Fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung – und die Gesamt­ab­wä­gung aller schuld­re­le­van­ten Umstän­de

Über die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB ent­schei­det der Tatrich­ter nach sei­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen auf­grund einer Gesamt­ab­wä­gung aller schuld­re­le­van­ten Umstän­de.

Fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung – und die Gesamt­ab­wä­gung aller schuld­re­le­van­ten Umstän­de

Umstän­de. Einer revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung ist die Ent­schei­dung über die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung nur ein­ge­schränkt zugäng­lich; inso­weit steht dem Tatrich­ter ein wei­ter Ermes­sens­spiel­raum zu 1. Es ist Auf­ga­be des Tatrich­ters, auf der Grund­la­ge des umfas­sen­den Ein­drucks, den er in der Haupt­ver­hand­lung von der Tat und der Per­sön­lich­keit des Täters gewon­nen hat, die wesent­li­chen ent­las­ten­den und belas­ten­den Umstän­de fest­zu­stel­len und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen 2. Wel­chen Umstän­den er bestim­men­des Gewicht bei­misst, ist im Wesent­li­chen sei­ner Beur­tei­lung über­las­sen 3.

Im Rah­men der Ermes­sens­ent­schei­dung ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Schuld­ge­halt der Tat bei einer erheb­li­chen Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit in aller Regel ver­min­dert ist 4.

Beruht die erheb­li­che Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit jedoch auf zu ver­ant­wor­ten­der Trun­ken­heit, so spricht dies in der Regel gegen eine Straf­rah­men­ver­schie­bung, wenn sich auf­grund der per­sön­li­chen oder situa­ti­ven Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls das Risi­ko der Bege­hung von Straf­ta­ten infol­ge der Alko­ho­li­sie­rung vor­her­seh­bar signi­fi­kant erhöht hat 5. Dabei ist als all­ge­mein­kun­dig vor­aus­zu­set­zen, dass eine alko­ho­li­sche Berau­schung gene­rell die Hemm­schwel­le gegen­über sozi­al auf­fäl­li­gem und aggres­si­vem Ver­hal­ten zu sen­ken pflegt 6. Weiß der Täter oder muss er damit rech­nen, dass er unter Alko­hol­ein­fluss zu straf­ba­ren Ver­hal­tens­wei­sen neigt und trinkt er trotz­dem Alko­hol, so spricht dies in der Regel gegen die Annah­me einer Straf­rah­men­ver­schie­bung 7. Ein­schlä­gi­ger Vor­ver­ur­tei­lun­gen bedarf es inso­weit nicht 1. Die genann­ten Umstän­de erhö­hen die Schuld und kön­nen zur Ver­sa­gung einer Straf­rah­men­ver­schie­bung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB füh­ren, wenn sie die infol­ge der Her­ab­set­zung der Schuld­fä­hig­keit ver­min­der­te Tat­schuld auf­wie­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. August 2016 – 2 StR 504/​15

  1. BGH, Urteil vom 19.10.2004 – 1 StR 254/​04, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 37[][]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 28.04.2016 – 4 ARs 16/​15[]
  3. BGH, Urteil vom 02.08.2012 – 3 StR 132/​12, NStZ-RR 2012, 336 f.; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 46 Rn. 146 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 07.09.2015 – 2 StR 350/​15, NStZ-RR 2016, 74; BGH, Urteil vom 10.11.1954 – 5 StR 476/​54, BGHSt 7, 28, 30[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04, BGHSt 49, 239; BGH, Beschluss vom 10.05.2016 – 1 ARs 21/​15; Beschluss vom 01.03.2016 – 5 ARs 50/​15; wei­ter­ge­hend aber BGH, Beschluss vom 15.10.2015 – 3 StR 63/​15, NStZ 2016, 203; Urteil vom 27.03.2003 – 3 StR 435/​02, NJW 2003, 2394; Beschluss vom 28.04.2016 – 4 ARs 16/​15[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.02.2006 – 2 StR 419/​05, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 40[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.03.2014 – 1 StR 65/​14, NStZ-RR 2014, 238; und vom 10.05.2016 – 1 ARs 21/​15[]