Gesetz­li­cher Rich­ter, Geschäfts­ver­tei­lungs­plan – und die Hilfs­straf­kam­mer

Gemäß § 21e Abs. 3 Satz 1 GVG darf das Prä­si­di­um die nach Absatz 1 Satz 1 die­ser Bestim­mung getrof­fe­nen Anord­nun­gen im Lau­fe des Geschäfts­jah­res ändern, wenn dies wegen Über­las­tung eines Spruch­kör­pers nötig wird.

Gesetz­li­cher Rich­ter, Geschäfts­ver­tei­lungs­plan – und die Hilfs­straf­kam­mer

Eine Über­las­tung liegt vor, wenn über einen län­ge­ren Zeit­raum ein erheb­li­cher Über­hang der Ein­gän­ge über die Erle­di­gun­gen zu ver­zeich­nen ist, so dass mit einer Bear­bei­tung der Sachen inner­halb eines ange­mes­se­nen Zeit­raums nicht zu rech­nen ist. Von Ver­fas­sungs wegen kann eine nach­träg­li­che Ände­rung der Geschäfts­ver­tei­lung sogar gebo­ten sein, wenn nur auf die­se Wei­se eine hin­rei­chend zügi­ge Behand­lung von Straf­sa­chen erreicht wer­den kann.

Das Gebot zügi­ger Ver­fah­rens­ge­stal­tung lässt jedoch das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter nicht voll­stän­dig zurück­tre­ten. Viel­mehr besteht Anspruch auf eine zügi­ge Ent­schei­dung gera­de durch ihn. Daher muss in der­ar­ti­gen Fäl­len das Recht des Ange­klag­ten auf den gesetz­li­chen Rich­ter mit dem rechts­staat­li­chen Gebot einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Straf­rechts­pfle­ge und dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz zügi­ger Ver­fah­rens­ge­stal­tung in einen ange­mes­se­nen Aus­gleich gebracht wer­den 1.

Zu den grund­sätz­lich zuläs­si­gen Maß­nah­men im Sin­ne des § 21e Abs. 3 GVG zählt die Ein­rich­tung einer Hilfs­straf­kam­mer für eine begrenz­te Zeit. Die Rege­lung der mit der Errich­tung einer Hilfs­straf­kam­mer ver­bun­de­nen Über­tra­gung von Auf­ga­ben der ordent­li­chen Straf­kam­mer hat dabei den­sel­ben Grund­sät­zen zu fol­gen wie sons­ti­ge Ände­run­gen im Sin­ne von § 21e Abs. 3 GVG. Ins­be­son­de­re ist das Abs­trak­ti­ons­prin­zip zu beach­ten. Danach ist die Zuwei­sung bestimm­ter ein­zel­ner Ver­fah­ren regel­mä­ßig unzu­läs­sig. Hin­ge­gen steht Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG einer Ände­rung der (funk­tio­nel­len) Zustän­dig­keit selbst für bereits anhän­gi­ge Ver­fah­ren dann nicht grund­sätz­lich ent­ge­gen, wenn die Neu­re­ge­lung gene­rell gilt, also etwa außer meh­re­ren anhän­gi­gen Ver­fah­ren auch eine unbe­stimm­te Viel­zahl künf­ti­ger, gleich­ar­ti­ger Fäl­le erfasst, und nicht aus sach­wid­ri­gen Grün­den erfolgt.

Für Umver­tei­lun­gen, die im Zeit­punkt des Prä­si­di­ums­be­schlus­ses bereits anhän­gi­ge Ver­fah­ren betref­fen, ist nach mitt­ler­wei­le gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine umfas­sen­de Doku­men­ta­ti­on auch dann erfor­der­lich, wenn künf­tig ein­ge­hen­de Ver­fah­ren mit umfasst sind 2. Im Blick auf die mit jeder Umver­tei­lung ver­bun­de­ne (abs­trak­te) Gefah­ren­la­ge für die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) müs­sen die Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten jedoch eben­falls gel­ten, wenn – wie hier – aus­schließ­lich künf­tig ein­ge­hen­de Ver­fah­ren betrof­fen sind 3. Dass die Risi­ken in Bezug auf den gesetz­li­chen Rich­ter bei rein in die Zukunft gerich­te­ten, bereits anhän­gi­ge Ver­fah­ren also nicht tan­gie­ren­den Maß­nah­men als ver­gleichs­wei­se gerin­ger ein­ge­stuft wer­den kön­nen, ver­mag dar­an nichts zu ändern.

In Haft­sa­chen muss dem ver­fas­sungs- und kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Zügig­keits­ge­bot in beson­de­rem Maße (s. Art. 5 Abs. 3 Satz 1 Halb­satz 2, Art. 6 Abs. 1 Satz 1 MRK) Rech­nung getra­gen wer­den 4. Inso­weit hat der Bun­des­ge­richts­hof frei­lich aus­ge­spro­chen, dass die Haft­prü­fungs­frist des § 121 Abs. 1 StPO kei­nen star­ren, für alle Ver­fah­ren glei­cher­ma­ßen gel­ten­den Zeit­punkt fest­legt, wann mit der Haupt­ver­hand­lung einer Sache nach Inhaf­tie­rung oder Ankla­ge­er­he­bung zu begin­nen ist 5. Dem­ge­mäß recht­fer­tigt allein der befürch­te­te Ablauf der Frist oder gar eine beson­ders gear­te­te Recht­spre­chungs­pra­xis des jewei­li­gen Ober­lan­des­ge­richts 6 grund­sätz­lich kei­ne Umver­tei­lung eines oder meh­re­rer bereits anhän­gi­ger Ver­fah­ren. Glei­ches gilt hin­sicht­lich der Über­tra­gung womög­lich eines ein­zel­nen anhän­gi­gen Ver­fah­rens 7. Das bedeu­tet jedoch natur­ge­mäß nicht, dass die Haft­prü­fungs­frist bei der durch das Prä­si­di­um vor­zu­neh­men­den Wür­di­gung völ­lig aus­ge­blen­det wer­den müss­te oder auch nur könn­te. Dies ver­steht sich schon dar­aus, dass die Frist die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Zügig­keit in Haft­sa­chen gewähr­leis­ten soll, die unter Umstän­den zu früh­zei­ti­gem Ein­grei­fen der Gerichts­or­ga­ni­sa­ti­on sogar zwin­gen kann 8.

Unter dem Blick­win­kel der Ste­tig­keit erge­ben sich im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall kei­ne erhöh­ten Anfor­de­run­gen an den Grad der Bedräng­nis­la­ge und die Begrün­dung der Maß­nah­me. Zwar war der Beschluss nur kur­ze Zeit nach Inkraft­tre­ten des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans des Land­ge­richts Ham­burg für das Jahr 2014 gefasst wor­den 9. Jedoch sind die bei­den für die Über­las­tungs­an­zei­ge maß­ge­ben­den Ver­fah­ren erst nach der Beschluss­fas­sung des Prä­si­di­ums über den Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2014 bei der Gro­ßen Straf­kam­mer 21 anhän­gig gewor­den. Es ist nicht erkenn­bar, dass dies bereits bei Beschluss­fas­sung durch das Prä­si­di­um hät­te vor­aus­ge­se­hen wer­den kön­nen.

Sons­ti­ge Grün­de, die zur Rechts­feh­ler­haf­tig­keit des Prä­si­di­ums­be­schlus­ses füh­ren könn­ten, lie­gen im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht vor. Nament­lich sind das Abs­trak­ti­ons- und das Bestimmt­heits­ge­bot gewahrt. Anhalts­punk­te dafür, dass die Maß­nah­me ver­deckt auf eine unzu­läs­si­ge Ein­zel­zu­wei­sung gerich­tet gewe­sen sein könn­te, sind nicht vor­han­den. Dass der Über­las­tung nicht auf ande­re Wei­se als durch Ein­rich­tung einer Hilfs­straf­kam­mer Rech­nung getra­gen wer­den konn­te, ist in der Stel­lung­nah­me der Prä­si­den­tin des Land­ge­richts nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt. Zudem wäre auch mit ande­ren Ent­las­tungs­maß­nah­men eine Ver­än­de­rung des gesetz­li­chen Rich­ters ver­bun­den gewe­sen. Die Umver­tei­lung war schließ­lich geeig­net, die Effi­zi­enz des Geschäfts­ab­laufs zu erhal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. März 2015 – 5 StR 70/​15

  1. vgl. zum Gan­zen BGH, Urteil vom 09.04.2009 – 3 StR 376/​08, aaO, S. 270 ff. mwN; Beschluss vom 07.01.2014 – 5 StR 613/​13, NStZ 2014, 287 Rn. 7[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.04.2009 – 3 StR 376/​08, aaO, S. 273; Beschluss vom 07.01.2014 – 5 StR 613/​13, aaO Rn. 9[]
  3. vgl. Sowa­da, HRRS 2015, 16, 19 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 30.07.1998 – 5 StR 574/​97, BGHSt 44, 161, 165 ff.[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 10.07.2013 – 2 StR 116/​13, NStZ 2014, 226 Rn.20 f.; vom 07.01.2014 – 5 StR 613/​13, aaO Rn. 13; krit. Sowa­da, aaO, S. 21 f.; Gru­be, Stra­Fo 2014, 123, 124[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2013 – 2 StR 116/​13, aaO Rn. 21 f.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2014 – 5 StR 613/​13, aaO[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 23.07.1991 – AK 29/​91, BGHSt 38, 43, 46; vgl. auch Urteil vom 08.12 1999 – 3 StR 267/​99, NJW 2000, 1580, 1582[]
  9. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 07.01.2014 – 5 StR 613/​13, aaO Rn. 12[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 09.04.2009 – 3 StR 376/​08, aaO S. 271 f. mwN[]