Frei­spruch – und die Anfor­de­run­gen an das Urteil

Wird der Ange­klag­te aus tat­säch­li­chen Grün­den frei­ge­spro­chen, so müs­sen nach Mit­tei­lung des Ankla­ge­vor­wurfs im Urteil zunächst die­je­ni­gen Tat­sa­chen dar­ge­stellt wer­den, die das Tat­ge­richt für erwie­sen erach­tet. Erst auf die­ser Grund­la­ge ist in der Beweis­wür­di­gung dar­zu­le­gen, aus wel­chen Grün­den die zur Ver­ur­tei­lung not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen nicht getrof­fen wer­den konn­ten [1]; Urteil vom 21.10.2003 – 1 StR 544/​02, BGHR StPO § 267 Abs. 5 Frei­spruch 13, jew. mwN)).

Frei­spruch – und die Anfor­de­run­gen an das Urteil

Hier­durch wird das Revi­si­ons­ge­richt in die Lage ver­setzt, nach­prü­fen zu kön­nen, ob der Frei­spruch auf recht­lich beden­ken­frei­en Erwä­gun­gen beruht [2].

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tatrich­ters (§ 261 StPO). Spricht das Gericht einen Ange­klag­ten frei, weil es Zwei­fel an des­sen Täter­schaft nicht zu über­win­den ver­mag, so ist das vom Revi­si­ons­ge­richt in der Regel hin­zu­neh­men. Dem Tatrich­ter obliegt es, das Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung fest­zu­stel­len und zu wür­di­gen. Sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen brau­chen nicht zwin­gend zu sein, es genügt, dass sie mög­lich sind [3]. Dabei hat das Revi­si­ons­ge­richt die tatrich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung selbst dann hin­zu­neh­men, wenn eine ande­re Beur­tei­lung näher gele­gen hät­te oder über­zeu­gen­der gewe­sen wäre [4]. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung erstreckt sich allein dar­auf, ob dem Tatrich­ter Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind. Das ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist, oder gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­ge­set­ze ver­stößt [5]. Der Tatrich­ter ist gehal­ten, sich mit den von ihm fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen unter allen für die Ent­schei­dung wesent­li­chen Gesichts­punk­ten aus­ein­an­der zu set­zen, wenn sie geeig­net sind, das Beweis­ergeb­nis zu beein­flus­sen [6]. Die Anfor­de­run­gen an eine umfas­sen­de Wür­di­gung der fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen sind bei einem Frei­spruch nicht gerin­ger als im Fall der Ver­ur­tei­lung [7].

Der Tatrich­ter darf zudem kei­ne über­spann­ten Anfor­de­run­gen an die für eine Ver­ur­tei­lung erfor­der­li­che Gewiss­heit stel­len [8].

Im Hin­blick auf die Pro­ble­me der Stoff­fül­le und der Beweis­schwie­rig­kei­ten bei vie­len sexu­el­len Über­grif­fen auf ein allein als Beweis­mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen­des Kind dür­fen an die Indi­vi­dua­li­sier­bar­keit der ein­zel­nen Taten im Urteil kei­ne über­stei­ger­ten Anfor­de­run­gen gestellt wer­den [9]. Der Tatrich­ter muss sich aber, mög­lichst unter Kon­kre­ti­sie­rung der ein­zel­nen Hand­lungs­ab­läu­fe [10], wie bei jeder ande­ren Ver­ur­tei­lung auch die Über­zeu­gung ver­schaf­fen, dass es im gewis­sen Zeit­raum zu einer bestimm­ten Min­dest­an­zahl von Straf­ta­ten gekom­men ist [11]. Dabei muss das Tat­ge­richt dar­le­gen, aus wel­chen Grün­den es die Über­zeu­gung gera­de von die­ser Min­dest­zahl von Straf­ta­ten gewon­nen hat [12]. Ist eine Indi­vi­dua­li­sie­rung ein­zel­ner Taten man­gels Beson­der­hei­ten im Tat­bild oder der Tat­um­stän­de nicht mög­lich, sind zumin­dest die Anknüp­fungs­punk­te zu bezeich­nen, anhand derer der Tatrich­ter den Tat­zeit­raum ein­grenzt und auf die sich sei­ne Über­zeu­gung von der Min­dest­zahl und der Bege­hungs­wei­se der Miß­brauch­s­ta­ten des Ange­klag­ten in die­sem Zeit­raum grün­det [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Febru­ar 2018 – 2 StR 431/​17

  1. BGH, Urteil vom 08.05.2014 – 1 StR 722/​13, NStZ-RR 2014, 220 ((Ls.[]
  2. BGH, Urteil vom 08.05.2014 – 1 StR 722/​13, aaO; Urteil vom 05.02.2013 – 1 StR 405/​12, NJW 2013, 1106, jew. mwN[]
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 06.09.2016 – 1 StR 104/​15 33, Urteil vom 12.02.2015 – 4 StR 420/​14, NStZ-RR 2015, 148 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24.03.2015 – 5 StR 521/​14, NStZ-RR 2015, 178, 179[]
  5. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 13.07.2016 – 1 StR 94/​16 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 12.02.2015 – 4 StR 420/​14, aaO[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 17.03.2009 – 1 StR 479/​08, NStZ 2009, 512, 513[]
  8. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 26.07.2016 – 1 StR 607/​15 12[]
  9. BGH, Beschluss vom 25.03.2010 – 5 StR 83/​10 8; Beschluss vom 10.05.1994 – 5 StR 239/​94, NStZ 1994, 502[]
  10. BGH, Beschluss vom 25.03.2010 – 5 StR 83/​10, aaO; Beschluss vom 20.06.2001 – 3 StR 166/​01, StV 2002, 523; Beschluss vom 24.08.1994 – 1 StR 432/​94, NStZ 1995, 78[]
  11. BGH, Beschluss vom 27.03.1996 – 3 StR 518/​95, BGHSt 42, 107, 110[]
  12. BGH, Beschluss vom 05.03.2008 – 5 StR 611/​07, BGHSt 42, 107, 109; Beschluss vom 25.03.2010 – 5 StR 83/​10, aaO[]
  13. BGH, Beschluss vom 20.06.2001 – 3 StR 166/​01, aaO; Beschluss vom 12.11.1997 – 3 StR 559/​97, NStZ 1998, 208[]