Heim­tü­cke – der zuerst nie­der­ge­schla­ge­ne „Mör­der”

Heim­tü­cke ist gege­ben, wenn der Täter die Arg- und Wehr­lo­sig­keit des Opfers bewusst zur Aus­füh­rung des töd­li­chen Angriffs aus­nutzt. Arg­los ist das Tat­op­fer, wenn es bei Beginn des ers­ten mit Tötungs­vor­satz geführ­ten Angriffs nicht mit einem gegen sei­ne kör­per­li­che Unver­sehrt­heit gerich­te­ten schwe­ren oder doch erheb­li­chen Angriff rech­net1.

Heim­tü­cke – der zuerst nie­der­ge­schla­ge­ne „Mör­der”

Hat das Opfer in der Tat­si­tua­ti­on mit ernst­haf­ten Angrif­fen auf sei­ne kör­per­li­che Unver­sehrt­heit gerech­net, schei­det Arg­lo­sig­keit im All­ge­mei­nen aus2.

Ob die Arg­lo­sig­keit auch dann aus­ge­schlos­sen ist, wenn die Kon­tra­hen­ten aus­drück­lich oder zumin­dest kon­klu­dent einen Faust­kampf ohne Waf­fen ver­ab­re­det haben, aber der Täter abre­de­wid­rig und über­ra­schend mit Tötungs­vor­satz eine Waf­fe ein­setzt3, muss der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall nicht ent­schei­den, weil er jeden­falls das Bewusst­sein des Ange­klag­ten zur Aus­nut­zung von Arg- und Wehr­lo­sig­keit des Geschä­dig­ten gegen­über dem auf sein Leben zie­len­den Angriff aus­ge­schlos­sen hat.

Vor­aus­set­zung heim­tü­cki­scher Bege­hungs­wei­se ist näm­lich auch, dass der Täter die von ihm erkann­te Arg- und Wehr­lo­sig­keit des Opfers bewusst zur Tat­be­ge­hung aus­nutzt4. Er muss die Lage nicht nur in einer äußer­li­chen Wei­se wahr­ge­nom­men, son­dern in ihrer Bedeu­tung für die Tat­be­ge­hung erfasst haben und ihm muss bewusst gewe­sen sein, einen durch Ahnungs­lo­sig­keit gegen­über dem Angriff schutz­lo­sen Men­schen zu über­ra­schen5; das kann aller­dings „mit einem Blick” gesche­hen6.

Dabei kann die Spon­ta­ni­tät des Tatent­schlus­ses im Zusam­men­hang mit der Vor­ge­schich­te der Tat und dem psy­chi­schen Zustand des Täters ein Beweis­an­zei­chen dafür sein, dass ihm das Aus­nut­zungs­be­wusst­sein fehl­te. Ande­rer­seits hin­dert nicht jede affek­ti­ve Erre­gung oder hef­ti­ge Gemüts­be­we­gung einen Täter dar­an, die Bedeu­tung der Arg- und Wehr­lo­sig­keit des Opfers für die Tat zu erken­nen7; dies ist viel­mehr eine vom Tat­ge­richt zu bewer­ten­de Tat­fra­ge8. Inso­weit kön­nen auch psy­chi­sche Aus­nah­me­zu­stän­de unter­halb der Schwel­le des § 21 StGB der Annah­me des Aus­nut­zungs­be­wusst­seins ent­ge­gen­ste­hen9.

Vor­lie­gend ist hin­sicht­lich der mit Tötungs­vor­satz began­ge­nen Hand­lung von einer „Augen­blick­s­tat” aus­zu­ge­hen. Dabei sind die star­ken Wut- und Rache­ge­füh­le des Ange­klag­ten zu berück­sich­ti­gen, die „in ihm hoch­ge­kom­men” sind, als er vom Geschä­dig­ten zu Boden geschla­gen wur­de; sei­ne Per­sön­lich­keits­stö­rung vom emo­tio­nal­in­sta­bi­len Typ hat die Anspan­nung ver­stärkt und die Alko­ho­li­sie­rung ist als ent­hem­men­der Fak­tor hin­zu­ge­kom­men. Zwar erscheint jeder die­ser Fak­to­ren für sich genom­men nicht not­wen­di­ger­wei­se geeig­net, das Aus­nut­zungs­be­wusst­sein des Ange­klag­ten hin­sicht­lich der Arg­lo­sig­keit des Geschä­dig­ten gegen­über einem töd­li­chen Angriff aus­zu­schlie­ßen. Die Umstän­de sind aber in ihrem Zusam­men­wir­ken zu bewer­ten.

Ein Han­deln des Ange­klag­ten aus nied­ri­gen Beweg­grün­den schließt der Bun­des­ge­richts­hof in die­sem Fall eben­falls aus:

Bei Moti­ven wie Wut und Erre­gung kommt es dar­auf an, ob die­se Gefühls­re­gun­gen jedes nach­voll­zieh­ba­ren Grun­des ent­beh­ren und das Hand­lungs­mo­tiv wegen eines kras­sen Miss­ver­hält­nis­ses zum Anlass in deut­lich wei­ter rei­chen­dem Maß als bei einem Tot­schlag ver­ach­tens­wert erscheint10. Dies ist mit Blick auf die Pro­vo­ka­ti­on des Ange­klag­ten durch den Getö­te­ten vor dem Kampf und die Reak­ti­on des Ange­klag­ten auf die Wir­kung der Schlä­ge und Trit­te des Geschä­dig­ten bereits zwei­fel­haft.

Jeden­falls ist die sub­jek­ti­ve Sei­te des Mord­merk­mals zu ver­nei­nen. So muss zur objek­ti­ven Bewer­tung der Hand­lungs­an­trie­be als „nied­ri­ge Beweg­grün­de” hin­zu­kom­men, dass sich der Täter bei der Bege­hung der Tat auch der Umstän­de bewusst ist, die sei­ne Beweg­grün­de für die Rechts­ge­mein­schaft als nied­rig erschei­nen las­sen11. Er muss die­se Beweg­grün­de gedank­lich beherr­schen und wil­lens­mä­ßig steu­ern kön­nen12. Das kann bei einer affek­ti­ven Anspan­nung auch auf­grund einer Per­sön­lich­keits­stö­rung aus­ge­schlos­sen sein13, erst recht, wenn wei­te­re Fak­to­ren, wie eine Alko­ho­li­sie­rung, hin­zu­kom­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. August 2014 – 2 StR 605/​13

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 29.04.2014 – 3 StR 21/​14 mwN
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 09.04.2002 – 5 StR 5/​02, NStZ-RR 2002, 233, 234
  3. vgl. Hof­mann NStZ 2011, 66 f.; NK/​Neumann, StGB, 4. Aufl., § 211 Rn. 60; Matt/​Renzikowski/​Safferling, StGB, 2013, § 211 Rn. 42
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 02.12 1957 – GSSt 3/​57, BGHSt 11, 139, 144; Urteil vom 11.12 2012 – 5 StR 438/​12, NStZ 2013, 232, 233
  5. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.2009 – 2 StR 470/​08, NStZ 2009, 569, 570
  6. BGH, Urteil vom 08.10.1969 – 3 StR 90/​69, BGHSt 23, 119, 121
  7. vgl. BGH, Urteil vom 11.06.2014 – 2 StR 117/​14
  8. BGH, Urteil vom 11.12 2012 – 5 StR 438/​12, NStZ 2013, 232, 233 mwN
  9. vgl. BGH, Urteil vom 12.06.2014 – 3 StR 154/​14 mwN
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 30.07.2013 – 2 StR 5/​13, NStZ 2013, 709, 710
  11. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.2001 – 2 StR 259/​01, BGHSt 47, 128, 133
  12. vgl. BGH, Urteil vom 01.03.2012 – 3 StR 425/​11, NStZ 2012, 691, 692
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 17.04.2007 – 5 StR 548/​06, NStZ 2007, 525