Hoo­li­gans als kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung

Hoo­li­gans kön­nen eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung sein. Dies hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof ange­nom­men und die Ver­ur­tei­lung von fünf Ange­klag­ten weit­ge­hend bestä­tigt, gegen die das Land­ge­richt Dres­den 1 wegen Mit­glied­schaft in einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung, teil­wei­se in Tat­ein­heit mit schwe­rem Land­frie­dens­bruch und mit gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung auf Frei­heits- bzw. Geld­stra­fen erkannt hat­te.

Hoo­li­gans als kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung

Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts waren die Ange­klag­ten Rädels­füh­rer bzw. Mit­glie­der einer in Dres­den ansäs­si­gen Grup­pie­rung von Hoo­li­gans, die im zeit­li­chen und räum­li­chen Umfeld von Fuß­ball­spie­len des Ver­eins Dyna­mo Dres­den, aber auch unab­hän­gig davon an ande­ren Orten, Kämp­fe gegen ande­re Hoo­li­gans aus­focht, zu denen sich die Grup­pie­run­gen zumeist vor­her ver­ab­re­det hat­ten. Für die Kämp­fe exis­tier­ten unge­schrie­be­ne, aber in den ein­schlä­gi­gen Krei­sen all­ge­mein aner­kann­te Regeln. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen dau­er­ten oft nur eini­ge Sekun­den, höchs­tens Minu­ten und waren been­det, wenn alle Kämp­fer einer Sei­te am Boden lagen, flo­hen oder wenn sonst die Nie­der­la­ge aner­kannt wur­de. "Kampf­rich­ter", die bei Regel­ver­stö­ßen oder Ver­let­zun­gen der Betei­lig­ten unmit­tel­bar ein­grif­fen, gab es nicht. Allen­falls wur­den Regel­ver­stö­ße anschlie­ßend dis­ku­tiert und konn­ten dazu füh­ren, dass der Ver­ur­sa­cher nicht mehr zu Kämp­fen mit­ge­nom­men wur­de.

In dem über zwei Jah­re andau­ern­den Tat­zeit­raum kam es zu meh­re­ren sol­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen, teil­wei­se konn­ten ver­ab­re­de­te Kämp­fe wegen der hohen Poli­zei­prä­senz nicht aus­ge­foch­ten wer­den. Das Land­ge­richt hat nur in einem die­ser Fäl­le ange­nom­men, dass sich die Betei­lig­ten wegen gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung straf­bar gemacht hät­ten; denn nur in die­sem Fall sei wegen der Anzahl der Kämp­fer auf bei­den Sei­ten die Gefähr­lich­keit der gegen­sei­ti­gen Angrif­fe so groß gewe­sen, dass die jewei­li­gen Kör­per­ver­let­zungs­hand­lun­gen trotz der von den Betei­lig­ten still­schwei­gend erklär­ten Ein­wil­li­gung in ihre Ver­let­zun­gen sit­ten­wid­rig gewe­sen sei­en. Die Ein­wil­li­gun­gen hät­ten daher gemäß § 228 StGB kei­ne recht­fer­ti­gen­de Wir­kung ent­fal­ten kön­nen. In den ande­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen habe eine der­art hohe Gefähr­lich­keit der gegen­sei­ti­gen Tät­lich­kei­ten nicht vor­ge­le­gen, sodass die erteil­ten Ein­wil­li­gun­gen wirk­sam und die Kör­per­ver­let­zun­gen daher gerecht­fer­tigt gewe­sen sei­en.

In einem wei­te­ren Fall hat die Dresd­ner Straf­kam­mer in einem Angriff auf meh­re­re tür­ki­sche Gas­tro­no­mie­be­trie­be in der Dres­de­ner Neu­stadt im Som­mer 2008 eben­falls eine Tat der Ver­ei­ni­gung erblickt und die dar­an betei­lig­ten Ange­klag­ten inso­weit auch wegen schwe­ren Land­frie­dens­bruchs ver­ur­teilt.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Auf­fas­sung des Land­ge­richts Dres­den, bei der Grup­pie­rung der Ange­klag­ten habe es sich um eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung im Sin­ne des § 129 Abs. 1 StGB gehan­delt, im Ergeb­nis bestä­tigt. Anders als das ange­foch­te­ne Dresd­ner Urteil sieht der Bun­des­ge­richts­hof die Tät­lich­kei­ten im Rah­men der ver­ab­re­de­ten Prü­ge­lei­en unab­hän­gig von einer grö­ße­ren Anzahl von Kämp­fern auf bei­den Sei­ten (und der Här­te des Unter­grunds am "Kampf­ort") als straf­ba­re (gefähr­li­che) Kör­per­ver­let­zun­gen an. Die­se Bewer­tung lei­tet der Senat dar­aus ab, dass die Betei­lig­ten rechts­wid­rig und schuld­haft den Straf­tat­be­stand der Teil­nah­me an einer Schlä­ge­rei (§ 231 StGB) ver­wirk­lich­ten, wofür die Ein­wil­li­gung der Kämp­fer in die Kör­per­ver­let­zungs­hand­lun­gen nach der Geset­zes­struk­tur von vorn­her­ein kei­ne recht­fer­ti­gen­de Wir­kung ent­fal­ten kann. An die­ser Beur­tei­lung der Kör­per­ver­let­zungs­hand­lun­gen ändert sich auch nichts des­we­gen, weil bei kei­ner der Prü­ge­lei­en eine der in § 231 StGB als Bedin­gung der Straf­bar­keit vor­aus­ge­setz­ten schwe­ren Fol­gen (Tod eines Men­schen oder schwe­re Kör­per­ver­let­zung im Sin­ne des § 226 StGB) ein­ge­tre­ten ist und daher eine Bestra­fung nach die­ser Vor­schrift nicht in Betracht kam. Weil die Grup­pie­rung der Ange­klag­ten gera­de auch auf die Aus­übung von Tät­lich­kei­ten im Rah­men von Schlä­ge­rei­en aus­ge­rich­tet war, bestand ihr Zweck und ihre Tätig­keit daher in der Bege­hung straf­ba­rer (gefähr­li­cher) Kör­per­ver­let­zun­gen. Da sie auch die übri­gen von § 129 Abs. 1 StGB vor­aus­ge­setz­ten Merk­ma­le erfüll­te, hat sie das Land­ge­richt im Ergeb­nis somit rechts­feh­ler­frei als kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung erach­tet.

Der Über­fall auf die tür­ki­schen Gas­tro­no­mie­be­trie­be kann nach Ansicht des Senats der Ver­ei­ni­gung hin­ge­gen nicht zuge­rech­net wer­den. Das Ver­fah­ren war des­halb hin­sicht­lich zwei­er Ange­klag­ter man­gels wirk­sa­mer Ankla­ge­er­he­bung ein­zu­stel­len; hin­sicht­lich eines wei­te­ren Ange­klag­ten war der Schuld­spruch auf Bei­hil­fe zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung zu ändern. Für die­se drei Ange­klag­ten muss wegen des ver­blei­ben­den gerin­ge­ren Schuld­um­fangs die Stra­fe neu zuge­mes­sen wer­den; im Übri­gen ist das Urteil des Land­ge­richts Dres­den rechts­kräf­tig.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Janu­ar 2015 – 3 StR 233/​14

  1. LG Dres­den, Urteil vom 29. April 2013 – 14 KLs 204 Js 41068/​08 (2) []