Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz – als beson­de­res per­sön­li­ches Merkmal

Die Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz ist ein beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal im Sin­ne von § 28 Abs. 1 StGB.

Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz – als beson­de­res per­sön­li­ches Merkmal

Eine Mil­de­rung nach § 28 Abs. 1 StGB ist zu gewäh­ren, wenn beson­de­re per­sön­li­che Merk­ma­le (§ 14 Abs. 1 StGB) beim Teil­neh­mer feh­len, wel­che die Straf­bar­keit des Täters begrün­den. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird zwi­schen täter­be­zo­ge­nen per­sön­li­chen Merk­ma­len, die als beson­de­re per­sön­li­che Merk­ma­le im Sin­ne des § 28 Abs. 1 StGB behan­delt wer­den, und tat­be­zo­ge­nen per­sön­li­chen Merk­ma­len, auf wel­che die Vor­schrift kei­ne Anwen­dung fin­det, unter­schie­den1.

Die Abgren­zung hängt davon ab, ob das betref­fen­de Merk­mal im Schwer­ge­wicht die Tat oder die Per­sön­lich­keit des Täters kenn­zeich­net2. Umstän­de, die eine beson­de­re Gefähr­lich­keit des Täter­ver­hal­tens anzei­gen oder die Aus­füh­rungs­art des Delikts beschrei­ben, sind in der Regel tat­be­zo­gen3. Im Bereich der durch Pflich­ten gekenn­zeich­ne­ten Merk­ma­le ist für die Abgren­zung letzt­lich maß­geb­lich, wel­che Art von Pflicht das Merk­mal umschreibt. Han­delt es sich um eine vor­straf­recht­li­che Son­der­pflicht, wird eher die Per­sön­lich­keit des Täters gekenn­zeich­net, ist das Merk­mal täter­be­zo­gen. Han­delt es sich dage­gen um ein straf­recht­li­ches, an jeder­mann gerich­te­tes Gebot, wird eher die Tat gekenn­zeich­net, ist das Merk­mal tat­be­zo­gen4.

Eine Straf­rah­men­ver­schie­bung ist dabei nach § 28 Abs. 1 StGB immer dann ange­zeigt, wenn der Teil­neh­mer anders als sein Mit­tä­ter im Hin­blick auf die Erfolgs­ab­wen­dung kei­ne Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz hat­te. Denn die­se Garan­ten­stel­lung ist ein straf­bar­keits­be­grün­den­des beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal im Sin­ne die­ser Vorschrift.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich zu der Fra­ge, ob die Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz ein beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal im Sin­ne des § 28 Abs. 1 StGB ist, noch nicht tra­gend geäu­ßert. Der 5. Straf­se­nat hat in sei­nem Urteil vom 25.01.19955 aus­drück­lich offen­ge­las­sen, ob und inwie­weit die aus den Garan­ten­stel­lun­gen der unech­ten Unter­las­sungs­de­lik­te flie­ßen­den Pflich­ten beson­de­re per­sön­li­che Merk­ma­le sind. Er hat in die­sem Zusam­men­hang aller­dings aus­ge­führt, dass der Garant, der zur Erfolgs­ab­wen­dung ver­pflich­tet sei, viel­fach die Ver­ant­wor­tung für einen bestimm­ten Lebens­be­reich tra­ge und sei­ne Haf­tung häu­fig auf einer vor­straf­recht­li­chen Son­der­pflicht mit einem star­ken per­sön­li­chen Ein­schlag beruhe.

In der Lite­ra­tur wer­den hier­zu unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen vertreten.

Nach einem Teil der Lite­ra­tur ist die die Hand­lungs­pflicht des Täters und sei­ne Straf­bar­keit wegen eines unech­ten Unter­las­sungs­de­likts begrün­den­de Garan­ten­stel­lung gene­rell ein beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal im Sin­ne von § 28 Abs. 1 StGB6. Sie cha­rak­te­ri­sie­re den Täter und sei des­sen beson­de­re per­sön­li­che Ver­pflich­tung zur Erfolgs­ab­wen­dung. Die Garan­ten­stel­lung unter­schei­de sich struk­tu­rell nicht von den Pflich­ten des Amts­trä­gers oder des Täters der Untreue, die im Rah­men ihrer Auf­ga­ben in glei­cher Wei­se wie der Unter­las­sungs­tä­ter Garan­ten der ihnen anver­trau­ten Güter sei­en. Der Gehil­fe habe eine sol­che täter­be­zo­ge­ne Schutz­pflicht dage­gen nicht, wes­halb eine Straf­rah­men­ver­schie­bung ange­mes­sen sei.

Die Gegen­auf­fas­sung lehnt eine Anwen­dung des § 28 Abs. 1 StGB auf Garan­ten­stel­lun­gen ab7. Die­se hät­ten ledig­lich die Funk­ti­on, posi­ti­ves Tun und Unter­las­sen bei der Zurech­nung des tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolgs gleich­zu­stel­len. Die Bege­hungs­tat und die unech­te Unter­las­sungs­tat hät­ten den­sel­ben Straf­rah­men, wes­halb die Garan­ten­stel­lung das Tat­un­recht nicht erhö­he. Wenn dem Täter bei­de Vari­an­ten zur Ver­fü­gung stün­den, erschei­ne es nicht sach­ge­recht, dem nicht garan­ten­pflich­ti­gen Teil­neh­mer eines unech­ten Unter­las­sungs­de­likts eine Straf­mil­de­rung zuzu­ge­ste­hen, dem Teil­neh­mer an einem durch akti­ves Tun ver­wirk­lich­ten Tat­be­stand hin­ge­gen nicht.

Eine dif­fe­ren­zie­ren­de Mei­nung hält jeden­falls die Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz bzw. die Stel­lung als Über­wa­chungs­ga­rant für kein beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal8. Die Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz sei von der Per­son des Han­deln­den los­ge­löst, weil die Über­wa­chungs­pflicht an ein pflicht­wid­ri­ges Vor­ver­hal­ten anknüp­fe. Anders als die ande­ren Garan­ten­stel­lun­gen ent­ste­he sie erst kurz vor der Tat durch situa­ti­ve – also tat­be­zo­ge­ne – Umstän­de. „Vor­tä­ter“ kön­ne jeder­mann sein, ohne die Garan­ten­stel­lung durch einen beson­de­ren Ver­trau­ens­akt erwor­ben zu haben.

Der Bun­des­ge­richts­hof erach­tet die Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz als straf­bar­keits­be­grün­den­des beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal im Sin­ne von § 28 Abs. 1 StGB und schließt sich den Argu­men­ten der erst­ge­nann­ten Lite­ra­tur­mei­nung an.

Ein Garant aus Inge­renz ist auf­grund sei­nes pflicht­wid­ri­gen Vor­ver­hal­tens, das die nahe Gefahr des tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolgs ver­ur­sacht hat, zur Erfolgs­ab­wen­dung ver­pflich­tet9. Die­se Ver­pflich­tung ist eine Son­der­pflicht mit star­kem per­sön­li­chen Ein­schlag. Sie rich­tet sich nicht an jeder­mann, son­dern nur an den­je­ni­gen, der sich vor der Tat pflicht­wid­rig ver­hal­ten und die Gefahr geschaf­fen hat. Nur der Garant trägt per­sön­lich die Ver­ant­wor­tung für die Abwen­dung des tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfol­ges. Die Garan­ten­stel­lung ist aus­schließ­lich in sei­ner Per­son ver­an­kert und kenn­zeich­net damit die Per­sön­lich­keit des Unter­las­sungs­tä­ters. Das unter­schei­det sie maß­geb­lich von der im Straf­tat­be­stand der unter­las­se­nen Hil­fe­leis­tung gemäß § 323c Abs. 1 StGB nor­mier­ten Hilfs­pflicht, die für jeder­mann besteht. Ein struk­tu­rel­ler Unter­schied zu den Pflich­ten eines Amts­trä­gers oder eines Täters der Untreue besteht nicht. Nach den von der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen zur Abgren­zung zwi­schen täter- und tat­be­zo­ge­nen Merk­ma­len, an denen der Bun­des­ge­richts­hof fest­hält, kommt es nicht ent­schei­dend dar­auf an, ob die vor­straf­recht­li­che Son­der­pflicht auf einem beson­de­ren Ver­trau­ens­akt beruht. Schließ­lich steht der Qua­li­fi­zie­rung der Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz als straf­bar­keits­be­grün­den­des beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal nicht ent­ge­gen, dass ihre Ent­ste­hung an situa­ti­ve Umstän­de des Vor­ver­hal­tens anknüpft. Hier­bei han­delt es sich nur um die pflich­ten­be­grün­den­den Gege­ben­hei­ten des Vor­ge­sche­hens. Sie sind gera­de kei­ne tat­be­zo­ge­nen Umstän­de der spä­te­ren Unter­las­sungs­tat, die eine beson­de­re Gefähr­lich­keit des Täter­ver­hal­tens anzei­gen oder die Aus­füh­rungs­art des Delikts beschreiben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. März 2021 – 4 StR 416/​20

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.09.1993 – 2 StR 336/​93, BGHSt 39, 326, 327 f.; vom 25.01.1995 – 5 StR 491/​94, BGHSt 41, 1 f. mwN; und vom 23.10.2018 – 1 StR 454/​17, BGHSt 63, 282 ff.[]
  2. st. Rspr.; BGH, Urtei­le vom 29.09.1993 – 2 StR 336/​93, BGHSt 39, 326, 328; vom 25.01.1995 – 5 StR 491/​94, BGHSt 41, 1 f. mwN; und vom 23.10.2018 – 1 StR 454/​17, BGHSt 63, 282 ff.; Beschluss vom 22.01.2013 – 1 StR 234/​12, BGHSt 58, 115, 117 f.[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.01.1995 – 5 StR 491/​94, BGHSt 41, 1, 2 mwN; und vom 23.10.2018 – 1 StR 454/​17, BGHSt 63, 282 ff.[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.01.1995 – 5 StR 491/​94, BGHSt 41, 1, 4 f. mwN; und vom 23.10.2018 – 1 StR 454/​17, BGHSt 63, 282 ff.; Beschluss vom 22.01.2013 – 1 StR 234/​12, BGHSt 58, 115, 117 f.[]
  5. 5 StR 491/​94, BGHSt 41, 1 ff.[]
  6. vgl. SK-StGB/Ho­yer, StGB, 9. Aufl., § 28 Rn. 35; LKStGB/​Weigend, 13. Aufl., § 13 Rn. 87; Heine/​Weißer in Schönke/​Schröder, StGB, 30. Aufl., § 28 Rn.19; SSW-StGB/­Kud­lich, 5. Aufl., § 13 Rn. 49; SSWStGB/​Murmann, 5. Aufl., § 28 Rn. 8; NK-StGB/Pup­pe, 5. Aufl., § 28 Rn. 72; Eisele in Baumann/​Weber, Straf­recht AT, 12. Aufl., § 26 Rn. 151; Ingel­fin­ger in Dölling/​Duttge/​König/​Rössner, Gesam­tes Straf­recht, 4. Aufl., § 28 Rn. 7; Jakobs, Straf­recht AT, 2. Aufl., 23. Abschn. Rn. 25; Lan­ger in Fest­schrift Lan­ge, 1992, S. 241, 262; Vog­ler in Fest­schrift Lan­ge, 1992, S. 283; Wessels/​Beulke/​Satzger, Straf­recht AT, 49. Aufl., § 16 – IV 1 Rn. 873; Ren­gier, Straf­recht AT, 11. Aufl., § 51 Rn. 9; Satz­ger, Jura 2015, 1055, 1060 f.; Grunst, NStZ 1995, 548, 551; Hake, JR 1996, 161, 164; Hin­de­rer JA 2009, 25, 28[]
  7. vgl. Münch­Komm-StGB/­Freund, 4. Aufl., § 13 Rn. 261 ff.; Haas in Matt/​Renzikowski, StGB, 2. Aufl., § 28 Rn. 15; Lackner/​Kühl, StGB, 29. Aufl., § 28 Rn. 6; LK-StGB/­Schü­ne­mann, 12. Aufl., § 28 Rn. 58; Jescheck/​Weigend, Lehr­buch des Straf­rechts AT, 5. Aufl., S. 658; Freund in Fest­schrift Herz­berg, 2008, S. 225, 238 mwN; Schlüch­ter in Fest­schrift Sal­ger, 1995, S. 139, 143 mwN; Gep­pert, ZStW 82 (1970), 40, 70; Herz­berg, ZStW 88 (1976), 68, 109; Arzt JA 1980, 553, 557; Ranft, JZ 1995, 1186, 1187; wider­sprüch­lich Fischer, StGB, 68. Aufl., § 13 Rn. 93 [ableh­nend] und § 28 Rn. 5a [befür­wor­tend][]
  8. vgl. Renz­i­kow­ski in Maurach/​Gössel/​Zipf, Straf­recht AT, Teil­band 2, 8. Aufl., § 53 Rn. 74; Otto in Fest­schrift Gös­sel, 2002, S. 99, 109 ff.; ders., Jura 2004, 469, 473; Vale­ri­us, Jura 2013, 15, 19; Herz­berg, GA 1991, 145, 162[]
  9. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 25.09.1991 – 3 StR 95/​91, BGHR § 13 Abs. 1 Garan­ten­stel­lung 7; vom 23.09.1997 – 1 StR 430/​97, NStZ 1998, 83; jeweils mwN[]

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