Gesetz­li­cher Rich­ter – und die ord­nungs­ge­mä­ße Form für einen Beset­zungs­ein­wand

Die Beset­zungs­rü­ge ist prä­k­lu­diert, wenn der vor der Straf­kam­mer gel­tend gemach­te Beset­zungs­ein­wand nicht der von § 222b Abs. 1 StPO vor­ge­schrie­be­nen Form ent­sprach.

Gesetz­li­cher Rich­ter – und die ord­nungs­ge­mä­ße Form für einen Beset­zungs­ein­wand

Die Zuläs­sig­keit der Beset­zungs­rü­ge setzt vor­aus (§ 338 Nr. 1 Buchst. b StPO), dass der Beset­zungs­ein­wand bereits in der Haupt­ver­hand­lung vor dem Land­ge­richt "recht­zei­tig und in der vor­ge­schrie­be­nen Form gel­tend gemacht" wor­den ist. Die Vor­schrift des § 338 Nr. 1 Buchst. b StPO nimmt damit Bezug auf § 222b Abs. 1 Satz 2 StPO, der bestimmt, dass die Tat­sa­chen, aus denen sich die vor­schrifts­wid­ri­ge Beset­zung erge­ben soll, anzu­ge­ben sind. Um die Form­erfor­der­nis­se erfül­len zu kön­nen, gibt § 222a Abs. 3 StPO ein Ein­sichts­recht in die für die Beset­zung maß­geb­li­chen Unter­la­gen.

Das auf den Beset­zungs­ein­wand in den erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren vor den Land­ge­rich­ten und den Ober­lan­des­ge­rich­ten eröff­ne­te Zwi­schen­ver­fah­ren dient dazu, die Prü­fung und Bean­stan­dung der Gerichts­be­set­zung auf den von § 222b Abs. 1 Satz 1 StPO beschrie­be­nen Zeit­punkt vor­zu­ver­le­gen, damit ein Feh­ler recht­zei­tig auf­ge­deckt und gege­be­nen­falls geheilt wird. Damit wird auch dem Recht des Ange­klag­ten, sich nur vor sei­nem gesetz­li­chen Rich­ter ver­ant­wor­ten zu müs­sen, bes­ser Rech­nung getra­gen, als wenn er dar­auf ver­wie­sen wür­de, die­ses Recht erst mit der Revi­si­on gel­tend zu machen 1. Mit den durch das Straf­ver­fah­rens­än­de­rungs­ge­setz 1979 ein­ge­führ­ten Rüge­prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten der § 338 Nr. 1, § 222b Abs. 1 StPO woll­te der Gesetz­ge­ber errei­chen, dass Beset­zungs­feh­ler bereits in einem frü­hen Ver­fah­rens­sta­di­um erkannt und geheilt wer­den, um zu ver­mei­den, dass ein mög­li­cher­wei­se mit gro­ßem jus­ti­zi­el­len Auf­wand zustan­de gekom­me­nes Straf­ur­teil allein wegen eines Beset­zungs­feh­lers auf­ge­ho­ben und in der Fol­ge die gesam­te Haupt­ver­hand­lung – mit erheb­li­chen Mehr­be­las­tun­gen sowohl für die Straf­jus­tiz als auch für den Ange­klag­ten – wie­der­holt wer­den muss 2. Des­halb müs­sen alle Bean­stan­dun­gen gleich­zei­tig gel­tend gemacht wer­den (§ 222b Abs. 1 Satz 3 StPO). Ein Nach­schie­ben von Grün­den ist nicht statt­haft 3.

Zwar haben Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten wegen ihrer ein­schnei­den­den Fol­gen einen stren­gen Aus­nah­me­cha­rak­ter. Die Prä­k­lu­si­ons­re­ge­lung der § 338 Nr. 1, § 222b Abs. 1 StPO genügt indes den an sie zu stel­len­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen 4.

Mit Blick auf den Norm­zweck und im Sin­ne der Inten­tio­nen des Gesetz­ge­bers wer­den unter Wah­rung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen hohe Anfor­de­run­gen an den Inhalt des Beset­zungs­ein­wands gestellt. Die Begrün­dungs­an­for­de­run­gen an den Beset­zungs­ein­wand ent­spre­chen dabei nach den Vor­stel­lun­gen des Gesetz­ge­bers weit­ge­hend den Rüge­an­for­de­run­gen des § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO, wie schon die inso­weit wort­glei­che For­mu­lie­rung zeigt 5. Es müs­sen eben­so wie bei der Ver­fah­rens­rüge der Revi­si­on (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO) alle Tat­sa­chen ange­führt wer­den, aus denen sich die Feh­ler­haf­tig­keit der Zusam­men­set­zung des Gerichts ergibt 6. Fehlt die erfor­der­li­che umfas­sen­de Begrün­dung, ins­be­son­de­re ein hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­ter Tat­sa­chen­vor­trag, so ist der Beset­zungs­ein­wand nicht in der vor­ge­schrie­be­nen Form gel­tend gemacht, mit­hin nicht zuläs­sig erho­ben wor­den 7.

Die genann­ten Grund­sät­ze gel­ten selbst bei evi­den­ten Beset­zungs­män­geln, die allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ohne wei­te­res erkenn­bar oder sogar bekannt sind. Auch in die­sen Fäl­len sind alle kon­kre­ten Tat­sa­chen, aus denen sich die Feh­ler­haf­tig­keit der Beset­zung erge­ben soll, zur Erhal­tung der Beset­zungs­rü­ge vor­zu­brin­gen 8.

Wel­che Tat­sa­chen im Ein­zel­nen anzu­ge­ben sind, rich­tet sich nach dem Inhalt der jewei­li­gen Regeln, deren Ver­let­zung behaup­tet wird.

Der Bun­des­ge­richts­hof brauch­te im vor­lie­gen­den Fall nicht zu ent­schei­den, ob und gege­be­nen­falls inwie­weit beim Beset­zungs­ein­wand nach § 222b Abs. 1 Satz 2 StPO, anders als bei § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO, im Rah­men der Anga­be der Tat­sa­chen, aus denen sich die vor­schrifts­wid­ri­ge Beset­zung des Gerichts erge­ben soll, Bezug­nah­men auf Unter­la­gen bei den Strafak­ten des Gerichts, das über den Beset­zungs­ein­wand zu ent­schei­den hat, zuläs­sig sind 9. Denn es ist zu unter­schei­den zwi­schen dem Erfor­der­nis einer kla­ren Bezeich­nung des gel­tend gemach­ten Man­gels und der Dar­le­gung der den Man­gel ent­hal­ten­den Tat­sa­chen.

Vor­lie­gend lässt die im Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt erho­be­ne Beset­zungs­rü­ge nicht in der vom Gesetz gefor­der­ten Wei­se erken­nen, wel­cher Umstand die Vor­schrifts­wid­rig­keit der Beset­zung begrün­den soll und aus wel­chen vor­zu­tra­gen­den Tat­sa­chen sich die­se erge­ben soll. § 222b StPO stellt gera­de auf die "vor­schrifts­wid­ri­ge Beset­zung" ab. Eine sol­che ist ledig­lich dann gege­ben, wenn das Gericht mit einem oder meh­re­ren Rich­tern besetzt war, bei denen es sich nicht um den bzw. die gesetz­li­chen Rich­ter i.S.v. Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG han­delt 10. Wer gesetz­li­cher Rich­ter ist, bestimmt sich nach dem Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz und der Umset­zung der dor­ti­gen Vor­ga­ben durch den Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Gerichts, dem der frag­li­che Spruch­kör­per ange­hört.

Mit sei­ner Beset­zungs­rü­ge hat­te der Ange­klag­te im vor­lie­gen­den Fall vor allem gel­tend gemacht, Rich­te­rin G. sei durch den Prä­si­den­ten des Landge- richts gesetz­wid­rig als ver­hin­dert erklärt wor­den. Der Beset­zungs­ein­wand selbst ver­hält sich nicht aus­drück­lich dazu, wel­cher oder wel­che an der Ent­schei­dung mit­wir­ken­den Rich­ter nicht gesetz­li­cher Rich­ter in dem vor­ge­nann­ten Sin­ne waren. Zudem wer­den mit der Beset­zungs­rü­ge nicht sämt­li­che Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, deren Vor­trag es bedurft hät­te, um den Anfor­de­run­gen von § 222b Abs. 1 Satz 2 StPO zu genü­gen.

Auf die tat­sa­chen­ge­stütz­te kon­kre­te Benen­nung der­je­ni­gen Rich­ter, die nach dem Ver­ständ­nis des Ange­klag­ten "vor­schrifts­wid­rig" Teil des Gerichts waren, konn­te unter Berück­sich­ti­gung der gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen vor­lie­gend nicht ver­zich­tet wer­den. Das Vor­brin­gen, Rich­te­rin G. sei durch den Prä­si­den­ten des Land­ge­richts gesetz­wid­rig als ver­hin­dert erklärt wor­den, genügt ange­sichts des sons­ti­gen Vor­trags im Beset­zungs­ein­wand gegen­über der Straf­kam­mer nicht. Denn selbst wenn die­ser Vor­trag durch den "glo­ba­len" Ver­weis auf den Ver­merk des Prä­si­den­ten des Land­ge­richts vom 31.01.2014 aus­rei­chend – was zwei­fel­haft ist – durch Tat­sa­chen­vor­trag gestützt sein soll­te, lässt sich dar­aus nicht erken­nen, unter wel­chem kon­kre­ten recht­li­chen Aspekt (vgl. § 222 Abs. 1 Satz 3 StPO) die Vor­schrifts­wid­rig­keit der Beset­zung gel­tend gemacht wer­den soll. Die behaup­te­te rechts­feh­ler­haft ange­nom­me­ne Ver­hin­de­rung von Rich­te­rin G. wür­de nur dann zu einer "vor- schrifts­wid­ri­gen Beset­zung" des Gerichts füh­ren, wenn die­se gesetz­li­che Rich­te­rin gewe­sen wäre. Das hat der Ange­klag­te aber nicht aus­rei­chend dar­ge­legt. Es wer­den näm­lich auch Zwei­fel an der Gesetz­mä­ßig­keit der Ver­hin­de­rung von Rich­ter am Land­ge­richt B. gel­tend gemacht. Aus der Beset­zungs­rü­ge ist nicht zu ent­neh­men, ob Rich­te­rin G. oder Rich­ter am Land­ge­richt B. an- stel­le wel­ches tat­säch­lich an der Ent­schei­dung mit­wir­ken­den berufs­rich­ter­li­chen Mit­glieds der Straf­kam­mer vor­schrifts­wid­rig mit­ge­wirkt haben. Die­ser Klar­stel­lung hät­te es aber wegen § 222b Abs. 1 Satz 2 und Satz 3 StPO bedurft. Nur wenn durch die Beset­zungs­rü­ge aus­rei­chend klar­ge­stellt wird, wel­cher Beset­zungs­man­gel gerügt wird, kann das Ein­grei­fen der Prä­k­lu­si­ons­wir­kung und der Kon­zen­tra­ti­ons­wir­kung aus § 222b Abs. 1 Satz 3 StPO beur­teilt wer­den.

Dar­über hin­aus bestehen erheb­li­che Zwei­fel, ob der von § 222b Abs. 1 Satz 2 StPO gefor­der­te Vor­trag der die Rüge tra­gen­den Tat­sa­chen durch weit­ge­hen­de Bezug­nah­me auf außer­halb des eige­nen Vor­trags lie­gen­de Doku­men­te erbracht wer­den kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Sep­tem­ber 2016 – 1 StR 422/​15

  1. BGH, Beschluss vom 12.01.2016 – 3 StR 490/​15, Rn. 11, NStZ-RR 2016, 120 und Urteil vom 09.04.2009 – 3 StR 376/​08, BGHSt 53, 268, 279[]
  2. BT-Drs. 8/​976, S. 24 ff.; BGH, Urteil vom 25.10.2006 – 2 StR 104/​06, NStZ 2007, 536[]
  3. vgl. BGH aaO, NStZ 2007, 536 mwN[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 19.03.2003 – 2 BvR 1540/​01, BVerfGK 1, 87[]
  5. vgl. BT-Drs. 8/​976, S. 47; BGH, Beschluss vom 12.01.2016 – 3 StR 490/​15, Rn. 11, NStZ-RR 2016, 120; Urtei­le vom 25.10.2006 – 2 StR 104/​06, NStZ 2007, 536; und vom 30.07.1998 – 5 StR 574/​97, BGHSt 44, 161, 162; vgl. auch Arnol­di in Münch­Komm-StPO, § 222b Rn. 13 und Britz in Radtke/​Hohmann, StPO, § 222b Rn. 8 mwN[]
  6. vgl. Jäger in LR-StPO, 26. Aufl., § 222b Rn. 17[]
  7. BGH aaO, BGHSt 44, 161, 162 und NStZ 2007, 536; BGH, Beschluss vom 01.09.2015 – 5 StR 349/​15, NStZ-RR 2016, 54[]
  8. BGH, Urteil vom 25.10.2006 – 2 StR 104/​06, NStZ 2007, 536 mwN[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 30.07.1998 – 5 StR 574/​97, BGHSt 44, 161, 163; Eschel­bach in KMR-StPO, Stand: Dezem­ber 2015, § 222b Rn.20[]
  10. vgl. Frisch in SK-StPO, 4. Aufl.2014, § 338 Rn. 12[]