Gesamt­stra­fen­bil­dung – als eigen­stän­di­ger Straf­zu­mes­sungs­akt

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Bil­dung der Gesamt­stra­fe ein eigen­stän­di­ger und zu begrün­den­der Straf­zu­mes­sungs­akt, der gemäß § 54 Abs. 1 Satz 2 StGB durch die Erhö­hung der höchs­ten Ein­zel­stra­fe (sog. Ein­satz­stra­fe) erfolgt und sich nicht an der Sum­me der Ein­zel­stra­fen oder an rech­ne­ri­schen Grund­sät­zen zu ori­en­tie­ren hat, son­dern an gesamt­stra­fen­spe­zi­fi­schen Kri­te­ri­en 1.

Gesamt­stra­fen­bil­dung – als eigen­stän­di­ger Straf­zu­mes­sungs­akt

Dabei sind bei der erfor­der­li­chen Gesamt­schau der Taten nament­lich das Ver­hält­nis der ein­zel­nen Straf­ta­ten zuein­an­der, ins­be­son­de­re ihr Zusam­men­hang, ihre grö­ße­re oder gerin­ge­re Selb­stän­dig­keit, fer­ner die Häu­fig­keit der Bege­hung, die Gleich­heit oder Ver­schie­den­heit der ver­letz­ten Rechts­gü­ter und der Bege­hungs­wei­se sowie das Gesamt­ge­wicht des abzu­ur­tei­len­den Sach­ver­halts zu berück­sich­ti­gen. Fer­ner ist in einer Wür­di­gung der Per­son des Täters sei­ne Straf­emp­find­lich­keit, sei­ne grö­ße­re oder gerin­ge­re Schuld im Hin­blick auf das Gesamt­ge­sche­hen und sei­ne inne­re Ein­stel­lung zu den Taten zu erör­tern.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das land­ge­richt­li­che Urteil nicht gerecht:

Zwar hat das Land­ge­richt im Rah­men sei­ner Aus­füh­run­gen zur Gesamt­stra­fen­bil­dung dem Grun­de nach zutref­fend erkannt, dass bei den auf Dau­er ange­leg­ten Taten des Ange­klag­ten ein beson­ders enger sach­li­cher Zusam­men­hang bestand und der aus den tat­mehr­heit­li­chen Fäl­len fol­gen­de „wei­te­re” Scha­den im Ver­hält­nis zu dem im Wege des unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­likts ver­ur­sach­ten Scha­den nicht erheb­lich ins Gewicht fällt. Aus der Ein­satz­stra­fe von acht Jah­ren und sechs Mona­ten für das unei­gent­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­de­likt mit einem Scha­den von gerun­det 15, 2 Mio. € wird aber eine Gesamt­frei­heits­stra­fe von elf Jah­ren und sechs Mona­ten gebil­det, obwohl die wei­te­ren in die Gesamt­stra­fe ein­zu­be­zie­hen­den sechs Taten mit Ein­zel­stra­fen von drei Jah­ren, drei­mal einem Jahr und sechs Mona­ten, einem Jahr und drei Mona­ten sowie einem Jahr nur Scha­dens­sum­men in Höhe von 263.076 €, 89.451 €, 76.410 €, 11.538 € und 2.500 € betref­fen. Die­se deut­li­che Erhö­hung der Ein­satz­stra­fe trotz der bei den wei­te­ren Ein­zel­ta­ten hin­zu­kom­men­den ver­hält­nis­mä­ßig gerin­gen zusätz­li­chen Scha­dens­sum­men hat das Land­ge­richt nicht nach­voll­zieh­bar begrün­det. Ohne eine plau­si­ble Erklä­rung für die erheb­li­che Erhö­hung der Ein­satz­stra­fe wird die ver­häng­te Gesamt­frei­heits­stra­fe dem Unrechts­und Schuld­ge­halt der fest­ge­stell­ten Taten nicht mehr gerecht und legt nahe, dass das Land­ge­richt die auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze nicht aus­rei­chend bedacht hat. Der Bun­des­ge­richts­hof kann nicht aus­schlie­ßen, dass die Bemes­sung der ver­häng­ten Gesamt­frei­heits­stra­fe auf die­sem Wer­tungs­feh­ler beruht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Okto­ber 2018 – 1 StR 140/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 15.10.2009 – 5 StR 394/​09, NStZ-RR 2010, 40 f.; und vom 05.08.2010 – 2 StR 340/​10 Rn. 1; Fischer, StGB, 65. Aufl., § 54 Rn. 6 mwN