Geld­ent­schä­di­gung wegen ver­bo­te­ner Ver­neh­mungs­me­tho­den – der Fall Mar­kus Gäf­gen

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat soeben die Geld­ent­schä­di­gung für Magnus Gäf­gen wegen ver­bo­te­ner Ver­neh­mungs­me­tho­den bestä­tigt. Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat die Beru­fung des Lan­des Hes­sen gegen das Urteil des Land­ge­richts Frank­furt am Main zurück­ge­wie­sen, mit dem dem Klä­ger, Mar­kus Gäf­gen, eine Geld­ent­schä­di­gung in Höhe von 3.000 € zuge­spro­chen wor­den war, weil Poli­zei­be­am­te des Lan­des Hes­sen ihm ange­droht hat­ten, erheb­li­che Schmer­zen zuzu­fü­gen, um so den Auf­ent­halts­ort des von ihm ent­führ­ten elf­jäh­ri­gen Ban­kiers­sohns Jakob von Metz­ler in Erfah­rung zu brin­gen. Der Klä­ger hat­te auf eine eige­ne Beru­fung, die u.a. auf eine höhe­re Geld­ent­schä­di­gung hät­te gerich­tet wer­den kön­nen, ver­zich­tet. Er ver­büßt eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe wegen der Ent­füh­rung und Ermor­dung des Kin­des.

Geld­ent­schä­di­gung wegen ver­bo­te­ner Ver­neh­mungs­me­tho­den – der Fall Mar­kus Gäf­gen

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main OLG hat kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te für Zwei­fel an der Voll­stän­dig­keit oder Rich­tig­keit der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts zu den Gescheh­nis­sen gese­hen. Recht­lich hat es erneut fest­ge­hal­ten, dass die erfolg­te Andro­hung der Zufü­gung erheb­li­cher Schmer­zen gegen das Ver­bot der Dro­hung mit Miss­hand­lung (§ 136 a Abs. 1 Satz 3 StPO) ver­sto­ße sowie gegen das Ver­bot, fest­ge­nom­me­ne Per­so­nen kör­per­lich oder see­lisch zu miss­han­deln (Art. 104 Abs. 1 Satz 2 GG). Das Ver­hal­ten der bei­den Poli­zei­be­am­ten sei – auch wenn es das Ziel hat­te, das Leben des Kin­des zu ret­ten – weder poli­zei­recht­lich noch straf­recht­lich gerecht­fer­tigt oder ent­schul­digt. Die bei­den Poli­zei­be­am­ten hät­ten sich damit straf­bar gemacht.

Dabei hat­te das Ober­lan­des­ge­richt zu berück­sich­ti­gen, dass nach dem vom Klä­ger in die­ser Sache erwirk­ten Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 1 die Andro­hung erheb­li­cher Schmer­zen gegen Art. 3 EMRK ver­stieß. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat­te in der Ver­neh­mungs­me­tho­de eine unmensch­li­che Behand­lung im Sin­ne des Art. 3 EMRK gese­hen. Die bei­den Poli­zei­be­am­ten haben damit nach dem Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt – bei allem Respekt für ihre Beweg­grün­de, das Leben des Kin­des zu ret­ten – eine schuld­haf­te Amts­pflicht­ver­let­zung gemäß § 839 Abs. 1 BGB began­gen. Hier­für habe das beklag­te Land Hes­sen ein­zu­ste­hen (Art. 34 Satz 1 GG).

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat die land­ge­richt­li­che Ent­schei­dung auch inso­weit bestä­tigt, als das Land­ge­richt Frank­furt am Main dem Klä­ger eine Geld­ent­schä­di­gung in Höhe von 3.000 € zuge­bil­ligt hat 2.

Bei die­ser Abwä­gung hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt die Wer­tung des Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zu berück­sich­ti­gen, dass trotz der ach­tens­wer­ten Beweg­grün­de der bei­den Poli­zei­be­am­ten die zwi­schen­zeit­lich ergan­ge­nen inner­staat­li­chen Maß­nah­men, ins­be­son­de­re das Straf­ur­teil gegen die bei­den Poli­zis­ten, noch kei­ne hin­rei­chen­de Genug­tu­ungs­funk­ti­on hat­ten, um den Ver­stoß gegen Art. 3 EMRK, der eine spür­ba­re Fol­ge haben müs­se, aus­zu­glei­chen. Eine dem­nach recht­lich gebo­te­ne wei­te­re Genug­tu­ung kom­me nach Abschluss des Straf­ver­fah­rens, so das Ober­lan­des­ge­richt, nur in der Gestalt der Zuer­ken­nung einer – der Höhe nach sym­bo­li­schen – Geld­ent­schä­di­gung in Betracht. Wäre eine sol­che Geld­ent­schä­di­gung nicht zuer­kannt wor­den, wür­de nach dem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te der Ver­stoß gegen Art. 3 EMRK fort­be­stehen und könn­te vom Klä­ger erneut gerügt wer­den.

Gegen sein Urteil hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt die Revi­si­on nicht zuge­las­sen, da nach sei­ner Ansicht die maß­geb­li­chen Rechts­fra­gen durch das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te als geklärt anzu­se­hen sind.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 10. Okto­ber 2012 – 1 U 201/​11

  1. EGMR – Gro­ße Kam­mer, Urteil vom 01.06.2010 – 22978/​05[]
  2. LG Frank­furt am Main, Urteil vom 04.08.2011 – 2 – 04 O 521/​05[]