Gefähr­li­cher Ein­griff in den Stra­ßen­ver­kehr – und der Täter-Opfer-Aus­gleich

Der ver­typ­te Straf­mil­de­rungs­grund des § 46a Nr. 1 StGB ist auf den vor­sätz­li­chen Ein­griff in den Stra­ßen­ver­kehr nach § 315b StGB nicht anwend­bar.

Gefähr­li­cher Ein­griff in den Stra­ßen­ver­kehr – und der Täter-Opfer-Aus­gleich

Obgleich § 46a StGB nach sei­nem Wort­laut in bei­den Vari­an­ten für alle Delik­te gilt 1, kön­nen sich aus den ver­schie­de­nen tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, die in den Num­mern 1 und 2 der Bestim­mung fest­ge­schrie­ben sind, Anwen­dungs­be­schrän­kun­gen erge­ben 2. Im Gegen­satz zu § 46a Nr. 2 StGB, der vor­wie­gend den mate­ri­el­len Scha­dens­aus­gleich betrifft und des­halb hier nicht ein­schlä­gig ist, zielt § 46a Nr. 1 StGB vor­ran­gig auf den Aus­gleich der imma­te­ri­el­len Fol­gen einer Straf­tat ab 3. Dazu bedarf es eines kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zes­ses zwi­schen Täter und Opfer, der auf einen umfas­sen­den, frie­dens­stif­ten­den Aus­gleich der durch die Straf­tat ver­ur­sach­ten Fol­gen ange­legt ist 4. Dafür ist eine von bei­den Sei­ten akzep­tier­te, ernst­haft mit­ge­tra­ge­ne Rege­lung Vor­aus­set­zung. Das Bemü­hen des Täters muss Aus­druck der Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung sein und das Opfer muss die Leis­tung des Täters als frie­dens­stif­ten­den Aus­gleich akzep­tie­ren 5. Dies und der Wort­laut des § 46a Nr. 1 StGB schlie­ßen eine Anwen­dung die­ser Vor­schrift auf "opfer­lo­se" Delik­te aus 6.

Danach ist eine Anwen­dung von § 46a Nr. 1 StGB bei einem vor­sätz­li­chen Ein­griff in den Stra­ßen­ver­kehr gemäß § 315b StGB grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen.

§ 315b StGB schützt die Sicher­heit des öffent­li­chen Stra­ßen­ver­kehrs 7. Die in der Norm auf­ge­zähl­ten Indi­vi­du­al­rechts­gü­ter (Leben, Gesund­heit und bedeu­ten­de Sach­wer­te der durch den Ein­griff betrof­fe­nen Ver­kehrs­teil­neh­mer) wer­den dabei ledig­lich fak­tisch mit geschützt 8. Auch wenn § 315b StGB vor­aus­setzt, dass sich die durch die tat­be­stand­li­che Hand­lung begrün­de­te abs­trak­te Gefahr für die Sicher­heit des öffent­li­chen Stra­ßen­ver­kehrs zu einer kon­kre­ten Gefahr für eines der genann­ten Indi­vi­du­al­rechts­gü­ter ver­dich­tet hat 9 und der Täter bei Ein­grif­fen inner­halb des flie­ßen­den Ver­kehrs mit einem zumin­dest beding­ten Schä­di­gungs­vor­satz gehan­delt haben muss 10, wer­den die betrof­fe­nen Ver­kehrs­teil­neh­mer dadurch nicht zum Trä­ger des bestim­men­den Rechts­guts. Ein zwi­schen ihnen und dem Täter durch­ge­führ­ter dia­lo­gi­scher Aus­gleichs­pro­zess kann daher grund­sätz­lich weder zu einem frie­dens­stif­ten­den Aus­gleich der durch die Straf­tat ver­an­lass­ten Fol­gen, noch – wie dies von § 46a Nr. 1 StGB vor­aus­ge­setzt wird – zu einer Lösung des der Tat zugrun­de lie­gen­den Gesamt­kon­flikts füh­ren 11. Hier­mit steht in Ein­klang, dass der Bun­des­ge­richts­hof einen Täter-Opfer-Aus­gleich nach § 46a Nr. 1 StGB sowohl bei der Rechts­beu­gung gemäß § 339 StGB 12, als auch bei Steuer­de­lik­ten 13 für aus­ge­schlos­sen erach­tet hat, weil die­se Delik­te nur Gemein­schafts­rechts­gü­ter schüt­zen und – im Fall der Rechts­beu­gung – Indi­vi­dual­in­ter­es­sen allen­falls mit­tel­bar geschützt wer­den.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass nach § 46a Nr. 1 StGB ein gelun­ge­ner Täter-Opfer-Aus­gleich auch schon anzu­neh­men sein kann, wenn der Täter eine Wie­der­gut­ma­chung sei­ner Tat nur zum über­wie­gen­den Teil erreicht oder ledig­lich ernst­haft erstrebt hat 14. Eine nur zum über­wie­gen­den Teil erreich­te oder ledig­lich erstreb­te Wie­der­gut­ma­chung ver­mag die Annah­me eines erfolg­rei­chen Täter-Opfer-Aus­gleichs nach § 46a Nr. 1 StGB nur dann zu recht­fer­ti­gen, wenn sie auf der Grund­la­ge umfas­sen­der Aus­gleichs­be­mü­hun­gen geleis­tet wor­den ist 15. Hier­an fehlt es aber, wenn der Geschä­dig­te nicht Trä­ger des bestim­men­den Rechts­guts ist, son­dern nur fak­tisch in den Schutz­be­reich der ver­letz­ten Norm ein­be­zo­gen wird. Auch kann die gegen­über einem ein­zel­nen Geschä­dig­ten geleis­te­te Wie­der­gut­ma­chung grund­sätz­lich nicht als eine Teil­wie­der­gut­ma­chung oder ein Wie­der­gut­ma­chungs­be­mü­hen in Bezug auf ande­re ver­letz­te Rechts­gü­ter gedeu­tet wer­den, deren Trä­ger nicht in den Aus­gleichs­pro­zess ein­be­zo­gen wur­den oder für die es – wie hier in Bezug auf das Rechts­gut der Sicher­heit im öffent­li­chen Stra­ßen­ver­kehr – kei­ne indi­vi­dua­li­sier­ba­ren Opfer gibt.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof in einer frü­he­ren Ent­schei­dung eine Anwen­dung des § 46a StGB bei einer Ver­ur­tei­lung wegen vor­sätz­li­chen gefähr­li­chen Ein­griffs in den Stra­ßen­ver­kehr, gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung u.a. für zuläs­sig erach­tet hat, betraf dies einen Fall des § 46a Nr. 2 StGB 16.

Eine Anwen­dung der Vor­schrift des § 46a Nr. 1 StGB in Bezug auf § 315b StGB kam hier auch nicht des­halb in Betracht, weil sich der Ange­klag­te durch die­sel­be Tat im Rechts­sinn (§ 52 Abs. 1 StGB) einer gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung gemäß § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB schul­dig gemacht hat und inso­weit ein Täter-Opfer-Aus­gleich (Ent­schul­di­gung und Zah­lung von Schmer­zens­geld) erfolgt ist.

Bezugs­punkt für den Täter-Opfer-Aus­gleich nach § 46a Nr. 1 StGB, soweit er zu einem ver­typ­ten Straf­mil­de­rungs­grund führt, ist – wie bei ande­ren ver­typ­ten Straf­mil­de­rungs­grün­den grund­sätz­lich auch – der kon­kret ver­wirk­lich­te Straf­tat­be­stand. Hat der Täter – wie hier – tat­ein­heit­lich meh­re­re Delik­te began­gen, führt dies dazu, dass im Hin­blick auf jede der kon­kur­rie­ren­den Geset­zes­ver­let­zun­gen geson­dert zu prü­fen ist, inwie­weit ein die Anwen­dung von § 46a Nr. 1 StGB ermög­li­chen­der Opfer­be­zug besteht und – beja­hen­den­falls – ob ein gelun­ge­ner Aus­gleich mit dem betrof­fe­nen Opfer erfolgt ist. Ist dies ledig­lich in Bezug auf eines oder meh­re­re der kon­kur­rie­ren­den Delik­te der Fall, kann dem Täter § 46a StGB als ver­typ­ter Straf­mil­de­rungs­grund auch nur inso­weit zugu­te kom­men.

Eine Aus­nah­me hier­von ist nicht gebo­ten. Zwar wird unter die­sen Umstän­den für einen Täter nur ein ein­ge­schränk­ter Anreiz für Aus­gleichs­be­mü­hun­gen bestehen, wenn ihm – wie hier – in Tat­ein­heit zu einem dem Täter-Opfer-Aus­gleich zugäng­li­chen Delikt auch noch ein zumin­dest gleich­ge­wich­ti­ges "opfer­lo­ses" Delikt zur Last liegt 17. Die­ser Ein­wand ver­mag aber mit Rück­sicht auf die sys­te­ma­ti­sche Ein­ord­nung von § 46a Nr. 1 StGB als ver­typ­ter Straf­mil­de­rungs­grund nicht zu über­zeu­gen. Im Übri­gen sind Wie­der­gut­ma­chungs­leis­tun­gen und Aus­gleichs­be­mü­hun­gen, die in Bezug auf die Fol­gen eines tat­ein­heit­lich began­ge­nes Delikt erbracht wur­den, des­sen Straf­an­dro­hung nicht die nach § 52 Abs. 2 Satz 1 StGB Maß­geb­li­che ist, bei der kon­kre­ten Straf­zu­mes­sung nach § 46 Abs. 2 StGB zu berück­sich­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 – 4 StR 213/​14

  1. BGH, Beschluss vom 18.08.2009 – 2 StR 244/​09, NStZ-RR 2009, 369[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 02.05.1995 – 5 StR 156/​95, NStZ 1995, 492[]
  3. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 08.08.2012 – 2 StR 526/​11, NJW 2013, 483 Tz. 17; Beschluss vom 02.05.1995 – 5 StR 156/​95, NStZ 1995, 492[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 23.05.2013 – 4 StR 109/​13, Rn. 11; Urteil vom 12.01.2012 – 4 StR 290/​11, NStZ 2012, 439; Urteil vom 19.12 2002 – 1 StR 405/​02, BGHSt 48, 134, 142 f.; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 46a Rn. 10a mwN[]
  5. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 12.01.2012 – 4 StR 290/​11, NStZ 2012, 439, 440; Urteil vom 19.10.2011 – 2 StR 344/​11, BGHR StGB § 46a Nr. 1 Aus­gleich 8; Urteil vom 27.08.2002 – 1 StR 204/​02, BGHR StGB § 46a Nr. 1 Aus­gleich 6[]
  6. wei­ter gehend in Bezug auf eine juris­ti­sche Per­son, BGH, Urteil vom 18.11.1999 – 4 StR 435/​99, NStZ 2000, 205[]
  7. BGH, Beschluss vom 08.06.2004 – 4 StR 160/​04, NStZ 2004, 625; Urteil vom 04.12 2002 – 4 StR 103/​02, BGHSt 48, 119, 123; Beschluss vom 23.05.1989 – 4 StR 190/​89, NJW 1989, 2550; Urteil vom 21.05.1981 – 4 StR 240/​81, VRS 61, 122, 123; König in: Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 315b Rn. 3 und § 315 Rn. 4 mwN[]
  8. BGH, Urteil vom 04.12 2002 – 4 StR 103/​02, BGHSt 48, 119, 123; Beschluss vom 14.05.1970 – 4 StR 131/​69, BGHSt 23, 261, 264 zu § 315c StGB; SSW-StG­B/Er­n­e­mann, 2. Aufl., § 315b Rn. 1; König in: Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 315b Rn. 3 und § 315 Rn. 5[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 04.12 2002 – 4 StR 103/​02, BGHSt 48, 119, 122; SSW-StG­B/Er­n­e­mann, 2. Aufl., § 315b Rn. 5[]
  10. BGH, Beschluss vom 05.11.2013 – 4 StR 454/​13, NStZ 2014, 86, 87; Beschluss vom 18.06.2013 – 4 StR 145/​13, VRR 2013, 387, 388; Urteil vom 20.02.2003 – 4 StR 228/​02, BGHSt 48, 233, 237 f.[]
  11. im Ergeb­nis wie hier Theu­ne in LK-StGB, 12. Aufl., § 46a Rn. 21; Münch­Komm-StG­B/­Mai­er, 2. Aufl., § 46a Rn. 3; NK-StG­B/Streng, 4. Aufl., § 46a Rn. 10; Schön­ke/­Schrö­der-Stree/Kin­zig, StGB, 29. Aufl., § 46a Rn. 4a; a.A. Fischer, StGB, 62. Aufl., § 46a Rn. 8; SSW-StG­B/E­schel­bach, 2. Aufl., § 46a Rn.20; Kaspar/​Weiler/​Schlickum, Der Täter-Opfer-Aus­gleich, 2014, S. 26 jeweils zu § 315c StGB; Mai­wald, GA 2005, 339, 345; Piel­sti­cker, § 46a StGB – Revi­si­ons­fal­le oder sinn­vol­le Berei­che­rung des Sank­tio­nen­rechts?, 2004, S. 118; Kas­perek, Zur Aus­le­gung und Anwen­dung des § 46a StGB, 2002, S. 65 f.; Schöch, 50 Jah­re Bun­des­ge­richts­hof, Fest­ga­be aus der Wis­sen­schaft, Bd. IV, 2000, S. 309, 333 f.[]
  12. BGH, Urteil vom 04.04.2001 – 5 StR 68/​01, BGHR StGB § 339 DDR-Rich­ter 2, nicht tra­gend ent­schie­den[]
  13. BGH, Beschluss vom 25.10.2000 – 5 StR 399/​00, NStZ 2001, 200, 201; Beschluss vom 18.05.2011 – 1 StR 209/​11, wis­tra 2011, 346[]
  14. so aber Piel­sti­cker, § 46a StGB – Revi­si­ons­fal­le oder sinn­vol­le Berei­che­rung des Sank­tio­nen­rechts?, 2004, S. 118; Kaspar/​Weiler/​Schlickum, Der Täter-Opfer-Aus­gleich, 2014, S. 26[]
  15. vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2002 – 2 StR 336/​02, BGHR StGB § 46a Anwen­dungs­be­reich 2[]
  16. BGH, Beschluss vom 17.01.1995 – 4 StR 755/​94, NStZ 1995, 284[]
  17. vgl. OLG Karls­ru­he, NJW 1996, 3286 zu § 46a Nr. 2 StGB bei einer Ver­ur­tei­lung wegen Betrugs in Tat­ein­heit mit Urkun­den­fäl­schung; Theu­ne in LK-StGB, 12. Aufl., § 46a Rn. 49 f.; dage­gen SSW-StG­B/E­schel­bach, 2. Aufl., § 46a Rn. 23 [kei­ne Mil­de­rungs­mög­lich­keit auch hin­sicht­lich des opfer­be­zo­ge­nen Delikts]; noch wei­ter gehend Kes­pe, Täter-Opfer-Aus­gleich und Scha­dens­wie­der­gut­ma­chung, 2011, S. 96[]