Heim­tü­cke – und die Fra­ge der Wehr­lo­sig­keit

Heim­tü­ckisch han­delt, wer in feind­li­cher Wil­lens­rich­tung die Arg- und Wehr­lo­sig­keit des Tat­op­fers bewusst zur Tötung aus­nutzt. Wesent­lich ist, dass der Mör­der sein Opfer, das kei­nen Angriff erwar­tet, also arg­los ist, in einer hilf­lo­sen Lage über­rascht und dadurch dar­an hin­dert, dem Anschlag auf sein Leben zu begeg­nen oder ihn wenigs­tens zu erschwe­ren.

Heim­tü­cke – und die Fra­ge der Wehr­lo­sig­keit

Das Opfer muss gera­de auf Grund sei­ner Arg­lo­sig­keit wehr­los sein.

Maß­ge­bend für die Beur­tei­lung ist die Lage bei Beginn des ers­ten mit Tötungs­vor­satz geführ­ten Angriffs 1.

Kann das Opfer in die­sem Moment dem Täter nichts Wir­kungs­vol­les ent­ge­gen­set­zen, ist von des­sen Wehr­lo­sig­keit selbst dann aus­zu­ge­hen, wenn es im wei­te­ren Ver­lauf des Kampf­ge­sche­hens Abwehr­maß­nah­men zu ent­fal­ten ver­mag 2.

Beim ver­such­ten Delikt ist zu prü­fen, ob der Täter die genann­ten Kri­te­ri­en des Heim­tü­cke­merk­mals in sei­nen Vor­satz auf­ge­nom­men hat.

Soweit ein ver­such­tes Tötungs­de­likt nach §§ 211, 22, 23 StGB zu prü­fen ist, muss bezüg­lich des Tatent­schlus­ses der Ange­klag­ten dar­auf abge­stellt wer­den, ob die Täter bei Ein­tritt des Tötungs­de­likts in das Ver­suchs­sta­di­um davon aus­gin­gen, gegen ein arg­lo­sig­keits­be­dingt wehr­lo­ses Opfer vor­zu­ge­hen.

Dar­über hin­aus wird für die Fra­ge einer objek­tiv bestehen­den arg­lo­sig­keits­be­ding­ten Wehr­lo­sig­keit ein fal­scher recht­li­cher Maß­stab ange­legt, wenn dar­auf abge­stellt wird, dass das Opfer im wei­te­ren Ver­lauf der Tat noch zu Gegen­wehr imstan­de war.

Daher muss bei einem ver­such­ten Tötungs­de­likt der Zeit­punkt des Ent­ste­hens des Tötungs­vor­sat­zes unter Erör­te­rung der oben genann­ten Umstän­de klar fest­ge­legt wer­den, um dar­auf auf­bau­end die Fra­ge eines heim­tü­cki­schen Han­delns in dem fest­ge­stell­ten Zeit­punkt zu beant­wor­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Febru­ar 2016 – 5 StR 465/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 04.07.1984 – 3 StR 199/​84, BGHSt 32, 382, 383 f.; vom 09.01.1991 – 3 StR 205/​90, NJW 1991, 1963; vom 29.04.2009 – 2 StR 470/​08, NStZ 2009, 569[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 11.10.2005 – 1 StR 250/​05, NStZ 2006, 96; Münch­Komm-StG­B/­Schnei­der, 2. Aufl., § 211 Rn. 174 mwN[]