Geschwin­dig­keits­mes­sung durch Pri­va­te – und die Falsch­be­ur­kun­dung im Amt

Über­lässt ein Hoheits­trä­ger einem zur Geschwin­dig­keits­mes­sung ein­ge­setz­ten „pri­va­ten Dienst­leis­ter“ ein blan­ko unter­zeich­ne­tes Mess­pro­to­koll, wel­ches ver­viel­fäl­tigt und mit kon­kre­ten Daten­sät­zen ver­se­hen zur Grund­la­ge von Ver­warn­gel­dern wird, stellt dies nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­rich­tES Frank­furt am Main eine Falsch­be­ur­kun­dung im Amt dar; die Mess­pro­to­kol­le erfül­len die Eigen­schaft einer öffent­li­chen Urkun­de.

Geschwin­dig­keits­mes­sung durch Pri­va­te – und die Falsch­be­ur­kun­dung im Amt

In dem vom Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt ent­schie­de­nen Fall war der bei einer hes­si­schen Stadt der für die Ver­kehrs­über­wa­chung zustän­di­ge Sach­ge­biets­lei­ter des Ord­nungs­amts sowie ein mit sei­ner Fir­ma selb­stän­di­ger „pri­va­ter Dienst­leis­ter“ im Bereich der Geschwin­dig­keits­mes­sun­gen ange­klagt. Bis zur ers­ten Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts zur Unzu­läs­sig­keit des Ein­sat­zes „pri­va­ter Dienst­leis­ter“ im Bereich der Ver­kehrs­über­wa­chung im Früh­jahr 2017 hat­te die Stadt durch die­sen pri­va­ten Dienst­leis­ter Mess­ge­rä­te auf­stel­len, die Mes­sung durch­füh­ren und (vor-)auswerten las­sen. Dafür erhielt der Dienst­leis­ter eine Zah­lung „pro ver­wert­ba­rem Fall“. Auch nach die­ser ers­ten Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts woll­ten der bei der Stadt zustän­di­ge Sach­ge­biets­lei­ter und der Dienst­leis­ter an die­ser Zusam­men­ar­beit fest­hal­ten. Der städ­ti­sche Sach­ge­biets­lei­ter ver­sprach sich auf­grund der Viel­zahl der Buß­geld­ver­fah­ren eine Höher­grup­pie­rung; der Dienst­leis­ter woll­te die lukra­ti­ve Geschäfts­be­zie­hung fort­set­zen. Zu die­sem Zweck ver­ein­bar­ten sie die Fort­set­zung des Vor­ge­hens mit der Abwei­chung, dass der städ­ti­sche Sach­ge­biets­lei­ter dem pri­va­ten Dienst­leis­ter ein von ihm blan­ko unter­schrie­be­nes Mess­pro­to­koll über­gab, wel­ches die­ser kopier­te und bei Ein­rich­tung der jewei­li­gen Mess­stel­len aus­füll­te. Damit wur­de sowohl gegen­über dem betrof­fe­nen Bür­ger wie auch der eige­nen Behör­de und den Gerich­ten gegen­über der unzu­tref­fen­de Ein­druck erweckt, dass der städ­ti­sche Sach­ge­biets­lei­ter als Orts­po­li­zei die Mes­sung durch­ge­führt hat­te. Im Wei­te­ren wur­den die Mes­sun­gen – was sowohl dem Sach­ge­biets­leis­ter wie auch auch dem pri­va­ten Dienst­leis­ter bekannt war – digi­ta­li­siert und in aus­schließ­lich elek­tro­ni­scher Form wei­ter­ver­ar­bei­tet. Auf die­ser Grund­la­ge erging eine Viel­zahl von Buß­gel­dern und Ver­warn­gel­dern.

Der städ­ti­sche Sach­ge­biets­lei­ter wur­de vom Amts­ge­richt Kas­sel wegen Falsch­be­ur­kun­dung im Amt in 17 Fäl­len zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von einem Jahr und einem Monat auf Bewäh­rung ver­ur­teilt, der pri­va­te Dienst­leis­ter wegen Bei­hil­fe dazu zu einer Gesamt­geld­stra­fe von 180 Tages­sät­zen zu je 40 €. Auf die Beru­fung der Staats­an­walt­schaft hin hat das Land­ge­richt Kas­sel die Frei­heits­stra­fe des Ange­klag­ten S. auf ein Jahr und 3 Mona­te auf Bewäh­rung und die Gesamt­geld­stra­fe des Ange­klag­ten K. auf 200 Tages­sät­ze zu je 65 € ange­ho­ben 1.

Die hier­ge­gen ein­ge­leg­ten Revi­sio­nen der bei­den Ange­klag­ten hat nun das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt als unbe­grün­det ver­wor­fen: Die im Rah­men von Geschwin­dig­keits­kon­trol­len zu stel­len­den Mess­pro­to­kol­le stell­ten öffent­li­che Urkun­den im Sin­ne des § 348 StGB dar. Sie dien­ten dazu, Beweis­kraft für und gegen jeder­mann zu erbrin­gen. Die Ver­kehrs­über­wa­chung und Sank­tio­nie­rung bei Ver­stö­ßen sei hoheit­li­che Kern­auf­ga­be. Die Mes­sung sei sys­te­ma­tisch nur bedingt rekon­stru­ier­bar. Um den Nach­weis füh­ren zu kön­nen, sei daher ein ord­nungs­ge­mäß von einem Hoheits­trä­ger im Rah­men sei­ner Zustän­dig­keit errich­te­tes, inhalt­lich zutref­fen­des Mess­pro­to­koll eine maß­geb­li­che Vor­aus­set­zung, gera­de bei Mas­sen­ver­fah­ren. Dem Mess­pro­to­koll kom­me damit beson­de­re Beweis­kraft im Sin­ne eines öffent­li­chen Glau­bens zu.

Der beauf­trag­te Dienst­leis­ter habe in einer Viel­zahl von Fäl­len als „pri­va­ter Dienst­leis­ter“ geset­zes­wid­rig Ver­kehrs­mes­sun­gen vor­ge­nom­men, (vor-)ausgewertet und Mess­pro­to­kol­le erstellt, die in einer Viel­zahl von Buß­geld- und Ver­warn­geld­ver­fah­ren als Beweis­mit­tel Ver­wen­dung gefun­den hät­ten. Dies sei im bewuss­ten, kol­lu­si­ven Zusam­men­wir­ken mit dem städ­ti­schen Sach­ge­biets­lei­ter als zustän­di­gem Ord­nungs­po­li­zis­ten erfolgt. Der Sach­ge­biets­lei­ter habe zur Ver­schleie­rung dem pri­va­ten Dienst­leis­ter eine von ihm unter­zeich­ne­te Kopie eines Blan­ko­mess­pro­to­kolls zur Ver­fü­gung gestellt. Da in die­sen Mess­pro­to­kol­len der städ­ti­sche Sach­ge­biets­lei­ter als Mess­be­am­ter auf­ge­führt war, soll­te auf die­se Wei­se sug­ge­riert wer­den, dass die Mes­sun­gen vom Hoheits­trä­ger durch­ge­führt wur­den.

Der Sach­ge­biets­lei­ter müs­se sich die Anga­ben des Dienst­leis­ters, die die­ser im Namen des Sach­ge­biets­lei­ters abge­ge­ben habe, auch zurech­nen las­sen. Der Sinn der Abspra­che habe gera­de dar­an gele­gen, dass der pri­va­te Dienst­leis­ter die Arbeit des städ­ti­schen Sach­ge­biets­lei­ters durch­führt und bei­de gewollt dar­über täu­schen, dass der städ­ti­sche Beam­te die Mes­sung durch­ge­führt habe.

Die dar­in zum Aus­druck kom­men­de hohe kri­mi­nel­le Ener­gie hät­te bei einem „nor­ma­len“ Urkunds­de­likt zur Straf­lo­sig­keit geführt. Eine „nor­ma­le“ Urkun­den­fäl­schung lie­ge vor, wenn über den Erstel­ler getäuscht wer­de. Hier aber habe der städ­ti­sche Sach­ge­biets­lei­ter gera­de als Aus­stel­ler fun­gie­ren wol­len. Unzu­tref­fend sei der Inhalt der Urkun­de. Anders als bei pri­va­ten Urkun­den sei jedoch bei einer öffent­li­chen Urkun­de auch die Rich­tig­keit des Inhalts einer Urkun­de geschützt, da dort der Inhalt für und gegen jeder­mann wir­ke.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main, Beschluss vom 2. Janu­ar 2020 – 2 Ss 40/​19

  1. LG Kas­sel, Urteil vom 2.11.2018 – 9 Ns – 5633 Js 16099/​13[]