Frei­spruch aus Not­wehr – und die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen

Das Tat­ge­richt ist gemäß § 267 Abs. 5 Satz 1 StPO aus sach­lich­recht­li­chen Grün­den ver­pflich­tet, all das fest­zu­stel­len und dar­zu­le­gen, was für die Beur­tei­lung des Tat­vor­wurfs rele­vant und zur Über­prü­fung des Frei­spruchs durch das Revi­si­ons­ge­richt auf Rechts­feh­ler not­wen­dig ist.

Frei­spruch aus Not­wehr – und die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen

Dazu gehört bei einem Frei­spruch aus Not­wehr auch, dass deren Vor­aus­set­zun­gen in revi­si­ons­recht­lich nach­prüf­ba­rer Wei­se dar­ge­legt wer­den 1.

Die Begrün­dung muss im Hin­blick auf den der recht­li­chen Wür­di­gung zugrun­de geleg­ten Sach­ver­halt so abge­fasst sein, dass das Revi­si­ons­ge­richt prü­fen kann, ob dem Tat­ge­richt bei der Ermitt­lung die­ses Sach­ver­halts Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind, das heißt, ob die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist, ob sie gegen Denk­ge­set­ze ver­stößt oder ob das Tat­ge­richt an die für eine Ver­ur­tei­lung erfor­der­li­che Gewiss­heit über­spann­te Anfor­de­run­gen gestellt hat 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt das Urteil in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall noch:

Zwar lässt sich dem Abschnitt zu den Fest­stel­lun­gen für sich genom­men der Gesche­hens­ab­lauf wie er der recht­li­chen Wür­di­gung zugrun­de gelegt wor­den ist, nicht in der erfor­der­li­chen Bestimmt­heit ent­neh­men. Da aber die schrift­li­chen Urteils­grün­de eine Ein­heit bil­den, deren tat­säch­li­che Anga­ben auch dann berück­sich­tigt wer­den müs­sen, wenn sie sich in ver­schie­de­nen und dabei auch in sol­chen Zusam­men­hän­gen befin­den, in denen sie nach dem übli­chen Urteils­auf­bau nicht erwar­tet wer­den 3, kann für die voll­stän­di­ge tat­säch­li­che Grund­la­ge der Ent­schei­dung auch auf die dies­be­züg­li­chen Aus­füh­run­gen in der Beweis­wür­di­gung und der recht­li­chen Wür­di­gung zurück­ge­grif­fen wer­den. Dort hat das Land­ge­richt klar und wider­spruchs­frei aus­ge­führt, die Ein­las­sung des Ange­klag­ten nicht wider­le­gen zu kön­nen, der Neben­klä­ger habe ihn zunächst mit der Bier­fla­sche gegen den Kopf geschla­gen und er habe dann das Mes­ser gegen wei­te­re befürch­te­te Angrif­fe durch den zu einer wei­te­ren Atta­cke berei­ten Neben­klä­ger mit­tels des Fla­schen­hal­ses ein­ge­setzt. Danach ergibt sich ein­deu­tig, dass das Land­ge­richt von dem Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen ist, wie er in dem fest­stel­len­den Teil mit "mög­li­cher­wei­se" ein­ge­lei­tet wird. Wei­ter erge­ben die Urteils­grün­de mit der erfor­der­li­chen Klar­heit und Wider­spruchs­frei­heit, dass das Land­ge­richt der recht­li­chen Wür­di­gung zugrun­de gelegt hat, dass der ers­te Angriff durch den Neben­klä­ger erfolg­te und dass die Abwehr­hand­lung sich im Rah­men eines in hohem Maße dyna­mi­schen und in Sekun­den­bruch­tei­len ablau­fen­den Gesche­hens ohne Zäsur ereig­ne­te.

Dies erlaubt dem Revi­si­ons­ge­richt in aus­rei­chen­der Wei­se, einen bestimm­ten, wider­spruchs­frei­en Sach­ver­halt sei­ner recht­li­chen Über­prü­fung zu Grun­de zu legen. Die Begrün­dung für die Ermitt­lung die­ses Sach­ver­halts lässt sich den Urteils­grün­den auch ein­deu­tig ent­neh­men. Damit ist eine revi­si­ons­recht­li­che Nach­prü­fung des Schuld­spruchs mög­lich und dem­entspre­chend den Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen genügt.

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tat­ge­richts. Ihm allein obliegt es, das Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung fest­zu­stel­len und zu wür­di­gen. Sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen brau­chen nicht zwin­gend zu sein; es genügt, dass sie mög­lich sind. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung beschränkt sich inso­weit dar­auf, ob dem Tat­ge­richt bei der ihm oblie­gen­den Fest­stel­lung und Wür­di­gung des Ergeb­nis­ses der Haupt­ver­hand­lung Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind. Dies ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Urteils­grün­de wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft sind oder gegen die Denk­ge­set­ze oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen oder wenn an die zur Ver­ur­tei­lung erfor­der­li­che Gewiss­heit über­spann­te Anfor­de­run­gen gestellt wer­den 4.

Das Land­ge­richt hat die wesent­li­chen für die Ent­schei­dungs­fin­dung bedeut­sa­men Gesichts­punk­te zu erör­tern und die­se auch im Rah­men der erfor­der­li­chen Gesamt­schau 5 abzu­wie­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. März 2017 – 1 StR 486/​16

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.07.2008 – 2 StR 150/​08, BGHSt 52, 314; und vom 13.11.2008 – 5 StR 384/​08, NStZ-RR 2009, 70[]
  2. st. Rspr.; BGH, Urtei­le vom 10.08.1994 – 3 StR 705/​93, BGHR StPO § 267 Abs. 5 Frei­spruch 10 mwN; vom 11.02.2014 – 1 StR 485/​13, BGHSt 59, 177; und vom 27.11.2014 – 3 StR 334/​14[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 26.05.1987 – 1 StR 110/​87, BGHR StPO § 267 Abs. 1 Satz 1, Fest­stel­lun­gen 1 – Zusam­men­hang der Urteils­grün­de; Beschluss vom 05.12 2008 – 2 StR 424/​08[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 11.11.2015 – 1 StR 235/​15, NStZ-RR 2016, 47 mwN; und vom 13.07.2016 – 1 StR 94/​16[]
  5. vgl. hier­zu BGH, Urtei­le vom 06.02.2002 – 1 StR 513/​01, NJW 2002, 2188, 2189; und vom 02.12 2015 – 1 StR 292/​15, NStZ-RR 2016, 150[]