­net, muss die Aus­schrei­bung dar­über hin­aus eine Schlüs­sig­keits­prü­fung dahin­ge­hend ermög­li­chen, ob die Sach­dar­stel­lung einen nach­voll­zieh­ba­ren Rück­schluss hier­auf zulässt 3. Dabei ist zu beach­ten, dass gera­de bei Seri­en­straf­ta­ten sowie – wie vor­lie­gend – bei Dau­er- oder Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­ten an die Sach­dar­stel­lung in einem Euro­päi­schen Haft­be­fehl kei­ne über­mä­ßi­gen und deut­schen Bewer­tun­gen ent­spre­chen­den Anfor­de­run­gen gestellt wer­den dür­fen 4. Inso­weit kann die gebo­te­ne Kon­kre­ti­sie­rung der Sach­dar­stel­lung im Zuläs­sig­keits­ver­fah­ren erfol­gen und vor allem dann gebo­ten sein, wenn hier­zu auf­grund kon­kre­ter und recht­lich erheb­li­cher Ein­wen­dun­gen des Ver­folg­ten Anlass besteht 5.

Erhöh­te Anfor­de­run­gen an die Sach­dar­stel­lung und Kon­kre­ti­sie­rung des Tat­vor­wurfs in einem Euro­päi­schen Haft­be­fehl sind aller­dings dann uner­läss­lich, wenn hier­von die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung abhängt, etwa bei kon­kur­rie­ren­der Gerichts­bar­keit im Hin­blick auf die Beur­tei­lung des Vor­lie­gens des Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis­ses der Ver­jäh­rung nach § 9 Nr.2 IRG.

Besteht näm­lich im Rah­men der Aus­lie­fe­rung auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls auch die deut­sche Gerichts­bar­keit, rich­tet sich auch bei nicht die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­zen­den Ver­folg­ten die Fra­ge des Bestehens eines Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis­ses auf­grund des Ein­tritts der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung allein nach deut­schem Recht 6. Inso­weit kommt näm­lich die Vor­schrift des § 9 Nr.2 IRG i.V.m. §§ 82, 78 Abs. 1 IRG aus­schließ­lich zur Anwen­dung, da der Ach­te Teil des IRG in den §§ 78 ff. IRG bezüg­lich der Fra­ge der Ver­jäh­rung kei­ne aus­drück­li­che Son­der­re­ge­lung ent­hält. Die­ser Ver­weis auf § 9 Nr. 2 IRG, wonach eine Aus­lie­fe­rung unzu­läs­sig ist, wenn die Ver­fol­gung oder Voll­stre­ckung nach deut­schem Recht ver­jährt wäre, beinhal­tet die dem Voll­stre­ckungs­mit­glied­staat in Art. 4 Nr. 4 des Rah­men­be­schlus­ses des Rates vom 13.06.2002 über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl und die Über­ga­be­ver­fah­ren zwi­schen den Mit­glied­staa­ten (2002/​584/​jI) ein­ge­räum­te Mög­lich­keit, die Voll­stre­ckung eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls abzu­leh­nen, wenn die Straf­ver­fol­gung oder Straf­voll­stre­ckung nach den Rechts­vor­schrif­ten des Voll­stre­ckungs­mit­glied­staa­tes ver­jährt ist und nach sei­nem eige­nen Straf­recht Gerichts­bar­keit besteht 6. Für die Fra­ge des Ein­tritts der inlän­di­schen Ver­jäh­rung kommt es auch nicht dar­auf an, ob gegen den Ver­folg­ten – wie vor­lie­gend aller­dings der Fall – wegen der glei­chen Tat in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein förm­li­ches Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de oder nicht, viel­mehr reicht es aus, dass die Anwen­dung deut­schen Straf­rechts mög­lich erscheint 7. Eine Aus­lie­fe­rung ist näm­lich schon dann als nicht zuläs­sig anzu­se­hen, wenn die Straf­tat im Inland wegen Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung nicht mehr geahn­det wer­den könn­te 8.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 9. Okto­ber 2015 – 1 AK 64/​15

  1. Fort­füh­rung von OLG Karls­ru­he, StV 2008, 429 u.a.[]
  2. OLG Karls­ru­he, StV 2008, 429; 2007, 650; 2005, 232[]
  3. OLG Karls­ru­he, StV 2007, 139[]
  4. OLG Karls­ru­he, StV 2008, 429 und Beschluss vom 22.01.2013 – 1 AK 76/​12[]
  5. vgl. hier­zu auch OLG Karls­ru­he, StV 2005, 402; OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 16.01.2008 – 1 Ausl 28/​07[]
  6. vgl. hier­zu näher OLG Karls­ru­he, NStZ 2013, 602[][]
  7. Vogel/​Burchard in: Grützner/​Pötz/​Kreß, Inter­na­tio­na­ler Rechts­hil­fe­ver­kehr in Straf­sa­chen, 3. Aufl., 10. Lie­fe­rung 2009, § 9 IRG Rn. 62[]
  8. OLG Karls­ru­he, NStZ-RR 2015, 87; OLG Hamm, Beschluss vom 13.06.2013, III‑2 Ausl 47/​13[]

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