Hang­be­ding­te Unter­brin­gung – und das Abse­hen von der Siche­rungs­ver­wah­rung

Nach dem gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len räumt § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB dem Tat­ge­richt die Mög­lich­keit ein, sich trotz der fest­ge­stell­ten hang­be­ding­ten Gefähr­lich­keit eines Ange­klag­ten auf das Fest­set­zen einer Frei­heits­stra­fe zu beschrän­ken, sofern erwar­tet wer­den kann, dass der Täter sich schon dies hin­rei­chend zur War­nung die­nen lässt 1.

Hang­be­ding­te Unter­brin­gung – und das Abse­hen von der Siche­rungs­ver­wah­rung

Damit wird dem Aus­nah­me­cha­rak­ter der Vor­schrift Rech­nung getra­gen, der sich dar­aus ergibt, dass sie eine frü­he­re Straf­ver­bü­ßung oder auch nur Ver­ur­tei­lung des Täters nicht vor­aus­setzt 2.

Ange­sichts des­sen war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof über­prüf­ten Fall die vom Land­ge­richt getrof­fe­ne Ent­schei­dung aus recht­li­chen Grün­den nicht zu bean­stan­den. Es hat das ihm zuge­bil­lig­te Ermes­sen erkannt, einen für sei­ne Aus­übung zutref­fen­den Maß­stab ange­legt und die für die Prü­fung wesent­li­chen Kri­te­ri­en in den Urteils­grün­den dar­ge­stellt. Bei sei­ner Abwä­gung durf­te es das rela­tiv gerin­ge Alter des bei Bege­hung der Taten 21, 25 bzw. 26 Jah­re alten Ange­klag­ten berück­sich­ti­gen 3. Gera­de im Hin­blick dar­auf hat es auch die zu erwar­ten­den Wir­kun­gen des mehr­jäh­ri­gen Straf­voll­zugs auf den über­wie­gend gestän­di­gen Ange­klag­ten nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt 4. Inso­fern ist das sach­ver­stän­dig bera­te­ne Land­ge­richt zu der Ein­schät­zung gelangt, "dass die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung des Ange­klag­ten noch nicht voll­stän­dig abge­schlos­sen sei, so dass durch die Ein­wir­kung des lan­gen und vor allem erst­ma­li­gen Haft­voll­zu­ges noch Ent­wick­lungs­räu­me eröff­net sei­en". In die­sem Zusam­men­hang hat es bean­stan­dungs­frei berück­sich­tigt, dass "im Ham­bur­ger Straf­voll­zug in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art … eine Sexu­al­the­ra­pie obli­ga­to­risch ist und der Ange­klag­te … einer sol­chen Behand­lung posi­tiv gegen­über­steht" 5, ins­be­son­de­re "bereits wäh­rend der Unter­su­chungs­haft einen ent­spre­chen­den Ände­rungs­pro­zess in Gang gesetzt" hat, wie sich dar­aus erge­be, dass er "über den Täter­Op­fer­Aus­gleich eine (Teil)Wie­der­gut­ma­chung für sei­ne Taten erstrebt habe".

Dabei hat das Land­ge­richt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs die beim Ange­klag­ten dia­gnos­ti­zier­te und ein hohes Rück­fall­ri­si­ko dar­stel­len­de Per­sön­lich­keits­stö­rung nicht aus den Augen ver­lo­ren, son­dern die­se aus­drück­lich in sei­ne Abwä­gung ein­be­zo­gen. Ein Fall der "höchs­ten denk­ba­ren Gefähr­lich­keits­stu­fe", der zu einer Ermes­sens­re­du­zie­rung auf Null hät­te füh­ren kön­nen 6, liegt nicht vor.

Aller­dings hat­te das Land­ge­richt § 66 Abs. 2 StGB nicht geprüft, obwohl des­sen Vor­aus­set­zun­gen eben­falls erfüllt sind. Die­ses Ver­säum­nis nötig­te jedoch aus­nahms­wei­se nicht zur Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Urteils. Zwar ver­langt die Bestim­mung gleich­falls eine tat­ge­richt­li­che Ermes­sens­ent­schei­dung. Der Bun­des­ge­richts­hof kann aber jeden­falls für eine Kon­stel­la­ti­on wie die vor­lie­gen­de, bei der über die Anord­nung der Unter­brin­gung eines bis­lang unbe­straf­ten Ange­klag­ten in der Siche­rungs­ver­wah­rung zu ent­schei­den ist, aus­schlie­ßen (§ 337 Abs. 1 StPO), dass die gebo­te­ne Abwä­gung ange­sichts der her­an­zu­zie­hen­den ver­gleich­ba­ren Kri­te­ri­en 7 zu einem Ergeb­nis gelangt wäre, das von dem zu § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB erziel­ten abge­wi­chen wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Okto­ber 2018 – 5 StR 274/​18

  1. vgl. BGH, Urteil vom 04.09.2008 – 5 StR 101/​08, NStZ 2010, 387, 389; Beschluss vom 13.09.2011 – 5 StR 189/​11, StV 2012, 196, 198[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 04.08.2011 – 3 StR 175/​11, NStZ 2011, 692, 693[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 05.10.1988 – 3 StR 406/​88, NStZ 1989, 67; vom 04.08.2011 – 3 StR 235/​11, StV 2011, 673; und vom 04.02.2014 – 3 StR 451/​13, NStZ-RR 2014, 107; sie­he auch Urteil vom 28.06.2017 – 5 StR 8/​17, NStZ 2017, 524, 526[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 03.02.2011 – 3 StR 466/​10, aaO; Beschlüs­se vom 11.09.2003 – 3 StR 481/​02, NStZ 2004, 438, 439; und vom 16.12 2014 – 1 StR 515/​14, NStZ-RR 2015, 73[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 13.09.2011 – 5 StR 189/​11, aaO; Urteil vom 08.08.2017 – 5 StR 99/​17, NStZ-RR 2017, 310, 311[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 03.02.2010 – 5 StR 535/​09[]
  7. zum "Gleich­klang" der Ermes­sens­prü­fun­gen vgl. BGH, Urteil vom 04.08.2011 – 3 StR 175/​11; Beschluss vom 16.12 2014 – 1 StR 515/​14; jeweils aaO[]