Flucht­ge­fahr wegen Straf­ra­batt in den Nie­der­lan­den

Bei nie­der­län­di­schen Beschul­dig­ten, die eines Betäu­bungs­mit­tel­de­lik­tes drin­gend ver­däch­tig sind, ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Olden­burg von einer erhöh­ten Flucht­ge­fahr aus­zu­ge­hen, weil die Nie­der­lan­de die Aus­lie­fe­rung von Beschul­dig­ten zur Straf­ver­fol­gung nach Deutsch­land davon abhän­gig machen, dass eine in Deutsch­land ver­häng­te Frei­heits­stra­fe in den Nie­der­lan­den voll­streckt wird, wobei die Stra­fe im Wege der Umwand­lung dras­tisch redu­ziert wird.

Flucht­ge­fahr wegen Straf­ra­batt in den Nie­der­lan­den

Falls der Ange­schul­dig­te sich näm­lich in sein Hei­mat­land begä­be, um sich der wei­te­ren Durch­füh­rung des Straf­ver­fah­rens und der zu erwar­ten­den Straf­voll­stre­ckung in Deutsch­land zu ent­zie­hen, könn­ten die Nie­der­lan­de zwar um sei­ne Aus­lie­fe­rung ersucht wer­den. Jedoch haben sich die Nie­der­lan­de bei der Rati­fi­zie­rung des EuAl­ÜbK zu Art. 6 EuAl­ÜbK vor­be­hal­ten, dass nie­der­län­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge zum Zweck der Straf­ver­fol­gung nur aus­ge­lie­fert wer­den, wenn der ersu­chen­de Staat die Gewähr dafür bie­tet, dass der Ver­folg­te in die Nie­der­lan­de zurück­ge­bracht wer­den kann, um sei­ne Stra­fe dort zu ver­bü­ßen, falls nach sei­ner Aus­lie­fe­rung eine nicht zur Bewäh­rung aus­ge­setz­te Frei­heits­stra­fe oder eine frei­heits­ent­zie­hen­de Maß­nah­me gegen ihn ver­hängt wor­den ist 1. Nach der Hand­ha­bung der Nie­der­län­di­schen Jus­tiz kommt in Anse­hung die­ses Vor­be­halts die Aus­lie­fe­rung eines nie­der­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zudem nur unter der wei­te­ren Bedin­gung in Betracht, dass sich der um Aus­lie­fe­rung ersu­chen­de Staat auch mit dem so genann­ten Umwand­lungs­ver­fah­ren im Sin­ne von Art. 11 des Über­ein­kom­mens über die Über­stel­lung ver­ur­teil­ter Per­so­nen 2) ein­ver­stan­den erklärt 3.

Eine vom OLG Olden­burg in einem ande­ren Ver­fah­ren 4 im Jah­re 2006 durch­ge­führ­te Rück­fra­ge bei der für Aus­lie­fe­run­gen zustän­di­gen Stel­le im Nie­der­säch­si­schen Minis­te­ri­um der Jus­tiz hat erge­ben, dass bei der Anwen­dung des Umwand­lungs­ver­fah­rens durch die nie­der­län­di­schen Behör­den die in Deutsch­land ver­häng­te Stra­fe in eine nie­der­län­di­schen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen­de ange­mes­se­ne Stra­fe umge­wan­delt wird, die erfah­rungs­ge­mäß – und zwar gera­de bei soge­nann­ten Weich­dro­gen­de­lik­ten – eine nach deut­schem Recht als tat- und schuld­an­ge­mes­sen ange­se­he­ne Stra­fe ganz erheb­lich unter­schrei­tet. Anhalts­punk­te dafür, dass sich die­se Hand­ha­bung der nie­der­län­di­schen Jus­tiz seit­dem ver­än­dert hat, sind nicht ersicht­lich.

In einem vom OLG Olden­burg kürz­lich ent­schie­de­nen wei­te­ren Fall 5 hat das Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe­zen­trum Ams­ter­dam der dor­ti­gen Staats­an­walt­schaft (Arron­dis­se­ments­par­ket Ams­ter­dam – Inter­na­tio­naal Rechts­hulp Cen­trum Ams­ter­dam) die Aus­lie­fe­rung eines in Deutsch­land mit Haft­be­fehl gesuch­ten nie­der­län­di­schen Beschul­dig­ten aus­drück­lich davon abhän­gig gemacht, dass die deut­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den schrift­lich garan­tier­ten, dass der Beschul­dig­te eine etwai­ge Stra­fe in den Nie­der­lan­den ver­bü­ßen und das Umwand­lungs­ver­fah­ren ange­wen­det wer­den kann.

Die­se Ver­fah­rens­wei­se der Nie­der­lan­de bei der Aus­lie­fe­rung eige­ner Staats­an­ge­hö­ri­ger macht es im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren sehr wahr­schein­lich, dass sich der Beschul­dig­te, käme er in Frei­heit, sogleich in die Nie­der­lan­de absetz­te. Denn bereits der Grenz­über­tritt bewirk­te, dass eine vom deut­schen Gericht – im Fal­le einer Ver­ur­tei­lung – ver­häng­te Frei­heits­stra­fe spä­ter in den Nie­der­lan­den in eine wesent­lich nied­ri­ge­re Frei­heits­stra­fe umge­wan­delt wür­de, was letzt­lich zur Voll­stre­ckung einer erheb­lich gerin­ge­ren Stra­fe als nach deut­schem Recht gebo­ten führ­te. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass dem Beschul­dig­ten dies auch bewusst ist, zumal er von einem erfah­re­nen Rechts­an­walt ver­tei­digt wird

Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Beschluss vom 4. Novem­ber 2009 – 1 Ws 599/​09

  1. vgl. Bekannt­ma­chung des Bun­des­mi­nis­ters des Aus­wär­ti­gen vom 25. Janu­ar 1988, BGBl. II 1988, 155[]
  2. (BGBl II 1991, 1012[]
  3. vgl. auch Schom­burg u. a., Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 4. Auf­la­ge, Rdn. 4 zu Art. 6 EuAl­Übk[]
  4. OLG Olden­burg – HEs 14/​06[]
  5. OLG Olden­burg – 1 Ws 584/​09[]