Even­tu­ell schuld­un­fä­hig – und die Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie

Die grund­sätz­lich unbe­fris­te­te Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 StGB ist eine außer­or­dent­lich belas­ten­de Maß­nah­me, die einen beson­ders gra­vie­ren­den Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen dar­stellt. Sie darf daher nur dann ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei der Bege­hung der Anlass­ta­ten auf­grund eines psy­chi­schen Defekts schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung hier­auf beruht.

Even­tu­ell schuld­un­fä­hig – und die Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie

Dane­ben muss eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des bestehen, der Täter wer­de infol­ge sei­nes fort­dau­ern­den Zustan­des in Zukunft erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten bege­hen; die zu erwar­ten­den Taten müs­sen schwe­re Stö­run­gen des Rechts­frie­dens besor­gen las­sen. Die not­wen­di­ge Pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlass­tat(en) zu ent­wi­ckeln [1]. Sie muss sich auch dar­auf erstre­cken, wel­che rechts­wid­ri­gen Taten von dem Beschul­dig­ten dro­hen und wie aus­ge­prägt das Maß der Gefähr­dung ist [2].

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de das hier ange­foch­te­ne Urteil nicht gerecht:

Zwar liegt bei dem Ange­klag­ten mit dem sach­ver­stän­dig dia­gnos­ti­zier­ten schi­zo­phre­nen Resi­du­um oder der bipo­la­ren affek­ti­ven Stö­rung mit psy­cho­ti­schen Sym­pto­men – jeweils alter­na­tiv – nach ICD-10: F20.5 bzw. ICD-10: F31 als Ein­gangs­merk­mal eine krank­haf­te see­li­sche Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB vor. Damit ist aber der erfor­der­li­che sym­pto­ma­ti­sche Zusam­men­hang zwi­schen dem zum Tat­zeit­punkt bestehen­den psy­chi­schen Defekt und den Anlass­ta­ten noch nicht trag­fä­hig belegt [3].

Die auf den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen grün­den­de Wer­tung des Land­ge­richts, die Taten sei­en Aus­druck der psy­chi­schen Erkran­kung des Ange­klag­ten, ist nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­stellt. Inwie­weit die – alter­na­tiv – zugrun­de geleg­ten psy­chi­schen Erkran­kun­gen die Tat­be­ge­hung bedingt haben kön­nen, wird vom Land­ge­richt nicht näher begrün­det, son­dern ledig­lich als Ergeb­nis der Beur­tei­lung zugrun­de gelegt. Das Land­ge­richt berück­sich­tigt dabei aber nicht, dass das von ihm hier­zu her­an­ge­zo­ge­ne Ver­hal­ten des Ange­klag­ten bei der Tat­be­ge­hung, das von Ent­täu­schung und Wut über die Been­di­gung der Bezie­hung zur Geschä­dig­ten und der feh­len­den Akzep­tanz der Tren­nung geprägt gewe­sen sei, auch nor­mal­psy­cho­lo­gisch erklär­bar ist und letzt­lich sich im Rah­men des­sen hält, was bei voll schul­di­gen Men­schen anzu­tref­fen und übli­che Ursa­che für straf­ba­res Ver­hal­ten ist [4].

Auch die Gefah­ren­pro­gno­se ist nicht trag­fä­hig begrün­det. Das Land­ge­richt legt inso­weit zugrun­de, dass der Ange­klag­te trotz seit län­ge­rer Zeit vor­lie­gen­der psy­chi­scher Erkran­kung straf­recht­lich ledig­lich wegen eines Ver­kehrs­de­likts in Erschei­nung getre­ten ist und es auch sonst zu kei­nen erkran­kungs­be­ding­ten Vor­fäl­len gekom­men sei. Es erör­tert jedoch in die­sem Zusam­men­hang nicht, dass der zugrun­de geleg­te Aus­lö­ser für die Anlass­ta­ten ver­gleich­bar der Tren­nungs­si­tua­ti­on von sei­ner Ehe­frau und den drei gemein­sa­men Kin­dern im Jahr 2011 ist. Dass der Ange­klag­te in der Ver­gan­gen­heit „zeit­wei­se durch­aus“ Ein­sicht in sei­ne psy­chi­sche Erkran­kung und die Not­wen­dig­keit ihrer Medi­ka­ti­on gezeigt habe, genügt ohne nähe­re Aus­füh­run­gen nicht, um nun­mehr eine aktu­el­le Gefah­ren­pro­gno­se zu stel­len.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2020 – 1 StR 273/​20

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.02.2017 – 3 StR 535/​16 Rn. 7; vom 21.12.2016 – 1 StR 594/​16 Rn. 3, 10; und vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16 Rn. 9[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.06.2016 – 4 StR 79/​16 Rn. 6; BVerfG, Beschluss vom 05.07.2013 – 2 BvR 2957/​12 Rn. 27; sie­he auch BT-Drs. 18/​7244 S. 23[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 07.07.2020 – 2 StR 121/​20 Rn. 9 ff.; und vom 05.02.2019 – 2 StR 505/​18 Rn. 5, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 07.07.2020 – 2 StR 121/​20 Rn. 10 mwN[]