Füh­ren eines Kraft­fahr­zeugs unter Dro­gen­ein­fluss – bei gleich­zei­ti­gem Besitz der Dro­gen wäh­rend der Fahrt

Das Füh­ren eines Kraft­fahr­zeugs unter Dro­gen­ein­wir­kung und der gleicht­zei­ti­ge Dro­gen­be­sitz stel­len nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Braun­schweig im Regel­fall kei­ne Tat im pro­zes­sua­len Sin­ne dar 1. Die recht­kräf­ti­ge Ver­ur­tei­lung wegen der Ver­kehrs­ord­nungs­wid­rig­keit gem. § 24a Abs. 2 StVG hin­dert die Ver­fol­gung der Straf­tat wegen uner­laub­ten Besit­zes von Ber­täu­bungs­mit­tel gem. § 29 Abs. 1 Nr. 3 BtMG des­halb im Regel­fall nicht.

Füh­ren eines Kraft­fahr­zeugs unter Dro­gen­ein­fluss – bei gleich­zei­ti­gem Besitz der Dro­gen wäh­rend der Fahrt

Das in der Buß­geld­sa­che rechts­kräf­tig gewor­de­ne Urteil steht der Ver­fol­gung des Vor­wurfs des Ver­sto­ßes gegen das Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz nicht ent­ge­gen. Es ist kein Straf­kla­ge­ver­brauch ein­ge­tre­ten. Zwi­schen der vor­lie­gen­den Tat nach § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 BtMG und der­je­ni­gen gem. § 24a Abs. 2 StVG besteht, so das OLG Braun­schweig, weder mate­ri­ell-recht­li­che Tat­ein­heit noch liegt eine Tat im pro­zes­sua­len Sinn (§ 264 StPO) vor.

Aus­gangs­punkt der Bewer­tung ist die mate­ri­ell-recht­li­che Betrach­tung. Zwar ist der pro­zes­sua­le Tat­be­griff im Ver­hält­nis zum mate­ri­el­len Recht selb­stän­dig 2; jedoch sind mate­ri­ell-recht­lich selb­stän­di­ge Taten in der Regel auch pro­zes­su­al selb­stän­dig 3, falls nicht wei­ter­ge­hen­de Umstän­de die Annah­me einer Tat im Sin­ne des § 264 Abs. 1 StPO recht­fer­ti­gen 4. Letz­te­res wird ange­nom­men, wenn die Hand­lun­gen inner­lich so ver­knüpft sind, dass nur ihre gemein­sa­me Wür­di­gung erlaubt ist, eine getrenn­te Wür­di­gung sowie Abur­tei­lung in ver­schie­de­nen Ver­fah­ren mit­hin als unna­tür­li­che Auf­spal­tung eines ein­heit­li­chen Lebens­vor­gangs emp­fun­den wür­de 5.

Zwi­schen bei­den Taten – der Rausch­tat und dem uner­laub­ten Besitz von Betäu­bungs­mit­teln – besteht schon kei­ne Tat­ein­heit, was grund­sätz­lich vor­aus­set­zen wür­de, dass meh­re­re Straf­ge­set­ze durch eine ein­zi­ge Hand­lung ver­letzt wer­den und sich die objek­ti­ven Aus­füh­rungs­hand­lun­gen der meh­re­ren Tat­be­stän­de voll­stän­dig decken 6.

Die objek­ti­ven tat­be­stand­li­chen Aus­füh­rungs­hand­lun­gen der vor­lie­gend zu betrach­ten­den bei­den Delik­te decken sich aber nicht ein­mal teil­wei­se; sie stel­len bei natür­li­cher Betrach­tungs­wei­se – unge­ach­tet der zeit­li­chen Über­schnei­dung bei der Tat­be­ge­hung – zwei selb­stän­di­ge, auf geson­dert gefass­ten Tatent­schlüs­sen beru­hen­de kör­per­li­che Wil­lens­be­tä­ti­gungs­ak­te dar. Eine ein­heit­li­che Hand­lung liegt den bei­den gegen den Beschwer­de­füh­rer ergan­ge­nen Schuld­sprü­chen des­we­gen nicht zugrun­de, weil der Ange­klag­te die tat­säch­li­che Gewalt über die Betäu­bungs­mit­tel nicht dadurch aus­üb­te, dass er sei­nen PKW unter dem Ein­fluss von Betäu­bungs­mit­teln führ­te. Dass er bei Gele­gen­heit sei­ner Fahrt mit dem PKW im Besitz von Betäu­bungs­mit­teln ange­trof­fen wur­de, stellt einen zufäl­li­gen äuße­ren Umstand dar. Eine inne­re Ver­knüp­fung bei­der Hand­lun­gen, die über die blo­ße Gleich­zei­tig­keit hin­aus­gin­ge, ist dar­in nicht zu sehen. Denn der Ange­klag­te hät­te die tat­säch­li­che Sach­herr­schaft über das Rausch­gift auch dann nicht ver­lo­ren, wenn er nicht als Füh­rer eines PKW am öffent­li­chen Stra­ßen­ver­kehr teil­ge­nom­men, son­dern das in sei­ner Jacke ver­wahr­te Mari­hua­na auf der Fahrt zu sei­nem Freund, mit dem er die Dro­gen gemein­sam kon­su­mie­ren woll­te, als Pas­sa­gier eines belie­bi­gen Ver­kehrs­mit­tels mit sich geführt hät­te.

Die somit sach­lich-recht­lich selb­stän­di­ge Taten sind grund­sätz­lich auch pro­zes­su­al selb­stän­dig. Eine unlös­ba­re inne­re Ver­knüp­fung zwei­er Hand­lun­gen, die über die blo­ße Gleich­zei­tig­keit ihrer Aus­füh­rung hin­aus­gin­ge, liegt nicht vor, wenn der Täter – wie hier – mit einem Kraft­fahr­zeug unter der Wir­kung berau­schen­der Mit­tel fährt und hier­bei Betäu­bungs­mit­tel ohne einen erkenn­ba­ren Bezie­hungs- bzw. Bedin­gungs­zu­sam­men­hang als Teil sei­nes per­sön­li­chen Gewahr­sams mit sich führt. Bei­de Tat­be­stän­de knüp­fen zwar an die Exis­tenz eines Betäu­bungs­mit­tels (im Blut bzw. als kör­per­li­che Sache) an, grei­fen aber in ihrer Struk­tur nicht inein­an­der. Die Fahrt ver­folgt in einem sol­chen Fall – anders als in den Trans­port- oder Flucht­fäl­len – nicht den Zweck, den Dro­gen­be­sitz auf­recht­zu­er­hal­ten bzw. abzu­si­chern; die Bege­hung der Ver­kehrs­ord­nungs­wid­rig­keit dient nicht dazu, die Betäu­bungs­mit­tel zu trans­por­tie­ren, zu finan­zie­ren, an einen siche­ren Ort zu brin­gen, sie zu ver­ste­cken oder dem staat­li­chen Zugriff zu ent­zie­hen. Die Ver­la­ge­rung des Besit­zes an einen ande­ren Ort unter Ver­wen­dung des Kraft­fahr­zeugs ist ledig­lich die zwangs­läu­fi­ge Begleit­fol­ge der Ent­schei­dung, auf der Besuchs­fahrt zum Freund die­ses pri­va­te Ver­kehrs­mit­tel und kei­ne öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel zu nut­zen. Auf das Wei­ter­be­stehen des zeit­glei­chen Besit­zes der BTM hat dies aber kei­ner­lei Aus­wir­kun­gen, weil – wie bereits aus­ge­führt – der Ange­klag­te die tat­säch­li­che Sach­herr­schaft über das Rausch­gift auch dann glei­cher­ma­ßen behal­ten hät­te, wenn er das in sei­ner Jacke ver­wahr­te Mari­hua­na als Pas­sa­gier eines belie­bi­gen Ver­kehrs­mit­tels mit sich geführt hät­te.

Da die Mit­nah­me der Betäu­bungs­mit­tel sich auch nicht auf die Fahr­tä­tig­keit als sol­che aus­ge­wirkt hat und auch nicht aus­wir­ken soll­te, was zu beden­ken gewe­sen wäre, wenn der der Ange­klag­te das Mari­hua­na des­halb bei sich geführt hät­te, um sich durch den Kon­sum der Dro­gen als Genuss- oder Auf­putsch­mit­tel die Fahrt zu erleich­tern, gibt es daher ins­ge­samt kei­ner­lei tat­säch­li­che Anknüp­fungs­punk­te, die die Annah­me einer ein­heit­li­chen Tat recht­fer­ti­gen könn­ten 7.

Die Ent­schei­dung des OLG Köln vom 05.10.2004 8, der ein ver­gleich­ba­rer Fall zugrun­de lag, macht kei­ne Diver­genz­vor­la­ge not­wen­dig, weil die Rechts­la­ge schon durch den Bun­des­ge­richts­hof im Sin­ne der vor­ste­hen­das OLG-Ent­schei­dung geklärt ist.

Schließ­lich gebie­ten auch rein recht­li­che Erwä­gun­gen, hier ins­be­son­de­re der Gesichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes, der bei der Anwen­dung des Art. 103 Abs. 3 GG im Ein­zel­fall die Annah­me einer ein­heit­li­chen Tat erfor­der­lich machen kann, kei­ne ande­re Beur­tei­lung, weil dem Ange­klag­ten auf­grund des ihm (auf­grund Akten­ein­sicht sei­nes Ver­tei­di­ger) zur Kennt­nis gelang­ten Abschluss­ver­fü­gung der Staats­an­walt­schaft früh­zei­tig bekannt gewor­den war, dass den Vor­wür­fen des Ver­sto­ßes gegen das Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz einer­seits und der Ver­kehrs­ord­nungs­wid­rig­keit ande­rer­seits in getrenn­ten Ermitt­lungs­ver­fah­ren nach­ge­gan­gen wur­de. Der Ange­klag­te konn­te daher nicht davon aus­ge­hen, dass das zuerst in der Buß­geld­sa­che rechts­kräf­tig gewor­de­ne Urteil des Amts­ge­richts Braun­schweig den Vor­wurf des Ver­sto­ßes gegen das Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz mit­er­fasst hat.

Ob das Ober­lan­des­ge­richt an sei­ner Ent­schei­dung vom 19.01.2001 9, die das Land­ge­richt zur Begrün­dung der gegen­tei­li­gen Ansicht her­an­ge­zo­gen hat, ange­sichts der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 27.04.2004 10 wei­ter fest­hal­ten wür­de, muss nicht ent­schie­den wer­den, weil die Sach­ver­hal­te nicht iden­tisch sind.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Urteil vom 10. Okto­ber 2014 – 1 Ss 52/​14

  1. ent­ge­gen OLG Köln, Beschluss vom 05.10.2004 – 8 Ss-OWi 25/​04[]
  2. BGH, Beschluss vom 24.07.1987 – 3 StR 86/​87, BGHSt 35, 14, 19; BGH, Urteil vom 16.03.1989 – 4 StR 60/​89, BGHSt 36, 151, 154[]
  3. BGHSt a.a.O[]
  4. BGH, Urtei­le vom 16.03.1989 – 4 StR 60/​89, BGHSt 36, 151; und vom 29.09.1987 – 4 StR 376/​87, BGHSt 35, 60, 64; OLG Braun­schweig, Beschluss vom 02.05.2012 – Ss (OWi) 72/​11; juris[]
  5. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 24.11.2004 – 5 StR 206/​04, BGHSt 49, 359, 362 m.wNw., BGH, Beschluss vom 15.03.2012 – 5 StR 288/​11[]
  6. vgl. Stern­berg-Lie­ben/Bosch, in: Schönke/​Schröder, StGB 29. Aufl., Rdnrn. 6/​8 zu § 52[]
  7. vgl. ins­ge­samt: BGH, Beschluss vom 27.04.2004 – 1 StR 466/​03 –[]
  8. OLG Köln, Beschluss vom 05.10.2004 – 8 Ss-OWi 25/​04[]
  9. OLG Braun­schweig, Beschluss vom 19.01.2001 – 1 Ss (S) 65/​00, StV 2002, 241 – es geht dort um einen Laden­dieb­stahl unter Dro­gen­ein­fluss[]
  10. BGH, Beschluss vom 27.04.2004 – 1 StR 466/​03[]